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13.06.2019 |  Mirjam Steinbock

Großes Erbe und Kampfgeist im Tanz – Shailesh Bahoran und Redouan Ait Chitt zeigen Außergewöhnliches bei tanz ist

Nach einem fulminanten Start ins 25. Jubiläumsjahr bietet das tanz ist Festival am Spielboden in Dornbirn mit „Heritage“ und „REDO“ erneut zwei beeindruckende Tanzperformances. Den Abend teilen sich zwei Tänzer mit sehr persönlichen und in Körperbeherrschung, Ausdruck und Technik beeindruckenden Solo-Stücken. Verbindende Elemente zwischen Shailesh Bahoran und Redouan Ait Chitt gibt es einige. Die beiden Künstler über Elemente des urbanen Tanzes in ihrer Individualität und Einzigartigkeit zu erleben, macht neugierig, mehr über sie zu erfahren.

Der Abend beginnt mit einem rund halbstündigen Stück von Shailesh Bahoran. Der Tänzer und Choreograf, der seine Wurzeln in der Hip-Hop-Kultur hat, zeigt in der Österreichpremiere sein Solo „Heritage“, das er seinen Ahnen und seiner Herkunft aus Indien, Surinam und Holland widmet. Langsam und sehr bedacht erscheint der Künstler im Gassenlicht auf der Bühne. In einer präzise ineinander greifenden Abfolge äußerst athletischer Figuren, in der er sich aus einer unerschöpflich wirkenden Schatzkiste verschiedenster Techniken aus Breakdance und Yoga-Praktiken zu bedienen scheint, wird nicht zuletzt am schweißnassen bloßen Oberkörper des Tänzers ersichtlich, welche Kraftanstrengung hinter dieser Darstellung stecken muss. Wiederholt findet sich Shailesh Bahoran im Spotlight eines Zentrums wieder, in dem er sich aus dem Sitzen in schon beim Zusehen fast unerträglicher Langsamkeit erhebt. Um schließlich diese Mitte im Tanz auf Füßen, Knien und im Head Spin drehend zu umschreiben. Verbunden sind die Figuren durch Popping und Locking, aus dem Breakdance verwendete Stile, die durch ihre ruckartigen Bewegungen an Roboter oder Comicfiguren erinnern. Das Suchen nach Fragen, der Tanz um eine Mitte und eine leidenschaftliche Erforschung des Körpers und seiner Herkunft steht dem Künstler auch im Gesicht geschrieben. Die begleitende Musik wirkt zum Teil wie ein episches Filmwerk, das Licht lässt den Schweiß glänzen und wirft teilweise lange Schatten auf den Körper. Es raubt einem auf den Sitzen die Luft, wenn der Tänzer sich tief in den Bauch greift und der trainierte Körper dem eines Asketen gleicht.

Meister der Körperbeherrschung 
Ein Energiefluss in der Bewegungsabfolge dieses Meisters der Körperbeherrschung scheint bisweilen wie gestoppt oder nicht zu Ende geführt. Wahrscheinlicher ist, dass diese Energienutzung mir als Betrachterin versteckt bleibt, weil sie für mich unsichtbar in andere Bahnen und Bewegungen umgeleitet wird. Das raubt nicht immer angenehm den Atem, das heftige Atmen des Tänzers verstärkt das beklemmende Gefühl. Es entstehen aber auch unvermittelt weitere Bilder und Assoziationen. Mir kommt plötzlich Rainer Maria Rilkes Gedicht „Der Panther“ in den Sinn, in dem es in der zweiten Strophe heißt „Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht“,  und ich hätte mir diese Darstellung auf den menschlichen Körper übertragen nicht besser vorstellen können. Einen Moment des beraubten Atems ist auch bei meinen Sitznachbarn zu bemerken, als am Ende des Stücks mit dem Black ein gefühlt langer Moment der Stille entsteht, bis mit der Verbeugung des Darstellers lautstark und mit viel Applaus großer Respekt bekundet wird.

Freier Blick auf einen Körper jenseits der Normalität
Die Umbaupause für das Solo „REDO“ vom niederländischen Tänzer Redouan Ait Chitt zeigt die Bühne unverändert bis auf eine Vielzahl von leicht schwingenden, blauen Glühbirnen über der Bühne, was wie ein architektonisches Konzept wirkt und bereits auf den ersten Blick und noch unbeleuchtet eine Begrenzung des freien Raums beschreibt. Redo, wie der Tänzer auch genannt wird, erscheint im Zentrum der Bühne, es ist jedoch nur eine Hand mit drei Fingern, die sichtbar ist. Er beleuchtet sich selbst mit einer Taschenlampe, fährt die Konturen seines Körpers ab, macht sichtbar, was ungewöhnlich ist. Über insgesamt fünf Finger verfügt er, drei an der linken, zwei an der rechten Hand und auch sonst entspricht sein Körper nicht dem Normalen. Seine rechte Hüfte fehlt und seinen rechten Unterschenkel bildet eine Prothese. Dass Redo ebenfalls im Breakdance zuhause ist, mag man nach dieser Beschreibung und Beleuchtung nicht glauben, wir im Publikum wurden aber im Folgenden eines Besseren belehrt und es war schon im Programm angekündigt, dass es sich hier um einen Künstler handelt, der sich über körperliche Limits hinweg setzt und neue Maßstäbe setzt. In der Zusammenarbeit mit dem Choreografen Shailesh Bahoran, der für das Konzept des Stücks verantwortlich zeichnet, knüpft der junge Tänzer an die Wege des vorgehenden Performers an und begibt sich in eben diese Diagonalen der Bühne. 

Wie von göttlicher Hand geführt
Er lässt sich Zeit zwischen den ebenso unfassbaren Power-Moves und dem Publikum gibt er Zeit, ihn zu betrachten. Die musikalische Komposition reicht von Klängen, die an Felsabbrüche erinnern, bis zu Klavierstücken, die von Streichern begleitet werden. Wie poetisch Breakdance sein kann, führt Redo anschaulich vor Augen. Man mag kaum glauben, wie sich dieser Profitänzer behände ins Fallen und Aufsteigen begibt - wahrlich wie von göttlicher Hand geführt. Und hier kommt dieser Bewegungsfluss anschaulich zutage, der einem beim Performance-Vorgänger noch verschlossen blieb. Das Nutzen des Schwungs macht Redo sichtbar, obwohl es schleierhaft ist, wie sich ein Mensch mit fehlenden Gliedmaßen den Gesetzen der Schwerkraft derart zu widersetzen vermag. Was berührt, ist der Blick, den der Breakdancer offen, stark und doch verletzlich ins Publikum richtet. Bis er kraftvoll die nächsten Moves in seine Darstellungs-Geschichte einwebt. Nach einer Zäsur des Stücks, die durch das Anziehen von Schuhen dargestellt wird, kommen endlich die blauen Glühbirnen zum Einsatz und durch Redo initiiert, in Schwingung. Die Bewegungen, die sich durch alles durchziehen, werden von seiner linken Hand und dem Arm geführt und im Außen fühlt man sich auch geführt durch ein wirklich zur Nachahmung gezeigtes Beispiel, wie ein selbstverantwortliches Leben geführt werden kann. Und auch hier ließ es sich das Publikum nicht nehmen, begeisterten und lang anhaltenden Applaus zu schenken.

Der Tänzer und Choreograf Shailesh Bahoran zeigt sich in größter Körperbeherrschung und mit einer Vielzahl an stilistischen Mitteln (alle Fotos © Stefan Karl Hauer)

Der Tänzer und Choreograf Shailesh Bahoran zeigt sich in größter Körperbeherrschung und mit einer Vielzahl an stilistischen Mitteln (alle Fotos © Stefan Karl Hauer)

"Heritage" heißt das Solo, in dem sich Shailesh Bahoran in eindrücklicher Performance seinen Wurzeln widmet

"Heritage" heißt das Solo, in dem sich Shailesh Bahoran in eindrücklicher Performance seinen Wurzeln widmet

In REDO lässt Redouan Ait Chitt dem Publikum viel Zeit, ihn zu betrachten

In REDO lässt Redouan Ait Chitt dem Publikum viel Zeit, ihn zu betrachten

Dass das Fehlen von Gliedmaßen keine Einschränkungen in Bewegungen mit sich bringen muss, führt Redo anschaulich vor Augen

Dass das Fehlen von Gliedmaßen keine Einschränkungen in Bewegungen mit sich bringen muss, führt Redo anschaulich vor Augen

Herabhängende blaue Leuchten begrenzen den Raum nur dem Anschein nach

Herabhängende blaue Leuchten begrenzen den Raum nur dem Anschein nach

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  • Der Tänzer und Choreograf Shailesh Bahoran zeigt sich in größter Körperbeherrschung und mit einer Vielzahl an stilistischen Mitteln (alle Fotos © Stefan Karl Hauer) Der Tänzer und Choreograf Shailesh Bahoran zeigt sich in größter Körperbeherrschung und mit einer Vielzahl an stilistischen Mitteln (alle Fotos © Stefan Karl Hauer)
  • "Heritage" heißt das Solo, in dem sich Shailesh Bahoran in eindrücklicher Performance seinen Wurzeln widmet "Heritage" heißt das Solo, in dem sich Shailesh Bahoran in eindrücklicher Performance seinen Wurzeln widmet
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