Die Berliner Band „Milliarden“ beim Poolbar Festival (Foto: Darius Grimmel)
Silvia Thurner · 21. Mai 2024 · Tanz

Ohne Freiheit ist alles nichts

Igor Levit, Richard Siegal und das Ballet of Difference setzten beim Bregenzer Frühling ein starkes Zeichen

Der diesjährige Zyklus des Bregenzer Frühlings wurde mit einer grandiosen Uraufführung abgeschlossen. Mit höchster Intensität spielte der renommierte Pianist Igor Levit, der in den vergangenen Jahren sowohl bei den Bregenzer Meisterkonzerten als auch bei der Schubertiade die Zuhörenden in seinen Bann gezogen hat, das Werk „The People United Will Never Be Defeated“ des amerikanischen Komponisten Frederic Rzewski. Die 36 Variationen beruhen auf dem chilenischen Kampflied „El pueblo unido jamás será vencido“ und bereits der Werktitel vermittelt die gesellschaftspolitische Relevanz dieses Kunstwerkes. Die Choreografie von Richard Siegal und seinem Ballet of Difference steigerte den Aussagegehalt der eindrücklichen Musik mit einer höchst detailreichen tänzerischen Interpretation.

Die Variationen „The People United Will Never Be Defeated“ tragen im Titel bereits ihre unmissverständliche Botschaft. Die 36-teilige Komposition schuf Frederic Rzewski 1975 als Hymne für die Regierung unter Salvador Allende und als Protestlied der chilenischen Menschen gegen das Pinochet-Regime. Igor Levit hat unter anderem bei Frederic Rzewski studiert, allein deshalb kamen die Zuhörenden im Bregenzer Festspielhaus in den Genuss einer authentischen Interpretation. Mit dem zusätzlichen Wissen um das soziale und politische Engagement des Pianisten nahm die Werkdeutung vom ersten Ton an eine unmittelbare und stark wirkende Ausdruckskraft an.
Das einstündige Klavierwerk ist äußerst anspruchsvoll in der kompositorischen Anlage. Doch im Spiel von Igor Levit war nie eine Anstrengung bemerkbar. Er deutete jeden einzelnen Variationssatz detailliert und kristallisierte in den Abschnitten verschiedenste musikalische Stile, Ausdruckscharaktere und Allusionen an Komponisten der Romantik wie Brahms, Schubert oder Chopin heraus. Unter anderem an Claude Debussy, Béla Bartók, George Crumb und die Minimalmusik ließen impressionistische sowie expressive Stilmittel des 20. Jahrhunderts denken. Die klare Anlage, mit der Igor Levit die 6 mal 6 Variationen entfaltete und die jeweils charakterisierenden Ideen präsentierte, ergab ein intensives musikalisches Hörerlebnis, das noch lange nachklingen wird.

Große Leichtigkeit und zahlreiche Aktionspotenzial

Mit aller Leichtigkeit setzte der Pianist Tonsprünge über große Distanzen hinweg mit vielfach wechselnder Dynamik und rhythmischen Verschiebungen in Szene. Klangballungen und sich unterschiedlich entfaltende rhythmische Floskeln, Akkordzerlegungen und gegenläufige Bewegungslinien, Ausdehnungen und Klangballungen, aufgeregt tremolierende Flächen und hämmernde Tonrepetitionen, um nur einige zu nennen, erklangen spannend zueinander in Beziehung gesetzt. Eine körperlich spürbare Spannkraft, die ihresgleichen sucht, verströmte die improvisierte Kadenz, die Igor Levit in den Raum stellte.
Rzewskis komplexes Werk schafft viele Anreize für Analogien und große Freiräume für Assoziationen. Igor Levit formte die Musik mit beispielloser Vitalität. Diesen Qualitäten setzte Richard Siegal mit seiner kongenialen tänzerischen Interpretation die Krone auf. Bis ins kleinste Detail agierten die Tänzerinnen des Ballets of Difference. Sowohl das rhythmische Fundament mit den zahlreichen Akzentverschiebungen als auch feingliedrige Motive wurden äußerst exakt in den Besetzungsfluss integriert. Allein die Gestik der Hände jeder Tänzerin und jedes einzelnen Tänzers sprachen Bände und regten die Fantasie an.

Kommunikation und Geschwindigkeit

In unterschiedlichen Formationen dehnte das Ballet of Difference den in die Musik eingeschriebenen Aktionsradius auf der Bühne aus. Raumgreifende Aktionen und Kommunikationsmuster zwischen den Tänzer:innen bildeten faszinierend kongruente Ereigniseinheiten. Dabei war die Choreografie derart sensibel gesetzt, dass der musikalische Fluss und die Geschwindigkeiten der Aktionsebenen einander wunderbar ergänzten.

Steigerung durch Zurückhaltung

Dies verlieh insbesondere jenen Passagen Bedeutung, in denen der Komponist mit introvertierter Tonsprache den Aussagegehalt dezidiert gesteigert hat. Igor Levit verfügte über das Potenzial, besonders diesen Abschnitten eine eindrückliche Intensität zu verleihen und Richard Siegal unterstrich genau diese Aspekte mit seiner Choreografie. Die Soloperformances und die gruppendynamischen Prozesse öffneten mit einem ungeheurer großen körperlichen Aussagegehalt vielschichtige interpretatorische Räume.
Unterstrichen wurde die verdichtete Wirkung durch die zur musikalischen und tänzerischen Bilderwelt passende Lichtregie von Matthias Singer und die Dramaturgie von Evan Supple sowie durch die Kostümen von Flora Miranda.
Das Publikum goutierte die für unsere Gesellschaft so bedeutende Aussage „The People United“ mit Standing Ovations.

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