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15.08.2019 |  Peter Niedermair

Australisches Circustheater in Willi Pramstallers Lustenauer Freudenhaus: Gravity & Other Myths – „A Simple Space“

Sieben athletisch hoch talentierte Akrobaten, fünf Männer und zwei Frauen, schieben ihre physischen Grenzen ins Uferlose und darüber hinaus. Wild, rasend, filigran und in einer Szene empfindlich bis zum Adamskostüm. Der Perkussionist wirbelt mit den Sticks auf dem Schlagzeug und grundiert in forttreibendem Rhythmus die akrobatischen Gustostückerln, treibt den Künstlern den Schweiß aus den Poren, den sich die gut gelaunten Individualisten der Compagnie mit spielerisch lockeren Gesten und weißen Handtüchern abwischen. Das ist Atem anhaltend spannend inszeniert, ironisch-humorvoll und sehr sympathisch entwickelt. Mit allen diesen Zwischenspielen in den Intervallen und Pausen, die sämtliche den menschlichen Grunderfahrungen entsprechen, wird die choreographisch und dramaturgisch aufgebaute Spannung nach bzw. vor den einzelnen Akten wieder abgebaut, das atemlos Leichte kommt wieder zum Atmen, das Publikum kann erleichtert auf- und mitatmen, die Anspannung kann sich lockern, bis der nächste Spannungsbogen sich aufbauen kann. Damit geschieht im Hintergrund als Zwischenspiel, ganz unbemerkt, eine Form von Identifikation mit den Akteuren auf der Bühne. Da wird ein bisschen an einzelnen Lampen, die an Stangen in den vier Ecken der Bühnenfläche postiert sind, auf- und abgedreht … die Ouvertüre zum nächsten Stück hat schon begonnen. Die Akrobaten bauen in höchster Konzentration die folgende Übung auf.

Vergiss die Zeit – der Abend ist spannend wie selten ein anderer

Dabei sieht alles so leicht und unbeschwert aus, so ungeschminkt, alles Vorgeführte besteht aus nicht viel mehr als roher menschlicher Kraft und katzenhafter Gelenkigkeit, es gibt keine akrobatischen Hinterkammern, in denen sich die Akteure verstecken könnten, ihre Persönlichkeit, gerade auf der nonverbalen Ebene, schimmert in jedem Moment durch. Wie im Theater erscheinen sie als individuelle Charaktere und Figuren eines Dramas, in dem sie die körperlichen und emotionalen Verwobenheiten untereinander zeigen und dialogisieren. Man hat das Gefühl, die vertrauen sich blind, ob das in der vierten Etage der Figurenpyramide ist, oder wenn sie sich zentrifugal um verschiedene Achsen wirbeln. Kraft und Zartheit, Schweben und Driften, Schaukeln und Hüpfen, Drehen und Fliegen, auf- und ineinander Klettern, Bilder, deren Physikalität auf dem Stuhl am Zuschauerplatz nachempfindbar ist. Zumindest sitzt man an der vorderen Kante des Stuhls, was ich bei mir nur im Kino erlebe, wenn Rosemary’s Baby von Roman Polanski oder zum Beispiel Vertigo von Alfred Hitchcock spielt, wenn einem praktisch der eigene Atmen zum Stehen kommt und man die Hände nach innen gekrallt vor den Mund hält. „A Simple Space“, der Titel des Stücks, suggeriert diese Leichtigkeit, die so verführerisch einfach aussieht, im Grunde genommen jedoch von den Akrobaten alles abverlangt.
Es gibt in dieser Aufführung nichts Fein-Abgestimmtes, die Lichtregie ist reduziert auf das Sehen-und-Wahrnehmen-Können, alles Theatralische ist so leichtfüßig und verspielt, wenn zum Beispiel körbeweise kleine, bunte Spielbälle im Publikum verteilt werden, die dann auf die Bühne geworfen werden und ein farbenreiches Durcheinander verursachen. Partizipation von hoher Qualität, nicht effekthaschend, sondern einladend. Alex Flood, der Perkussionist, begleitet den Herzschlag mit seinem getrommelten Beat, in einer Nummer  hat er einen Soloauftritt, bespielt mit seinen Händen seine Gliedmaßen und den Körper in einer Body Percussion, beklopft sie und beklatscht sie und animiert das Publikum in seiner Echokammer und refrainartigem Reagieren. Die Schwerkraft wird gleich zu Beginn der einstündigen Performance „aufgefangen“, dass die Akteure, die „Falling“ rufen und sich dabei fallen lassen, in einer Gerade-noch-Präzision, dass einem in den ersten paar Sekunden schon die Spannung in die Arme und Beine kribbelt, vor dem Bodenkontakt „retten“ lassen. Damit ist der Grundton angeklungen, so geht es eine Stunde lang weiter. Das Publikum vergisst die Zeit, lässt sich verzaubern und faszinieren, wie die Akteure scheinbar alle Naturgesetze der Schwerkraft überwinden bzw. außer Kraft setzen. Und das alles mit so viel Freude. Es wird viel gelacht, das Publikum, das sich bestens amüsiert, ist der relativ kleinen Bühne ganz nahe, hört und spürt die stille gestische Kommunikation der Performer und vor allem ihren Atem. Gleichzeitig dürfen da Fehler passieren oder kleine Schwächen auftauchen, gefolgt von einer Geste des Zutrauens und Ermunterns.

Schwerkraft und andere Mythen für einen Abend entzaubert

Gravity & Other Myths ist eine mehrfach international ausgezeichnete australische Akrobaten-Compagnie. Die Gruppe begann 2009 im Südaustralischen Adelaide; sie hat ein Credo, das ist der Spirit der ehrlichen, reduzierten Akrobatik, alles ungeschminkt, unprätentiös. Sie bewegen sich zirkuschoreographisch abseits des Traditionellen und aller übrigen Theaterkonzepte. Ihre Erzählung ist die Fusion einfacher, ehrlicher, effektiver und ungeschminkter Akrobatik. Die Gruppe tourt in unterschiedlicher Zusammensetzung auf allen Kontinenten, Script, Choreographie und Regie wechselt mit jeder neuen Komposition. Hinter allen Inszenierungen steht höchste Kreativität, Ursprünglichkeit, Humor und überragende körperliche Vitalität. Während der Aufführung wurde wiederholt szenisch applaudiert; Applaus für den Mut der Akrobaten, den funkensprühenden Humor, ihre akrobatischen Fertigkeiten und auch die Bescheidenheit ihres Auftritts. Da ist nichts Selbstinszenierendes, Effekt-Heischendes. Das Akrobatik-Kollektiv aus Adelaide stellt die Akrobatik Welt in „A Simple Space“ einfach nur auf den Kopf und führt ein völlig neues Zirkusgenre in die Welt der exquisiten Bühnenshows mit höchstem Unterhaltungswert und Vergnügen ein. Jedes Stück des gesamten Abends lebt von einer individuellen Choreographie und Dynamik, alle mitsamt kleine, rondoartige Dramolette, deren Pausen den Akrobaten dieses bisschen Zeit geben, die sie brauchen, um auszuschnaufen und sich neu zu konzentrieren. Kurz und knapp, einfachst kostümiert, keine Bühnendekoration, keine Reden und Erläuterungen, kein moralisierendes Fingerzeigen, das ist man im religiösen Europa so nicht gewohnt. Hier hat sich die Bühne tendenziell immer als moralische Anstalt ausgewiesen, nur um Schiller und das Theater kurz zu erwähnen. Der Name steht fürs Konzept der Choreographie. A Simple Space. Wenn man ihnen zuschaut, und das kann man noch zweimal diese Woche, am kommenden Freitag und Samstag, spürt man eine beinahe kindliche Verspieltheit – „watch the children play“ –, die im Nu als begeisternder Funke zwischen den Akrobaten und dem Publikum hin und her hüpft. Ihre Bühnenpräsenz ist phänomenal, ihr Humor ist ansteckend. Manchmal spürt man ein Element von hervorragend gespielter Konkurrenzsituation, wenn sich die Combo in zwei Hälften teilt, die beide am selben Thema ihre Kunst demonstrieren, an deren Ende dann ein quasi „best in show“ steht.

Zirkusillusionen lassen die Sterne über Lustenau aufgehen

Eigentlich ist das alles, was sie auf dieser relativ kleinen Bühne zeigen, recht gefährlich, es sieht nicht nur so aus, es ist so. Ich stelle mir vor, an einem solchen Abend wie gestern im Freudenhaus kommt es zu enormen Adrenalinschüben. Auf der Bühne wie im Freudenhauszelt. Mein Fahrrad jedenfalls fuhr mich nach der Aufführung wie von alleine nach Hause. Auf der Bühne triumphieren letztendlich nicht Kostüme oder Tricks, optische Täuschungen oder andere Illusionen, denen man sich im Zirkus sonst gerne hingibt, es ist ein hochvergnügliches Zirkus-Erlebnis, bei der die Reduktion auf die akrobatischen Fähigkeiten der Gruppe fokussiert. Während der 60 Minuten hört man manchmal einzelne Leute im Publikum kleine Jubelseufzer ausstoßen. Am Ende sind diese längst in tosenden Applaus und erlöstem Jubel übergegangen. Der Abend ist ein rundum großes Vergnügen. Willi Pramstaller, der künstlerisch-programmierende Mastermind des Freudenhauses, soll sie auf jeden Fall wieder einladen.

Besetzung: Andre Augustus, Annalise Moore, Ashleigh Pearce, Benton Adams-Walker, Chris Carlos, Joshua Stachan & William Meager Musik: Alex Flood

Weitere Termine: Freitag, 16.8. und Samstag, 17.8., jeweils 20.30
Freudenhaus Lustenau, Dornbirnerstraße
Restkarten an der Abendkassa!

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