„Joyful Failure“ – wenn Tänzer:innen freudvoll scheitern
Die tanz ist-Festival Herbst-Edition ging mit Berliner Künstler:innen-Kollektiv laborgras erfolgreich zu Ende
Nach dem sensationellen Auftakt mit der unter die Haut gehenden Produktion „Cruce“ des in Paris und Brüssel lebenden Argentiniers Marcos Arriolas, in der es um die Befreiung von rassistischen, geschlechtsspezifischen und sexuell bedingten Unterdrückungsmechanismen ging, kam zum Abschluss des tanz ist-Festivals am Dornbirner Spielboden eine etwas leichtere Thematik auf die Bühne. In „Joyful Failure“, das nach der Premiere in Berlin vergangenen August nun erstmals in Österreich zu sehen war, beschäftigt sich laborgras mit dem Scheitern als einem menschlichen Zustand, der auch Veränderungen und neue Möglichkeiten zur Folge haben kann. Als Mastermind hinter laborgras steht mit Renate Graziadei eine mit dem tanz ist-Festival vielfach verbundene, gute alte Bekannte.
Renate Graziadei
Die in Vorarlberg geborene Tänzerin, Choreografin und Tanzpädagogin hat gemeinsam mit tanz ist-Organisator Günter Marinelli schon 1982 in einem kleinen Tanzstudio in Lauterach ihre ersten Tanzschritte getan und war vor mehr als 30 Jahren bei der Gründung des tanz ist-Festivals dabei, das mit Performance-Nächten auf der Festspielhaus-Hinterbühne in Bregenz startete. 1994 gründete sie gemeinsam mit dem Schweizer Tänzer Arthur Stäldi in Hamburg das Künstler:innen-Kollektiv laborgras, das seit 2000 seinen Sitz in Berlin hat. Mittlerweile hat sie auch in Dornbirn schon drei ihrer Produktionen gezeigt, und Marinelli lobt „ihre Konsequenz, sich nicht dem Zeitgeist zu unterwerfen, verbunden mit einem hohen Qualitätsanspruch. laborgras erforscht Tanz als eigenständige Kunstform und als Möglichkeit, unterschiedliche künstlerische Ausdrucksformen miteinander in Beziehung zu setzen. In der sogenannten Freien Szene wird Tanzchoreografie vermehrt an den Rand gedrängt und durch performative, zeitgeistige Formate ersetzt, die kommen und gehen. laborgras praktiziert Tanz als zeitlose Kunstform bis heute mit großem Erfolg“.
„Joyful Failure“
Das Bühnenbild ist einfach und wie die Kleidung der Tänzer:innen ausschließlich in Schwarz-weiß gehalten. Links und rechts der Tanzfläche eröffnen von der Decke hängende Vorhänge mehrere Zugänge für die Akteure, durch die sie einzeln oder in Gruppen ins ausschließlich weiße Scheinwerferlicht treten. Dieses strahlt zumeist von oben, kurz auch einmal als eher nervenaufreibender Blinder vom Bühnenhintergrund direkt Richtung Publikum. Die vier Tänzerinnen (Renate Graziadei, Jennie Boultbee, Rosalind Masson, Djamila Polo) und zwei Tänzer (Abraham Iglesias Rodriguez, Miguel González Padilla) bewegen sich ziemlich flott kreuz und quer über die Bühne, torkeln, stolpern, weichen sich aus, touchieren, fechten kleine Revierkämpfe aus oder agieren mit den auf der Bühne stehenden Stühlen.
Dazu tönt anfangs eine ohrenbetäubende, eine eher bedrohliche Stimmung heraufbeschwörende Noise-Attacke aus den Lautsprechern. Leider konnte – entgegen der Ankündigung – der Viola da Gamba-Virtuose Liam Byrne nicht mit dabei sein, gerne hätte man die Schöpfung seiner interessanten Kombinationen aus Alter Musik und elektronischen Klanglandschaften live miterlebt. So musste man den Mix halt aus der Konserve genießen, erstmals bei einem kleinen Pas de deux der beiden Männer – der eher ruhig und unaufgeregt, das Geschehen etwas kalmierte. Besonders eindrucksvoll gelingt auch ein längeres Solo von Renate Graziadei, die mit ausdrucksstarken Bewegungen und eindrucksvoller Arbeit mit den Armen den ganzen Raum ausfüllt. Manches wirkte, wie auch bei den anderen Tänzer:innen, nahezu pantomimisch.
Zu den erwähnten Blindern fanden wilde Gamben-Striche den Weg aus den Lautsprechern, manche Szenerien wirkten aber auch poetisch, grazil und nicht zuletzt auch humorvoll. So sehr sich die Akteur:innen um Präzision und Gleichklang bemühten, haperte es immer minimal am Timing, man stand sich ein bisschen im Weg, kam etwas von der Spur ab, geriet aus der Balance, verlor die Kontrolle und musste einen geplanten Bewegungsablauf abändern oder einen Richtungswechsel vornehmen. Manches wirkt ein bisschen unbeholfen und unfertig, nie scheint etwas ganz richtig zu erscheinen. Im Rahmen einer Tanzperformance würde man das üblicherweise als Scheitern empfinden, laborgras reagieren aber mit Ironie und Gelassenheit und schöpfen aus dem Scheitern eine ganz eigene Poesie, räumen dem Nicht-Perfekten und der Verletzlichkeit Platz ein und integrieren es so in ein faszinierendes Gedankenexperiment, das dem Scheitern seinen Schrecken nimmt. Das zahlreich erschienene Publikum war begeistert.
„A Masque for the Multiverse“
Wer laborgras am Spielboden versäumt hat, erhält gleich nochmals eine Chance, allerdings mit einer andere Produktion. „A Masque for the Multiverse“ ist eine Großproduktion in Kooperation mit den Alte Musik-Spezialisten des Ensembles Continuum – mit acht Instrumentalist:innen, drei Sänger:innen und vier Tänzer:innen. Sie entführen das Publikum in eine zwischen Barock und Gegenwart angesiedelte, multimediale Bühnenwelt, wobei die Zuschauer:innen sich frei bewegen können und unter Aufhebung der Grenze zwischen Bühne und Publikumsraum ganz unmittelbar in die Performance integriert werden. Am 11.11.2026 wird in der Kulturbühne Ambach in Götzis die österreichische Erstaufführung des 2024 in Berlin uraufgeführten Stückes stattfinden.
https://ambach.at/veranstaltungen/a-masque-for-the-multiverse/