Im Kosmos der Verschwörungen
Bastian Kressers „Verformung“ ist ein vielschichtiger Gegenwartsroman über Selbstverlust und Neuanfang
Die erste Seite beginnt am Ende der Geschichte mit einer Drohnenaufnahme von jenem „trostlosen Ort im Osten Deutschlands“, wo sich der mysteriöse Schmied Niels Bergmann auf seinem umgebauten Bauernhof nach seinen Bedürfnissen eingerichtet hat.
Hinter dem vier Meter hohen Zaun befindet sich die Werkstatt und die Schmiede. Es gibt Tanks für Gas, Diesel und Propan, Gewächshäuser, Überwachungskameras und einen Bunker. Abgeschirmt vom Rest der Welt hat sich Niels seinen Traum erfüllt: „Ein Ort, an dem sich niemand einmischen kann, der nur mir gehört und nach meinen Regeln funktioniert.“ An der Grenze des Legalen hat er sich auf sämtliche Szenarien vorbereitet, auf übermächtige KI-Systeme, die von der Regierung geschaffen werden, auf globale Pandemien und auf fatale Folgen des Atomkriegs.
Veränderungen
Der Autor Bastian Kresser nimmt sich Zeit, um den Schauplatz, aber auch seine eigentliche Hauptfigur Marc Steiner genau zu beschreiben – was wichtig ist, um nachzuvollziehen, wie sich dieser Mann im Laufe der 350 Seiten noch verändern wird. Marc ist ein fünfzigjähriger, seit kurzem von seiner Langzeitpartnerin getrennter Wahl-Berliner, der nach seinem (beinahe) Burnout ein Sabbatical beginnt. Durch Zufall gerät er in einen Messerschmiedekurs im deutschen Spreewald, wo er eine komplett andere Lebensweise kennenlernt, von der er nicht mehr loskommt. „Das Licht flackert, der Ofen glüht, das Feuer zischt – als wäre er in einer anderen Welt.“
Marc Steiner lernt das Schmieden und ist fasziniert von seinem neuen Hobby, aber auch von seinem Lehrmeister, über dessen befremdliche Einstellungen er hinwegsieht. Während Marc zwischen Stadt und Land hin und her pendelt und auf Bergmanns Hof nach seiner Krise wieder neuen Lebensmut findet, entwickelt sich eine Männerfreundschaft, die einer sehr einseitigen Dynamik folgt. Während Marc in der Schmiede Metall zu Messern formt, verwandelt er sich quasi zur Marionette von Niels Bergmann, die aufhört, Dinge zu hinterfragen und vorbehaltlos Anweisungen befolgt. „Mit Niels an seiner Seite muss er sich um nichts kümmern. Er ist derjenige, der die Entscheidungen trifft: Wann und wo gegessen wird, wann der Hammer zur Seite gelegt wird und die Maschinen ausgeschaltet werden, ob Marc beim Aufräumen mithelfen soll oder ob Niels diese Arbeit selbst übernimmt, ob danach ein Bier getrunken, ein Feuer in der Feuerschale gemacht oder gegrillt oder nicht gegrillt wird. Auch die Gesprächsthemen gibt Niels vor. Die Freundschaft ist angenehm unkompliziert.“
Zwischen Hingabe und Manipulation
Anders als immer wieder angedeutet, passiert im Laufe der sechs Monate, die im Roman vergehen, gar nicht so viel. Die Handlung bleibt bis auf Anspielungen und Verweise recht ereignislos und folgt hauptsächlich dem (Gefühls)leben von Marc, der im körperlich anspruchsvollen Schmieden aufblüht und sich dabei allmählich auch gedanklich an Niels Bergmanns Ideologien gewöhnt. Eine interessante Wendung nimmt die Geschichte, als im zweiten Teil des Romans endlich eine neue Figur auftaucht. Marc verliebt sich ausgerechnet in eine Journalistin, die ihn nicht nur zeitweise wieder zurück nach Berlin holt, sondern ihn auch mit Anschuldigungen konfrontiert, die seine Loyalität zu Niels auf die Probe stellen.
„Das System hält uns klein und versucht uns, von ihm abhängig zu machen. Es redet uns ein, Drogen und Glücksspiele seien schlecht für uns und bereichert sich gleichzeitig durch die Alkohol-, Tabak- und Glücksspielsteuer. Es ist beinahe unmöglich, sich diesem System zu entziehen und genau deshalb wird es früher oder später zusammenbrechen“, sagt Niels. „Freiheit bedeutet, denken und sagen zu dürfen, was man will.“ Marc widerspricht nicht, fragt aber zögerlich nach, wenn Niels von Kriegsplänen philosophiert. „Keine Ahnung“, sagt dieser kleinlaut und sucht hastig nach einem Gegenargument. Marc ist irritiert, aber gleichzeitig imponiert vom charismatischen Niels und dessen handwerklichen Fähigkeiten und als Niels dann von seinem eigenen Burnout berichtet, lernt er, die Ängste und Sicherheitsvorkehrungen des Schmieds zu verstehen.
Ausgefeilte Charaktere
Mysteriöse Besucher tauchen auf, der Bunker sorgt für Aufmerksamkeit und ein Hackerangriff droht, Marcs idyllisches Leben am Land zu gefährden, während er und Nina, die Journalistin, den Geheimnissen von Niels und dessen Ehefrau Ruth auf ungleiche Weise auf der Spur sind.
Wie in einem Thriller gibt Kresser Indizien vor, die im Leseprozess zusammengefügt werden, und nicht selten ist man der Hauptfigur dabei einige Schritte voraus. Und trotzdem ist dieser Marc kein ungebildeter naiver Mensch, der Tatsachen nicht begreifen will. Was der Autor in seinem durchaus spannenden Roman eingeflochten hat, ist eine Entwicklung, die zeigt, wie schnell es gehen kann, dass jemand seine eigenen Vorstellungen und Überzeugungen über den Haufen wirft. Marcs vorübergehender instabiler Alltag macht ihn angreifbar für alle möglichen Theorien.
Mit Niels Bergmann hat der Autor eine unnahbare Figur geschaffen, der man auch als Leser:in nicht zu nahe kommt. Die inhaltlichen Hintergründe bleiben verschwommen, und obwohl Niels möglicherweise nicht so verdächtig ist, wie er nach außen wirkt, bleibt dennoch ein fragwürdiger Charakter: „Niels ist belesen, interessiert und spricht selbstsicher, ohne dass man das Gefühl bekommt, bevormundet zu werden oder dass er versucht, jemanden von seiner Meinung zu überzeugen. Er greift Themen auf, die ihn faszinieren. Gleichzeitig weicht er gewissenhaft Fragen aus, die er vermeiden will. Und er macht es so geschickt und unauffällig, dass es vielen bestimmt gar nicht auffallen würde. Nina ist es aufgefallen.“
„Verformung“ ist ein Buch, das mit durchdachten Figuren und ungewöhnlichen Orten überzeugt und dabei in die Köpfe von Verschwörungstheoretikern und Systemkritikern eintaucht.
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Februar 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Bastian Kresser: Verformung, Braumüller Verlag 2025, 352 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-99200-397-6, € 26,95