Neu in den Vorarlberger Kinos: „Gaza mon amour" (Foto: Panda Film / Alamode Filmverleih)
Gunnar Landsgesell · 17. Mär 2023 · Film

Inside

Ein Kunstdieb gerät in eine High-Tech-Wohnung, aus der es kein Entkommen gibt. Willem Dafoe als verzweifelter Befreiungskünstler in einem Film, der wie in einer Versuchsanordnung die Grenzen des Möglichen auslotet.

Man wähnt sich an der Kreuzung von „The Cube“ und „Dschungelcamp“. „Inside“ erzählt von einem – oder sollte man sagen; seziert einen – Mann, der unter verschärften Bedingungen langsam verrückt zu werden droht. Willem Dafoe, immer für experimentelle Projekte zu haben, findet sich als Kunstdieb eingesperrt in einer Wohnung wieder. Zuerst läuft alles nach Plan, der Dieb, er heißt offenbar Nemo, macht sich an die Arbeit, als die Alarmanlage schrillt. Flucht ist nicht möglich, die Türen sind versperrt und das große Panoramafenster gibt hoch oben den Blick auf die Wolkenkratzer frei. Gut möglich, dass der Film in Manhattan spielt. Der Dokumentarfilmer Vasilis Katsoupis hat ein Artefakt der besonderen Art entworfen: Eine geräumige Designerwohnung mit hohen Wänden und Artsy-fartsy-Ausstattung, in der aber auch Bilder von Schiele an den Wänden hängen, wird zur Mausefalle. Warum die Figur, die kaum jemand besser als Willem Dafoe verkörpern könnte, hier gefangen genommen wird, bleibt ebenso ausgespart wie jeder zeitliche Rückblick oder gar Erklärungsversuch. Die Dialoge sind knapp, mangels weiterer Personen handelt es sich ohnehin um Selbstgespräche. Während Nemo also wie ein gefangenes Tier die Wohnung durchwandert und nach Öffnungen absucht, vergeht drinnen wie draußen die Zeit. Es handelt sich um Wochen und dann um Monate. Die Nahrungsmittel werden knapp, der Verzehr der Zierfische aus dem Aquarium erinnert an jene Prüfungen, die Kandidaten im Privatfernsehen absolvieren müssen. Vor wenigen Jahren hatte Dafoe den Maler „Van Gogh“ gespielt, von dem man berichtet, dass er sich einmal ein Ohr abgeschnitten hat. So ähnlich darf man sich auch die dramaturgische Richtung in „Inside“ vorstellen. Es geht nicht nur um einen Befreiungsversuch, sondern auch darum, nicht an der eigenen Person zugrunde zu gehen.

One-Man-Show 

Dafoe beschreibt seine Figur in einem Interview als einen modernen Robinson Crusoe, der mitten in einer Millionenstadt in einer Wohnung gestrandet ist. Während er versucht, von dort zu entkommen, wird er durch die Einsamkeit zusehends auf sich selbst zurückgeworfen. Zugleich löst die Kunst, für die er in diese Räume eingebrochen ist, etwas in ihm aus. Der Kunstdieb, die Kunst, und der Kunstsammler, der ihn offenbar in eine Falle gelockt hat, bilden ein aberwitziges Beziehungsdreieck, das Dafoe mit großem körperlichem Einsatz ausagiert. Interpretationsspielraum gibt es hier viel: Neben der Beschäftigung mit sich selbst, bei der der menschliche Verstand auf eine harte Probe gestellt wird, lässt sich „Inside“ auch als Paraphrase auf Corona oder aber als bizarres Spiel eines Millionärs mit seinem Opfer verstehen. Im Kühlschrank wurden ausgerechnet Kaviar und Trüffel zur Versorgung bereitgestellt, während das Ertönen von Los del Rios Sommerhit „Macarena“ zur Nervenprobe gerät. Als psychologischer Thriller taucht man im Lauf der Zeit in das Mindset des Protagonisten ein, der an der Situation langsam körperlich und geistig zugrunde geht. Wer bereit ist, dabei der One-Man-Performance zu folgen, die Willem Dafoe (übrigens ein ausgebildeter Tänzer) auf unnachahmliche Weise vollführt, wird dem Film einiges abgewinnen können. Wer „Inside“ etwas abstrakter als Reflexion über Freiheitsentzug und Kontrolltechnologien versteht, wird auch nicht falsch liegen.