Belastende Pressekonferenzen und TV-Duelle (Foto: TFCITD)
Michael Löbl · 10. Jul 2023 · Musik

Klassik Krumbach

Obwohl hervorragend interpretiert, konnten die ausgewählten Werke im Abendkonzert am Samstag, den 8. Juli nicht auf ganzer Linie überzeugen

Ein kleines Festival wie im Bilderbuch, Kammermusik auf höchstem Niveau in einer idyllischen Umgebung - das ist Klassik Krumbach. Das Bregenzer Geschwisterpaar Natalia Sagmeister und Alex Ladstätter hatten die Idee, die Gemeinde Krumbach bot spontan Unterstützung an, Sponsoren konnten gewonnen werden, und so kann Klassik Krumbach heuer bereits zum sechsten Mal stattfinden.

Zwei Konzerte in der Pfarrkirche, ein Eröffnungsabend im Pfarrsaal und ein Open-air-Kinderkonzert bilden traditionell den Rahmen des Festivals von Freitagabend bis Sonntagmittag. Übrigens ein guter Trick, um die örtliche Gastronomie zu beleben: Man kündigt den Konzertbeginn auf der Website mit 19 Uhr an, beginnt dann aber erst eine halbe Stunde später. Hat bestens funktioniert! Die Geigerin Natalia Sagmeister und der Klarinettist Alex Ladstätter leben seit vielen Jahren in Wien. Sie ist Stimmführerin beim Tonkünstler Orchester Niederösterreich, er hat gerade sein Probejahr im Orchester der Wiener Staatsoper bestanden und wird daher - so läuft nun mal das traditionelle Procedere in Wien - in ein paar Jahren offiziell als Mitglied in den „Verein Wiener Philharmoniker“ aufgenommen werden. Das Musikernetzwerk der Geschwister ist riesig und es gelingt ihnen Jahr für Jahr, hervorragende Kolleginnen und Kollegen in den wunderschönen Bregenzerwald zu lotsen. Diesmal sind das der Geiger Sebastian Caspar, die Bratschistin Sindy Mohamed, der Cellist Florian Schmidt-Bartha und der Pianist José Galliardo. Die Gestaltung des Kinderkonzertes am Samstagnachmittag übernahm Julia Ruthensteiner-Schwarz. Alle Interpretationen dieses Samstagabends sind auf höchstem Niveau, vom Streichquartett Sagmeister / Caspar / Mohamed / Schmidt-Bartha würde man spontan auch sehr gerne einen Beethoven, Schubert oder Bartók hören. 

Unbekannte Schätze entdecken

Einer der Grundgedanken des Festivals ist es, neben dem gängigen Kammermusikrepertoire immer auch Unbekanntes und selten Gespieltes in den Mittelpunkt der Konzerte zu stellen und dabei zu Unrecht vergessene Juwelen zu entdecken. Letztes Jahr wurde dieser Plan mit dem Sextett op. 37 von Ernst von Dohnanyi zu 100 Prozent erfüllt. Ein sehr selten gespieltes Meisterwerk begeisterte das Publikum mit einer großartigen Aufführung. Auch in diesem Jahr hat man dieses Konzept beibehalten und Unbekanntes von Sergei Prokofieff sowie Komponisten wie Franz Schmidt und Carl Frühling in das Programm integriert. 
Beim ersten Streichquartett von Sergei Prokofieff im Konzert am Samstagabend stellte sich der gewünschte Effekt auch sofort ein. Warum bitte ist das fast nie zu hören? Das Stück bietet alles, was man an diesem Komponisten schätzt: unglaublichen rhythmischen Drive, interessante Themen und vorwärtsdrängende Energie. Spätestens während des schnellen Teils im zweiten Satz fragt man sich, warum dieses Werk nicht auf der Repertoireliste jedes professionellen Streichquartettes zu finden ist. Die Antwort erfolgt ziemlich bald, denn der dritte und letzte Satz ist leider nicht ganz auf der Höhe der ersten beiden. Das etwas eintönige Andante bietet rhythmisch wie melodisch wenig Abwechslung, und ohne dem genialen Komponisten zu nahe treten zu wollen - diese Suppe ist einfach zu dünn für eine Viertelstunde Musik.
Auch die anderen beiden Werke des Abends weisen ähnliche Symptome auf. Bei Prokofieffs Opus 34, seiner „Ouvertüre über hebräische Themen für Klarinette, Streichquartett und Klavier“ verspricht der Name mehr, als er halten kann. Vielleicht haben wir bereits zuviel Klezmer von allen möglichen Klarinettisten von Giora Feidman bis zu Martin Fröst gehört und daher eine falsche Erwartungshaltung. Prokofieffs hebräische Themen wirken etwas altmodisch, um nicht zu sagen langweilig, auch weil es nur ein einziges Motiv schafft, im Gedächtnis des Zuhörers zu verweilen.

Musik von Schubert'scher Tragik

Nach der Pause: das Quintett in B-Dur für Klarinette, Violine, Viola, Violoncello und Klavier (aber nur für die linke Hand) von Franz Schmidt, einem Zeitgenossen von Gustav Mahler und Anton Bruckner, Pianist, Cellist, Komponist, Rektor der Wiener Musikakademie und zweifellos einer der bedeutendsten Musiker seiner Zeit. Das Quintett war ein Auftragswerk des Wiener Pianisten Paul Wittgenstein, der als Soldat im Ersten Weltkrieg diente und dabei seine rechte Hand verlor. Da Wittgenstein aus einer äußerst wohlhabenden Familie stammte, war es ihm möglich, bei den prominentesten Komponisten seiner Zeit Werke für die linke Hand in Auftrag zu geben: Benjamin Britten, Richard Strauss, Maurice Ravel, Paul Hindemith, Erich Wolfgang Korngold, aber auch Sergei Prokofieff schrieben Klavierkonzerte, Kammermusik oder Solowerke für ihn. So auch Franz Schmidt.   
Der zweite Satz dieses Quintettes in B-Dur, ein über 15-minütiges, ergreifendes Lento von Schubert'scher Länge und Tragik, ist etwas ganz Besonderes. Ein sich stetig steigerndes, ostinatoartig wiederkehrendes Thema wird abwechselnd von den einzelnen Instrumenten aufgegriffen und kombiniert. Nach zwei scherzoartigen, schnellen Zwischenteilen kehrt das pochende Motiv immer wieder und unerbittlich zurück. Speziell im Gedächtnis bleiben die langen Bratschensoli, musikalisch ausdrucksvoll und klanglich herausragend gespielt von Sindy Mohamed. Die beiden Ecksätze allerdings fallen im Vergleich dazu deutlich ab und sind nicht der große Wurf, den man sich vom Komponisten des Oratoriums „Das Buch mit sieben Siegeln“ erhofft. Die Musik plätschert zwar angenehm dahin, tut niemandem weh, reißt aber auch niemanden vom Hocker.
Ein unbekanntes Kammermusikwerk, das vom ersten bis zum letzten Ton überzeugt, eine Endeckung wie im letzten Sommer, war in diesem Abendkonzert nicht dabei. Durch die inspirierte und makellose Leistung der Musiker:innen wurde das Publikum aber mehr als entschädigt.