Ein Fest für eine lebenslange Liebe
„Halten, Bleiben, Leben“ von Bernhard Studlar im Theater Kosmos
Gestern feierte Bernhard Studlars neuestes Werk „Halten, Bleiben, Leben – Fragmente einer Liebe“ im Theater Kosmos seine Uraufführung. Inszeniert hat Augustin Jagg, weiters im Team: der Musiker Herwig Hammerl, der Bühnen- und Lichtgestalter Stefan Pfeistlinger sowie die Kostümbildnerin Nicole Wehinger.
Ein einfaches Konstrukt – das trägt
Es beginnt wie so vieles beginnt: ein Kennenlernen. Und endet dort, wo nur noch Erinnern bleibt. Der österreichische Autor Bernhard Studlar erzählt tatsächlich eine ganze Lebens- und Liebesgeschichte. Zwei Menschen lernen sich kennen, verlieben sich, ziehen zusammen, bekommen ein Kind, fahren in Urlaub, entwickeln Sehnsüchte, durchlaufen Konflikte und Krisen, verlieren den Job, müssen Kredite abzahlen, sind eifersüchtig, werden krank, erleben Hoffnungen und Enttäuschungen, geraten in eine Midlife-Krise, verlieren und finden sich wieder, gehen zum Therapeuten, werden Großeltern, werden alt, haben Ängste, erinnern sich, lieben sich.
Das klingt wie ein recht schlichtes Gerüst – doch genau darin liegt seine Stärke. Es ist ein einfaches Konstrukt, das der Autor baut, und es funktioniert. Nicht als knapper Abriss, sondern als fein aufgefächerter Lebensbogen, der in kleinen, präzise gesetzten Momenten immer wieder den Blick aufs Ganze freigibt.
Sechs Schauspieler:innen – eine Geschichte
Die beiden Menschen werden von sechs Schauspieler:innen dargestellt: drei Paare, ein junges, eines im mittleren Alter und eines schon in die Jahre gekommen. Das junge Paar spielen Julia Reisser und Hannes Kainz, die Middle-Ager Michaela Vogel und Gabriel Marrer; Sabine Lorenz und Hubert Dragaschnig überzeugen als Paar in der letzten Lebensphase.
Das Zusammenspiel aller funktioniert – und man erkennt recht bald, dass es hier nicht um drei getrennte Geschichten geht, sondern um eine einzige Lebens- beziehungsweise Liebesgeschichte, die in unterschiedlichen Lebensaltern sichtbar wird. Dieser Kniff ist nicht nur klug, er ist auch emotional wirksam: Was im jungen Paar aufbricht, klingt später nach; was im Alter gesagt wird, wirft Schatten zurück.
Poetik, Zeitsprünge – und die Tücke der Waagschale
Mit spannenden Zeitsprüngen und fein verwoben eröffnet sich in gut 90 Minuten ein poetischer Lebenskosmos: die Geschichte eines Paares, das sich tatsächlich ein Leben lang liebt. Eine Geschichte, die berührt – und das nicht nur in ihren großen, dramatischen Einschnitten, sondern gerade auch in den stilleren Zwischenräumen, in denen sich Nähe, Routine, Müdigkeit und Wiederannäherung abzeichnen.
Und doch hat diese Erzählung ihre Tücken. Besonders dann, wenn die Waagschale mit den tragischen Lebenssituationen zu voll gepackt wird und die leichten, schönen und humorvollen Seiten des Lebens zu kurz kommen. Man wünscht sich in manchen Momenten etwas mehr Atem, ein Gegengewicht, Alltagshumor, der die Schwere nicht relativiert, aber sie durchlässiger macht – weil gerade das Leben, das hier erzählt wird, ja auch davon lebt.
Bühne, Licht, Kostüm, Musik: ein Raum zum Versinken
Im traumhaft schönen Bühnenbild von Stefan Pfeistlinger, das er auch stimmungsvoll ausgeleuchtet hat, möchte man versinken. Eine geradlinige, klare Struktur, die das Stück unterstützt und den Blick ganz weit macht – als würde diese Bühne weniger begrenzen als öffnen.
Die Kostüme von Nicole Wehinger zeichnen die verschiedenen Generationen ganz klar nach. Und die Musik von Herwig Hammerl verstärkt in ihrer getragenen Weichheit die Poesie und die Romantik des Stücks: nicht als Kommentar von außen, sondern wie ein leiser Strom, der das Geschehen trägt.
Ein Abschied im Hintergrund – und ein Satz mit Gewicht
„Halten, Bleiben, Leben“ ist das erste Stück der letzten Spielzeit der beiden Theaterleiter Augustin Jagg und Hubert Dragaschnig, mit der sie sich eigentlich schon verabschieden. Unter diesem Aspekt berührt dieser Theaterabend noch mehr – und bekommt der letzte Satz des Stückes, „Wer keinen Text mehr hat, geht ab“, ganz viel Gewicht. Plötzlich ist er nicht nur theatrale Pointe, sondern auch Echo einer Realität: ein Abgang, der in der Luft steht, bevor er passiert.
Das Publikum bedankte sich mit lang anhaltendem, jubelndem Applaus für einen Abend, der die Liebe feiert, eine Lanze für eine lebenslange Liebe bricht – und der genau dadurch nachklingt: weil er zeigt, wie viel in einem gemeinsamen Leben Platz hat, und wie fragil das bleibt, was man so selbstverständlich „wir“ nennt.
Weitere Aufführungen:
21./25./27./28.2 und 5./6./7./12./13.3, jeweils 20 Uhr
22.2. und 1./8.3, jeweils 17 Uhr
Theater Kosmos, Bregenz
www.theaterkosmos.at