Fahrraddiebe – Ladri di biciclette (Foto: Juppiter Film)
Fritz Jurmann · 10. Feb 2025 · Musik

Bunt wie ein Chamäleon

Das SOV unter Chefdirigent Leo McFall trumpfte beim 4. Abo-Konzert mit gleich zwei Solistinnen auf

Ein ziemlich abenteuerlicher Mix aus verschiedenen Epochen und Himmelrichtungen bildete das Programm dieses 4. Abo-Konzerts des Symphonieorchesters Vorarlberg am Wochenende in Feldkirch und im Bregenzer Festspielhaus. So heterogen, dass man meinen hätte können, der derzeit grassierende Fasching sei bei dessen Erstellung Pate gestanden. Das wäre aber dann doch eine allzu billige Analogie zu dem großteils hochqualitativen Repertoire des Abends und zum tatsächlichen Eindruck, den ein motiviertes, gut aufgestelltes SOV bei solcher Vielfalt, bunt und anpassungsfähig wie ein Chamäleon, mit aller technischen und klanglichen Flexibilität zu vermitteln versteht.

Auch für das Publikum lichten sich bei näherem Hinhören die anfänglichen Nebel des Bedenkens, denn die Erfinder dieses Konstrukts haben zwischen den entfernt liegenden Polen immer wieder auch kleine Brücken und Analogien eingebaut, die inhaltliche oder stilistische Zusammenhänge erleichtern. Und da ist ja auch noch der Jazz, der sich als Amalgam praktisch über das gesamte Programm erstreckt, vieles überstrahlt und diesseits und jenseits der Rampe weitgehend für ansteckend gute Laune sorgt. Kein Wunder in einem Klangkörper mit relativ jungem Altersdurchschnitt, in dem diese Spielart zum Alltäglichen gehört.

Dirigent als Brückenbauer

Als Brückenbauer unter so viel Verschiedenartigem bewährt sich dabei einmal mehr Chefdirigent Leo McFall, der nicht nur unter Insidern für seine penible Probenarbeit bekannt ist. Das Ergebnis sind in diesem Fall bis ins Detail ausgefuchste Interpretationen, die dennoch nie in letzter Präzision erstarren, sondern in der raumgreifenden, wohltuend ruhigen Art des Dirigenten zum Leben erweckt werden. Dies trägt auch diesmal viel zum geschlossenen Eindruck, hoher Klangkultur und technischer Brillanz bei, wie man sie längst vom SOV erwartet. 
Gleich das erste Stück trägt schon ein wichtiges Jazz-Element im Namen, „Avec Swing“ des Peruaners Jimmy López, und gibt sich auch so, leichtfüßig und fast ohne Erdenschwere. Das große Orchester ist für diesen derzeit international viel gespielten, gerade mal fünfminütigen „Aufwecker“ für das Publikum auf die zwölfköpfige Besetzung einer „Klassik-Band“ reduziert, ein Streichquintett, vier Holz, zwei Blech und eine Schlagzeug-Batterie. Am ersten Pult wirkt erstmals beim SOV und unübersehbar die fantastische deutsche Geigerin Sophie Heinrich, die man hier von ihren früheren Jahren als Konzertmeisterin der Wiener Symphoniker kennt (siehe dazu das Löbl-Interview in der aktuellen Ausgabe der KULTUR (Februar)). Kaum hat man richtig begriffen, was der Komponist in ausgeklügelten Arrangements in dieser Mini-Besetzung mit kleinen solistischen Ausflüchten überhaupt will, ist diese Petitesse auch schon vorübergehuscht. Und hat auch ihre Wirkung nicht verfehlt, nämlich das Publikum auf eines der mitreißendsten Klavierkonzerte des 20. Jahrhundert einzustimmen, jenes in G-Dur von Maurice Ravel (1931).

Perfekte Balance zwischen Klassik und Jazz

Die amerikanische Pianistin Claire Huangci, die nach mehreren gemeinsamen Auftritten seit 2009 längst zum Stammpersonal des SOV gehört, rückt dieses Feuerwerk der Klavierkunst mit der gebührenden Hochachtung und ausgestattet mit höchster Virtuosität ins Zentrum des Abends. Für sie ist dieses Werk „die perfekte Balance zwischen Klassik und Jazz“, und so schüttelt sie die perlenden Kaskaden in den Ecksätzen auch wörtlich aus dem Handgelenk, betont dabei die typisch perkussiven Basstöne, hoch konzentriert zwar, aber ohne aufgeregtes Showgehabe. Dies lässt auch den zentralen Mittelsatz in seinen Dialogen mit den wunderbar antwortenden Holzbläsern im Orchester sehr plastisch erscheinen. Wie überhaupt das SOV in der ungemein präsenten, aber nie vordergründigen Begleitung geradezu ein Exempel statuiert. Huangcis vom Publikum stürmisch verlangte Zugabe ist perfekt gewählt, denn mit einer Paraphrase über George Gershwins populärem Song „The Man I Love“ verweist sie auf den amerikanischen Komponisten, der Ravel bei seinem Klavierkonzert spürbar über die Schulter geblickt hat. 
Nach diesem Wohlfühlprogramm geht es für die Zuhörer:innen zu kantig aufgepeppten zeitgenössischen Klängen, die von dem 40-jährigen Spanier Francisco Coll stammen. Er hat 2014  spanische Folklore und Flamenco-Rhythmen und -Melodien behutsam für Solovioline und Kammerorchester zu plastischen, klanglich geschärften, aber gut hörbaren „Iberischen Miniaturen“ verarbeitet. Da ist Sophie Heinrich das zweite Mal an diesem Abend am Werk, diesmal im feuerroten Abendkleid als Solistin, die für diese aktuellen Klänge ein ausgesprochenes Feeling entwickelt, während Kollegin Monika Schuhmayer dieweil die Funktion der Konzertmeisterin im Orchester übernimmt.

Landläufig ein „Schinken“

Das letzte und komplexeste Werk dieses Abends, nun ein weiteres Mal mit Sophie Heinrich als Konzertmeisterin, driftet dann etwas von dem gefälligen Genre der ersten drei Kompositionen ab. Auch wenn sich Igor Strawinsky generell und speziell für seine während des Zweiten Weltkrieges in den USA entstandene und 1946 uraufgeführte „Symphony in Three Movements“ jede Annäherung an eine Programmmusik verbeten hat, so ist und bleibt es doch eine unter dem persönlichen Eindruck des Komponisten in diesen Jahren entstandene Kriegssymphonie. Da gibt es Fanfaren, motorische Rhythmen, Marschähnliches und im ersten Teil das Skelett eines unfertig gebliebenen Klavierkonzertes von Strawinsky, das Johannes Hämmerle auf einem Orchesterklavier authentisch in Erinnerung ruft. Orchester und Dirigent haben sich mit der Erarbeitung dieses Werkes viel Mühe gemacht und kommen mit viel Blechgeschmetter zu glänzend auftrumpfenden oder sanft verhaltenen Ergebnissen. Auch wenn der Krieg dabei nicht verherrlicht wird, bleibt es doch allemal Kriegsmusik voll Aggression, Schmerz und Trauer.
Besser gepasst ins Gesamtkonzept hätte in Zeiten wie diesen freilich ein aufbauendes Stück mit freundlicherer Thematik. Umso mehr, als diese Symphonie aus heutiger Sicht auch als etwas abgestanden, überholt und altbacken gilt. Etwas, das man in Fachkreisen landläufig gerne auch als „Schinken“ bezeichnet. Der Applaus des Publikums bleibt am Schluss denn auch freundlich und gilt vor allem den Mitwirkenden.