Das Wiener Burgtheater war mit Molières „Der Menschenfeind“ unter der Regie von Martin Kušej im Bregenzer Festspielhaus zu Gast ( Foto: Matthias Horn))
Peter Füssl · 18. Feb 2024 · Musik

Minimalismus à la Büşra Kayıkçı

Die junge türkische Pianistin spielte am Dornbirner Spielboden vorwiegend Stücke aus ihrem aktuellen Album

Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Lockdowns dienten manchmal auch im positiven Sinn als Initialzündung für interessante Entwicklungen mit Langzeitwirkung. So etwa bei der jungen Istanbulerin Büşra Kayıkçı, die nach Abschluss ihres Studiums der Innenarchitektur und des Environmental Desgins in der erzwungenen Abgeschiedenheit auf eine ihrer frühen Lieben, das Piano, zurückgeworfen wurde. Mittlerweile ist sie die erste türkische Frau, die über einen Plattenvertrag beim renommierten Label Warner Classics verfügt, und die Präsentationstournee für ihr letzten Herbst erschienenes Album „Places“ führte sie innerhalb weniger Wochen nach Edinburgh und London und von der Hamburger Elbphilharmonie über das Festspielhaus St. Pölten an den Dornbirner Spielboden.

Die 33-jährige, in eine wallende weiße Bluse und einen bodenlangen schwarzen Rock gewandete und mit einem hellen Kopftuch bedeckte Frau huschte ans Klavier und erläuterte in knappen Sätzen das erste Stück. Freundlich distanziert übte sich Büşra Kayıkçı in Zurückhaltung. Ihr Outfit sei als politisches Statement zum postmodernen Staatsstreich und wohl auch gegen die im Westen immer wieder aufflammenden Diskussionen um ein Kopftuchverbot zu verstehen, war mal irgendwo zu lesen. Große Reden sind von der Komponistin und Pianistin an diesem Abend aber nicht zu erwarten, ihre Statements beziehen sich nur auf die Entstehungsgeschichten ihrer Songs.

Unzählige Quellen der Inspiration ...

Die hat sie großteils während der Lockdowns geschrieben, als sie sich in ihrer Einsamkeit mit vielfältigen Überlegungen zu Natur und Architektur die Zeit vertrieb. „Olive Tree“ zum Beispiel erinnert an jenen mit Olivenhainen besetzten Sehnsuchtsort ihrer Kindheit, wo sich allsommerlich über mehrere Wochen hinweg die gesamte Großfamilie traf, und den sie als Teenagerin zwischendurch auch einmal so richtig hasste, als die Verwandtschaft ausblieb. In „Quba“ geht es um wichtige Elemente der islamischen Architektur und die damit verbundene Hoffnung, dass es sich doch unter einem gemeinsamen Dach auch in Frieden zusammenleben lassen müsste. Bei einem anderen Stück denkt sie an die Kraft und Ruhe spendenden Spaziergänge am Meer und an die Vorstellung, dass sich direkt unter der Wasseroberfläche eine gänzlich andere Welt auftut, wo nicht einmal auf dieselbe Weise geatmet wird und dennoch alles perfekt ist. „Unrooted“ ist von einem befreundeten islamischen Musiker inspiriert, dessen Vorfahren wie jene Kayıkçıs aus unterschiedlichsten Ländern stammen, was die beiden vereinte, dessen Engagements in aller Welt die Beziehung aber verunmöglichten und wie eine Entwurzelung wirkten. „Old Friend“ hingegen ist keinem Menschen, sondern ihrem Lieblingspiano gewidmet, auf das sie während der Lockdowns längere Zeit keinen Zugriff hatte. Unvorstellbare Freude machte folglich das lange ersehnte Wiedersehen mit dem geliebten Instrument, was sogleich in einer neuen Komposition festgehalten wurde.

... und deren musikalische Umsetzung

Büşra Kayıkçı ist eigentlich ein künstlerisches Multitalent, das zwar in einer konservativen Familie aufwuchs, aber schon früh professionelle Kurse in klassischem Tanz und Modern Dance, in Malerei und Musik belegen durfte. Innenarchitektur und Environmental Desgin wählte sie quasi als Brotberuf. Musikalisch nennt sie avantgardistische Ikonen wie John Cage, Philip Glass oder Michael Nyman, aber auch den deutschen Neo-Klassiker Nils Frahm oder den Isländer Ólafur Arnalds als Vorbilder. Dementsprechend verbindet sich in ihren Kompositionen Minimalistisches und Serielles mit Neo-Klassischem und Neo-Romantischem. Ruhige Passagen und perlende Läufe wechseln sich ab, dramatisches Auf- und Abebben erzeugt Spannung, schöne Melodien schälen sich aus ständig repetierten, leicht variierten, vibrierenden und schwebenden Akkorden heraus. Orientalische Stilelemente lassen sich höchstens einmal erahnen. Die Stücke sind kurz und prägnant gehalten, und das vom ungarischen Klavierbauer David Klavins in Zusammenarbeit mit Nils Frahm entwickelte Una Corda-Piano ist nicht nur ein Eyecatcher, sondern ermöglicht auch einige Verfremdungseffekte. Es verfügt über drei verschiedene Soundbänke – die erste liefert den puren, resonanten Klang, die beiden anderen ermöglichen über präpariertes Material zwischen Hammer und Saite sanfte Klangfarben im Felt-Stil bzw. geräuschvolle, perkussive, obertonreiche Attacken. Zusätzlich setze Büşra Kayıkçı bei manchen Stücken auch zumeist dezente elektronische Effekte ein.

Die Istanbulerin versucht, in ihrer künstlerischen Herangehensweise Musik und Architektur zusammenzubringen: „In gewisser Weise entwerfe ich als Komponistin einen Ort, an dem das Publikum umhergeht und sich in seiner Architektur bewegt. Ich glaube, dass wir, wenn wir ein Lied hören, von Raum zu Raum und von einer Zeit in die andere Zeit reisen. Wenn uns eine Melodie tief bewegt, lässt sie einen Ort für Geist und Seele entstehen. Nicht nur Architekten oder Ingenieure können ein Gebäude errichten. Mit ihren musikalischen Mitteln schaffen Komponisten eine Atmosphäre, die die Zuhörer in Städte, Gärten und Landschaften entführen kann.“ So wie Designer:innen Farben, Formen und Materialien auswählen und miteinander kombinieren müssen, um einen Raum harmonisch zu gestalten, müsse sie als Komponistin  Harmonien, Melodien, Themen, Motive, Formen oder Klangmaterialien als eine Art modulare Versatzstücke miteinander kombinieren, gegeneinander abwägen und in Balance bringen. Dieser interessante Ansatz zeitigt durchaus Spannendes und Hörenswertes. Was den Variantenreichtum betrifft bleibt aber noch ein bisschen Luft nach oben.

Die rund 180 Zuhörer:innen, darunter einige Frauen, die Outfit-mäßig mit der Künstlerin korrespondierten, verfolgten das musikalische Geschehen aufmerksam und mit höchster Konzentration, man hätte eine Stecknadel fallen hören. Der Schlussapplaus blieb aber eher verhalten. Man hatte irgendwie das Gefühl, ein beachtliches Talent erlebt zu haben, das vor einem wichtigen nächsten künstlerischen Schritt steht.