Tobias Grabher, die Camerata Musica Reno und Michael Köhlmeier bescherten dem Publikum ein „österliches Cineastenfest“.
Florian Gucher · 17. Feb 2024 · Literatur

Jürgen-Thomas Ernst: „Der Wald in Zeiten der Veränderung“

Sachbuch statt Horrorstory

Der Waldpädagoge und Autor Jürgen-Thomas Ernst hat mit „Der Wald in Zeiten der Veränderung“ ein Werk vorgelegt, das nicht auf den Zug angstmachender Klima-Horrorszenarien aufsteigt. Ohne den menschlichen Eingriff des 20. und 21. Jahrhunderts zu beschönigen, ackert er ein Feld des aktuellen politischen Diskurses durch und widerspricht einer einseitigen, fragmentierten Wiedergabe des Klimaproblems.

Die Geschichte des Klimas

Entgegen aller medialen Aufbauschung und Panikmache habe er das Buch geschrieben und zwar durchaus im Bewusstsein dessen, dass die Inhalte nicht das gewohnte Narrativ wiedergeben, geschweige denn stützen würden. Zugegebenermaßen erwartet man sich vom Titel „Der Wald in Zeiten der Veränderung“ zunächst eine Abrechnung mit gesellschaftlichen Missständen der Zeit. Dann mag es überraschen, dass der in Bregenz lebende Autor gerade nicht Dürreperioden, Hitzewellen und Waldbrände des 21. Jahrhunderts herausreißt, sondern in eine Gesamterzählung einbettet und dabei Jahrmilliarden umkreist. Fast in untypischer Manier erzählt Ernst die Geschichte des Klimas von den Anfängen an. Er richtet den Blick aufs Ganze: Auf Eiszeiten, auf Erdzeitalter, in denen in Österreich Palmen wuchsen, auf Epochen der Blütezeit sowie Abschnitte des Niedergangs. Im Parforceritt geht es von einem Massensterben ins andere, um den Zyklus des Lebens und Vergehens aufzuzeigen. Erwähnt werden fünf große Ereignisse, die wie Apokalypsen wirkten, angefangen von dem vor 440 Millionen Jahren stattgefundenen Massensterben bis hin zum vermutlich von einem Meteoriteneinschlag verursachten „Great Dying“ an der Perm-Trias-Grenze, das unter anderem das Aussterben der Saurier zur Folge hatte. All die Einschnitte – das macht Ernst klar – bedingten, dass die Evolution wieder bei Null begann. Durch das Aufzeigen einzelner Entwicklungslinien im Fokus auf die Geschichte des Waldes macht er anschaulich, wie die heute bekannten Bäume Resultat von Assimilation sind: „Die Bäume, die wir heute sehen, sind das Ergebnis ständiger Anpassungsprozesse. Die cleversten, anpassungsfähigsten und ausdauerndsten haben überlebt“, so ein Zitat aus dem Buch. Warum sind es die Haselnusssträucher, die sich in lichten Gebieten als erstes verbreiten und dann von höherwachsenden Bäumen zurückgedrängt werden? Wieso veränderte sich die Flora gerade in den Jahrhunderten nach der letzten Eiszeit gravierend? Das Bemerkenswerte in Ernsts Buch ist, dass es von konkreten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen nahtlos in gesellschaftliche Studien übergeht und so eine unmittelbare Linie zur gesellschaftlichen Relevanz der Bäume zieht. Ernst kommt auf Zusammenhänge zwischen Mensch und Umwelt zu sprechen, die erst durch die Schilderung vergangener Ereignisse augenscheinlich werden: Was leistet ein Wald für uns? Wie wirken Bäume auf uns und die Umwelt? Wie können sie einen Anteil dazu leisten, die Klimaerwärmung zu senken? Und um die Kurve zur aktuellen Klimakrise zu ziehen: Was können wir von vergangenen Prozessen lernen?

Information statt Panik

Durch die realistisch wiedergegebene Gesamterzählung will der Autor Ängste, die in gegenwärtigen Diskursen vorherrschen, hemmen. Faktenbasiert führt er vor, dass es Klimaveränderungen schon immer gab, ohne gesellschaftliche Missstände von Kapitalismus und Ausbeutung nicht auch anprangern zu dürfen: „Ich sehe etwas besorgt auf die Diskussionen der Klimapolitik und bin der Meinung, dass die verbreiteten Ängste eine Überfrachtung implizieren, die erst recht handlungsunfähig macht.“ Wenn Ernst dann zu menschenverursachten Entwicklungen wie dem Anstieg des CO2-Gehaltes durch Waldrodungen kommt, zieht er nachweisliche Vergleiche zum Mittelalter und zeigt auf, dass es in Zeiten, in denen Waldabholzungen in großer Manier einsetzten und es noch kein Verständnis von Nachhaltigkeit gab, keineswegs zu groben globalen Veränderungen durch den Menschen kam. Ebenso streicht der Autor die Temperaturknicke nach 1850, dem Zeitalter der Industrialisierung, heraus. Auf der anderen Seite beschreibt Ernst auch dramatische Entwicklungen des Menschen, die das Weltklima auf lange Sicht sehr wohl beeinflussen. Er kommt auf den Größenwahn kapitalistischer Investoren zu sprechen. Er zieht Linien zur Vertreibung nomadischer Bevölkerung in Afrika, zur Verödung von Landschaften durch Überweidung, bis hin zur Darlegung sensibler Systeme von Steppe, Savanne & Co. Nüchtern betrachtet zieht er auch das Bevölkerungswachstum sowie den Bedürfnisanstieg als Auslöser heran. Selbst den Konsumhunger westlicher Zivilisation als Motor der Regenwaldabholzung lässt Ernst nicht außen vor: „Europa und die nördliche Hemisphäre sind grundsätzlich hungrig nach Rohstoffen. Allein Deutschlands jährlicher Papierverbrauch ist so hoch wie der von Afrika und Südamerika zusammen“, so an einer Stelle des Werkes. Der Autor verfolgt im Buch zwei parallele Ansätze: „Ich möchte den Menschen durch den Blick auf die Gesamterzählung Ängste nehmen, doch nicht aus dem Auge verlieren, dass Geschehnisse wie die Regenwaldabholzungen global gesehen fatale Auswirkungen haben können.“

Vernetzte Schreibtätigkeit

Zu betonen ist auch Ernsts literarisches Engagement. Neben Dramen schreibt Ernst vornehmlich Kurzprosa und Romane. Der Umweltkrimi „Das Wasserkomplott“, eine Story über den Kampf der Erhaltung unberührter Natur, demonstriert seine Nähe Umweltthemen gegenüber. Daneben blitzen historische Romane und Geschichten, die zwischenmenschliche Strukturen ins Blickfeld rücken, aus dem Œuvre hervor. Ergänzt werden seine schriftstellerischen Tätigkeiten um Fachpublikationen und Sachbücher, die insbesondere auf seine waldpädagogischen Tätigkeiten fußen. Nicht zuletzt wurde er mit dem Vorarlberger Schutzwaldpreis sowie dem internationalen Schutzwaldpreis ausgezeichnet. Sein 2022 erschienenes Werk „Geheimnisse des Waldes“ fungiert quasi als persönliches Manifest über die über die Jahre zusammengesammelten Erfahrungen als Waldpädagoge und fokussiert auf die Frage, wie man Geheimnisse des Waldes für sich und seine Gesundheit – als Spielplatz, Wohlfühlort und Nahrungsspender – nutzen kann. „Der Wald in Zeiten der Veränderung“ hingegen ist stärker wissenschaftsbasiert sowie auf Debatten rund um Klimaveränderung und Klimagerechtigkeit konzentriert.
„Der Wald in Zeiten der Veränderung“ wirkt wie eine Liebeserklärung an die Bäume und ihre Funktion für die Gesellschaft. Als Waldpädagoge zeigt Ernst auf, was der Wald alles für die Menschheit leistet, wie er sich den Gegebenheiten der Zeit anpasst, wie er wirkt und werkt. Am Ende ist es – nüchtern und faktenbasiert – die kapitalistische, ausbeuterisch agierende Gesellschaft des Westens, auf die sich die Pfeile richten. Nur sucht der Autor nicht im Menschen den alleinigen Schuldigen der Klimaerwärmung. Er zeigt, dass die Dinge komplexer sind. Und er macht es fußnotengestützt mit einer sachlichen, kommentarlosen, doch flüssig zu lesenden Abhandlung, bei der Rezipient:innen ihre Schlüsse aus dem Gelesenen ziehen können.

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Februar 2024 erschienen.

Jürgen-Thomas Ernst: Der Wald in Zeiten der Veränderung. Braumüller, Wien 2023, 320 Seiten, ISBN 978-3-99100-383-0, € 26

Jürgen-Thomas Ernst ist Gast in unserem aktuellen Podcast „Kulturstimmen“, der hier zu finden ist:
https://www.kulturzeitschrift.at/kritiken/podcast-juergen-thomas-ernst-im-gespraech