Mit dem satirisch aufbereiteten Musiktheater „Yum!“ setzte Wen Liu dem Publikum einen Spiegel der Gegenwart vor. (Foto: Anja Koehler)
Silvia Thurner · 20. Feb 2026 · Musik

Kammermusikalischer Jazz und energiegeladener Groove

jazzambach öffnete zwei musikalische Jazz-Welten an einem Abend

Gut besucht war die Kulturbühne am zweiten jazzambach Festivaltag. Zu erleben waren zwei vollkommen unterschiedlich angelegte Sets. Zuerst zelebrierte das Florian King Trio gemeinsam mit dem Stella Deepstring Quartett und dem Saxofonisten Fabio Devigili sowie Jodok Lingg an der Trompete fein ausgestalteten Jazz mit kammermusikalisch geformten Dialogen. Danach drehte die in Europa viel gepriesene und preisgekrönte Band Shake Stew rund um den Bassisten und Bandleader Lukas Kranzelbinder gehörig auf und begeisterte das Publikum mit ihrer klanggewaltig zelebrierten Musik.

Der Kontrabassist Florian King wollte ursprünglich gemeinsam mit seinem langjährigen Musikerfreund Herbert Walser und Kollegen an der Stella Musikschule auftreten, doch dieser musste wegen eines Infekts absagen. Florian King fand kurzfristig mit Fabio Devigili und Jodok Lingg einen ebenbürtigen Ersatz. Zusammen mit David Soyza am Vibrafon, Michael Naphegyi am Drumset und Florian King am Kontrabass zog das Ensemble die Zuhörenden im feinen Ambiente der Kulturbühne AmBach sofort in seinen Bann. Besonders die feinsinnige Musizierhaltung, die sensibel geführten melodischen Passagen des Vibrafonisten David Soyza sowie die aufmerksame kammermusikalische Kommunikation mit Florian King am Kontrabass begeisterte. Sehr präsent dazu agierte Michael Naphegyi, der die musikalischen Verläufe perkussiv feinsinnig unterstrich.
Die Verbindung zwischen Jazz und klassischer Moderne schuf das Stella Deepstring Quartett mit Marta Capetta und Kamohelo Moshoaliba (Viola), Emilian Gallez (Violoncello) und Paula Gómez (Kontrabass). Sie bildeten für die dargebotenen Kompositionen, alle aus der Feder von Florian King, eine Basis, die der Band einen weichen Klangcharakter verlieh. So auch in „Mother Africa“, in dem Fabio Devigili am Saxofon die horizontal ausgeschmückte Linie mit orientalischem Touch zelebrierte. Alle gemeinsam verdichteten den musikalischen Fluss und steigerten sich in einen prägnanten Groove hinein.
Mit einem choralartigen, vierstimmigen Satz breitete das Streichquartett in „Deep“ eine sinnliche Einleitung für das Solo des Trompeters Jodok Lingg aus. Dieser gestaltete seinen Part mit einem wunderbar sprechenden Duktus und mit vielen klanglichen Schattierungen.

Kommunikativer musikalischer Austausch

Für Abwechslung sorgte die Band mit einem funkigen Stück, das mit markanter Rhythmik und unisono geführten Stimmen einen enormen Drive entfaltete. Daraus kristallisierten sich Soli heraus, die die Qualität des Florian King Trios sowie der Special Guests voll zur Geltung brachten. Ausdrucksstark trat David Soyza am Vibrafon in den Klangvordergrund. Launig brachte Jodok Lingg an der Trompete Elan ins Klanggeschehen, und Fabio Devigili reagierte energiegeladen. Alle gemeinsam steigerten den musikalischen Fluss virtuos und Michael Naphegyi steuerte ein kreatives Schlagzeugsolo bei, das die Streicher:innen mit einem sprudelnden Ground aus Glissandi und Tremoli stützten.

Ausdrucksstarke Werke

Danach wendete sich die Band mit einem emotionalen Werk dem Thema Tod zu. Unter dem Leitgedanken „Was heißt lieben? Was ist?“ intonierte Jodok Lingg seinen Solopart mit filigranem Klangcharakter und entwickelte ihn mit einer warmen Tongebung zu einer emotionalen Kantilene. Fabio Devigili führte das Stück weiter in eine aufgewühlte Stimmung, bevor David Soyza, Florian King und Michael Naphegyi den Klangfluss wieder beruhigten. Einen atmenden Duktus breiteten die Musiker:innen in einem weiteren Stück aus, bei dem das Vibrafon und der Kontrabass in mitteilsame Dialoge traten. Die Schwebungen des Vibrafons ergaben dabei spannende Verbindungen zu den Streichern. Kraftvoll und abwechslungsreich führten die Musiker:innen mit dem Stück „Mehr Meer“ in ein virtuos gestaltetes Finale.

Shake Stew – Klangmassen und Tieftöner

Im zweiten Set war die in Europa gefeierte Band Shake Stew in Götzis zu Gast. Genau vor zehn Jahren gründete der Bassist Lukas Kranzelbinder die siebenköpfige Band, die einen unverwechselbaren Sound entwickelt hat. In den vergangenen Jahren entstanden acht Alben, und die Band wurde vielfach ausgezeichnet.
Allein die Besetzung illustriert die musikalische Kraft, die von der Bühne strömte. Gleich zwei Schlagzeuger (Niki Dolp und Herbert Pirker) boten ein energiegeladenes Fundament mit komplexen und vielfarbigen Rhythmen. Flankiert wurden sie von den Bassisten Lukas Kranzelbinder und Oliver Potratz. Im Mittelpunkt standen die virtuose Saxofonistin Yvonne Moriel am Altsaxofon und Johannes Schleiermacher am Tenorsaxofon sowie der Trompeter Mario Rom.
Musikalisch traf die siebenköpfige Band mit großer Wucht auf das Publikum, das in der ersten Konzerthälfte auf einen kammermusikalisch melodischen Jazz eingestimmt war. Zu den Instrumenten schalteten die Musiker:innen massige, elektronische Effekte wie Echos, Hall und starke Tieftöner. 

Archaische Kraft des Kollektivs

Lukas Kranzelbinder führte unterhaltsam in die dargebotenen Werke ein, die weitgehend aus dem neuesten Album „Ten One Two“ stammten. Als dreiteiliges Werk stellten sie „Cherry Pie“, „Ibdiss“ und „Bakunawa“ in den Raum und demonstrierten die kreative Ausdruckskraft der Band als Kollektiv. Die differenzierte Percussion, die Electronics und die realen Sounds wirkten hervorragend miteinander verwoben. So ergab sich eine mitunter dichte Klangvarianz mit flächig vielschichtig verflochtenen, jedoch gut strukturierten Klangflächen. In diesen akkordischen Klangfluss setzten sich Yvonne Moriel am Alt- und Johannes Schleiermacher am Tenorsaxofon sowie der Trompeter Mario Rom hinein. Sie zelebrierten die Musik als Zeitkontinuum, das durch die Lichtführung zusätzlich verstärkt wurde.

Afrikanische Musik als musikalische Ausgangsgedanken

Aus dem Album „Lila“ präsentierte die Band das Werk „Detroit“, das durch seine spezielle Klanggebung und die Polyrhythmik an afrikanische Musik erinnerte, unterstrichen durch eine Kalimba und die Guembri. Rund um eine zentrale Tonachse driftete die Musik in rhythmischen Klangfarbenmodulationen. Auch „Heat“ lebte von einem ausgeprägten rhythmisch ausgeformten Bassfundament, über dem die Blasinstrumente mit signalartigen Wechseltonmotiven sowie kunstvoll ineinander verzahnten Motiven brillierten.
„Searching“ brachte die Virtuosität von Mario Rom, der auf einer Gansch-Trompete spielte, voll zur Geltung. Mit viel Luft und Vokalen erzeugte er rauschende Tonqualitäten. Die Ostinati der Bässe verströmten Ruhe, verliehen der Musik Stabilität und unterstrichen den archaischen Klangcharakter. In diesem Stil zelebrierte Shake Stew auch das Werk „Wake Up and Be Gone“.
Die für die Band so typische treibende Kraft kam auch in „Ascendance“ zur Geltung. Die aufstrebenden Motivketten, die Steigerungen und der Drive, der sich vom Schlagzeug aus entwickelte, verbunden mit den virtuosen Bläserpassagen setzten enorm viel Energie frei.

Tipp: jazzambach wartet noch bis Sonntag Abend mit vielfältigem Jazz auf.
www.jazzambach.at