Prinz Grizzley legt mit "Dear Leftovers" sein drittes Album vor. © PiaPiaPia
Annette Raschner · 20. Mai 2024 · Literatur

(K)ein luzider Traum

Hans Platzgumer: „Die ungeheure Welt in meinem Kopf“

Im Kafka-Jubiläumsjahr überschlagen sich die Publikationen. Die Sinnhaftigkeit dessen kann angezweifelt werden, doch Hans Platzgumers neuer Roman „Die ungeheure Welt in meinem Kopf“ ist es wert, gelesen zu werden. Es sind die Tagebuchaufzeichnungen Franz Kafkas aus den Jahren 1910–1923, die den in Lochau und Wien lebenden Schriftsteller, Komponisten und Musiker dazu inspiriert haben. Und im Speziellen ein Satz: „Hilfe kommt aus Bregenz“.

Über 40 Autorinnen und Autoren waren im April 2022 zu Vorarlbergs bisher größter Literaturveranstaltung geladen. Sie haben Geschichten geschrieben und gelesen, in denen unter anderem dieser Satz eine Rolle spielte. Das prägnante Zitat, das Kafka am 6. Juli 1916 in sein Tagebuch notierte, hatte bei einem von ihnen, bei Hans Platzgumer, eine umfangreiche Recherche zur Folge. In seiner Hommage lässt er einen Taxifahrer auftreten, der nicht nur ein obsessiver Leser von Kafkas Tagebüchern ist, sondern der darüber hinaus vieles mit dem 1924 verstorbenen Schriftsteller gemeinsam zu haben scheint. Insbesondere dessen Insomnia. 

„Jetzt erzählen wir deine Geschichte, Sascha“

Wer die literarischen Arbeiten von Hans Platzgumer kennt, weiß, dass er eine Vorliebe für Figuren hegt, die sich am Rande der Gesellschaft bewegen. „Am Rand“ hieß ein Roman von Hans Platzgumer aus dem Jahr 2016, in dem ein suizidaler Mann, auf einem Berg sitzend, seine Erinnerungen niederschreibt, die nach seinem Tode gefunden werden sollen. In „Die ungeheure Welt in meinem Kopf“ ist der Protagonist der 38 Jahre alte Nachtfahrer Sascha Konjovic. Sascha übt seinen Beruf mit Hingabe aus. Er kennt alle Schleichwege von Wien und ist über all die Jahre unfallfrei geblieben. Wenn er morgens von der Arbeit heimkehrt, isst er seine zwei Spiegeleier mit Schinken und Semmel und versucht meist erfolglos, auf dem Kanapee etwas Schlaf zu finden. Seine Träume liebt er, denn „dort geben sich sogar Königinnen mit mir ab“. 

„Die Kraft meiner Träume, die schon ins Wachsein vor dem Einschlafen strahlen“

In seinen umfangreichen Tagebuchaufzeichnungen, die persönliche Notizen, autobiografische Reflexionen, literarische Entwürfe und Aphorismen beinhalten, hat Franz Kafka auch einundzwanzig Träume niedergeschrieben. Sie spielten eine zentrale Rolle für sein literarisches Werk. Während er untertags seinen Dienst im Büro einer Versicherung versah, schrieb der meist Schlaflose vorzugsweise in der Nacht und erkundete dabei die feine Grenze zwischen Wachsein und Schlafen, zwischen Traum und Wirklichkeit. Die Traumbilder kehrten in den Erzählungen und Romanen des gnadenlosen Selbstbeobachters und luziden Träumers verwandelt wieder. 1905 hat Kafka einen Traum notiert, der den Beginn der dramatischen Geschichte in Platzgumers Roman markiert und nicht nur die russische Tänzerin Eugenie Platonowna Eduardowa, sondern Kafka selbst ins Jahr 2015 katapultiert. 

Originelle Erzählweise

Seit Hans Platzgumer die Musikerbühne weitgehend verlassen hat und sich dem Komponieren von Theatermusik und primär dem literarischen Schreiben widmet, verfolgt er meist mehrere Projekte parallel. Es gehört zu seiner bevorzugten Arbeitsweise, jeweils mehrere Fassungen eines Buches zu schreiben. Das war auch diesmal der Fall. Für die erste Fassung wählte er die auktoriale Erzählweise, doch sie erschien ihm blutleer und ungeeignet für die Geschichte, die er erzählen wollte. Vor allem für die Art und Weise, wie er sie erzählen wollte. Sein Ziel war es, gewissermaßen in den Kopf seiner Hauptfigur zu gelangen und dessen verschlungene, traumähnliche Gedanken auf direkterem Wege als mit einer herkömmlichen Erzählweise zu vermitteln. Die Geschichte ist nun ausschließlich in direkter Rede abgefasst, in einer Art Zwiegespräch zwischen Sascha und seinem Bruder Milo, der Sascha zum Reden bewegen möchte, um Klarheit über die Ereignisse der letzten 24 Stunden zu gewinnen. In dieses Zwiegespräch hat er Notizen aus Kafkas Tagebüchern eingewoben, die auf biografische Hintergründe des berühmten Prager Schriftstellers verweisen und Einblicke in das „kafkaeske“ Denken des liebenswerten Protagonisten bieten, der, das wird schnell klar, unter einer gewissen psychischen Beeinträchtigung leidet. Sascha befindet sich an einem Ort, der an dieser Stelle nicht verraten wird. Die Stunden davor waren ereignisreich und voller Begegnungen; mit Lebenden genauso wie mit Toten. Traum und Wirklichkeit greifen ineinander und sind kaum noch voneinander zu trennen. Hans Platzgumer erzählt die existenzielle Geschichte um Einsamkeit, Liebe und Tod in einer Art literarischem Roadmovie, das am Wiener Westbahnhof beginnt und außerhalb von Wien seinen Ausgang nimmt. Packend, temporeich und hoch emotional. Eine absolute Empfehlung! 

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Mai 2024 erschienen.

Hans Platzgumer: Die ungeheure Welt in meinem Kopf, Elster & Salis, Wien 2024, 184 Seiten, Hardcover, ISBN: 978-3-9505435-2-0, € 25,70, erscheint am 29.4.2024
Lesung: 28.6. Theater Kosmos, Bregenz