Neu in den Kinos: „Teaches of Peaches" Musikdoku des gebürtigen Vorarlbergers Philipp Fussenegger (Foto: Avanti Media Fiction)
Anita Grüneis · 18. Mär 2023 · Kleinkunst

Schlösslekeller Vaduz: Vom „WOMsen“ zum Gendern

Das Publikum im Schlösslekeller erlebte mit Marco Schädler und Andrea Zogg und ihrem Programm „WOM – die Totenmesse“ eine vergnügliche Stunde. Im Mittelpunkt standen die „White Old Men“ – die weißen alten Männer, deren Herrschaft dem Ende nahe sein soll. So viel schon vorweg – eine Beerdigung wurde es nicht, eher ein heiterer Abgesang auf die Herrschaft des weißen Mannes und dem grassierenden Gender-Wahn.

„Was wir hier machen, ist im Grunde genommen Kamikaze“, meinte der Schauspieler Andrea Zogg zu Beginn und bezog sich damit auf sich selbst und seinen Partner am Klavier, Marco Schädler. Dazu intonierte der Pianist „O Haupt voll Blut und Wunden“ – eines der bekanntesten Kirchenlieder aus dem 17. Jahrhundert, das mit Paul Gerhardt natürlich ein Mann komponiert hatte – wie alle Musik des Abends von Männern stammte. Dann musste die Bibel als Basis allen „WOM-Übels“ herhalten mit Gottvater, dem „Seniorknacker“, gefolgt von Methusalem usw. Flott ging es über zur gendergerechten Sprache, ob das nun Möhrenköpfe waren oder statt Vater und Mutter Eltern 1 und Eltern 2. „Die herrschende Geschichtsschreibung ist eine Geschichtsschreibung der Herrscher“, meinte Andrea Zogg und fragte: „Gibt es Zukunft ohne Vergangenheit?“, und schon stimmte Marco Schädler „Yesterday“ von den Beatles an und bemerkte, dass die Komponisten und Philosophen fast alles Männer waren – wie auch die Herrschenden – deren Namen von Andrea Zogg aneinandergereiht gesungen so gar nicht despotisch klangen, zudem waren unter den „WOM“ auch etliche schwarze Männer. Aber eben ausschließlich Männer!

Komponisten, Kommissare – alles Männer!

Doch nicht nur die Herrscher aller Welten auch die Komponisten von Beethoven über Mozart bis Schostakowitsch – alle „WOM“. Und während Marco Schädler deren Musik erklingen ließ, zeigte Andrea Zogg Blätter mit ihrem Namen, zerriss diese oder faltete Flieger und ließ sie ins Publikum schweben. Und wie steht es mit den Fernsehkommissaren – von denen der Schauspieler selber mal einer war? Lange Zeit ebenfalls alle „WOM“: Derrick, der Alte, der Bulle von Tölz und eben auch der Detektivwachtmeister Reto Carlucci. Dazu Andrea Zogg: „Augenblicklich fühle ich mich unbeschreibliche weiblich“, und fügte hinzu: „in jedem Mann steckt eine Frau“. Und schon war er bei Shakespeare und bat als Julia den Romeo: „Leg deinen Namen ab“. Aber so ein Rollenwechsel ist nicht mit dem Namen abgetan.

Totale Gleichberechtigung dank Technik?

Da hatte es Andrea Zogg etwas später viel einfacher, als er viele Frauennamen aneinandergereiht sang, ihnen allen mit den Händen ein Herz zeigte, weinend zum Klavier lief und Marco Schädler einfühlend „Ti amo“ anstimmte. Daraufhin folgte eine weitere Anhäufung weiblicher Namen, die diesmal mit „Azzurro“ am Klavier kommentiert wurden. Doch dann kamen Molière und der „Eingebildete Kranke“ ins Spiel. „Ich bin Argan, ein empfindsamer Mensch“, betonte Andrea Zogg und las die Kosten für seine Medikamente von Kassenbons ab. Das gipfelte in der Frage: „Könnte es sein, dass wir keine Kunden mehr sind, sondern die Produkte?“ Er zitierte die Feministin Laurie Penny, die eine totale Gleichberechtigung forderte und sich eine technische Alternative zur Schwangerschaft wünschte: „Erst wenn eine Maschine das Babykriegen übernehmen kann, müssten Frauen sich nicht mehr zwischen Mutterschaft und allem anderen entscheiden.“ Am Schluss bat Andrea Zogg um die Erfüllung des Traums jeden Schauspielers – auf der Bühne sterben zu dürfen. „Jetzt müssen Sie zuschauen“, warf er dem Publikum zu und forderte dann: „Also Tod, es wäre nett, wenn du jetzt zuschlägst – die Leute wollen auch heimgehen.“
Eine Totenmesse ist der Abend nicht ganz geworden, eher eine humorvolle Auseinandersetzung mit der aktuellen Transgender-Debatte und der Jahrtausende alten Vorherrschaft der weißen alten Männer. Es ist übrigens die dritte Produktion der Gruppe.Vor fünf Jahren produzierten Marco Schädler, Andrea Zogg und seine Gattin Eva Roselt, die zugleich für Redaktion und Regie verantwortlich ist, gemeinsam das Programm „Händels Auferstehung“, in dem Stefan Zweig und Georg Friedrich Händel aufeinandertreffen. Dieses Stück wurde über 70-mal in der Schweiz, in Frankreich und Deutschland gespielt. Auch mit ihrem zweiten Stück „Die Zauberflöte“ war das Dreiergespann erfolgreich unterwegs. Nun gehen sie mit „WOM“ ebenfalls auf Tournee.