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08.05.2013 |  Peter Niedermair

Tage der Utopie: Schüler machen Schule – Zur Praxis einer Schule der Zukunft

Vor kurzem referierten bei den „Tagen der Utopie“ in Arbogast zwei Schülerinnen, Jamilla und Alma, gemeinsam mit Margret Rasfeld, Schulleiterin der Gemeinschaftsschule Berlin Zentrum. Alle drei erzählten, wie es in der Schule zugeht, was sie dort machen, wie es so geworden ist, wie es jetzt ist. Sie waren durch und durch überzeugend und wussten zu begeistern.

Mit der Präsentation der Berliner Gemeinschaftsschule ist eines der wesentlichen Kernelemente der Philosophie und des Konzepts von Hans-Joachim Gögl und Josef Kittinger sichtbar geworden. Es ist auf den Kern reduziert ziemlich einfach, eigentlich. Der Blick fokussiert auf die Ressourcen und alles das, was schon da ist: die Akteurinnen und Akteure. Von den Vorschlägen aus Berlin könnte man einiges Essenzielles lernen. Vom status quo weg das Neue an Schule denken, ist vermutlich nicht unbedingt so einfach, vor allem auch nicht wirklich vorstellbar, solange man Schule weiterhin in den alten, eingefahrenen Bahnen verwaltet. Was ist anders an der Gemeinschaftsschule Berlin Zentrum? Die grundlegende Vision dieser anderen Schule ist eine wertschätzende Lernkultur, die zu Gemeinsinn und Verantwortung, Kreativität und Unternehmensgeist inspiriert und befähigt.

Die Evangelische Schule Berlin Zentrum – esbz – wurde 2007 von Eltern gegründet. Sie ist eine weiterführende Schule ab Jahrgangsstufe 7 und führt nach der 13. Klasse zum Abitur. Als inklusive Gemeinschaftsschule ist die esbz für alle Kinder offen und arbeitet ohne äußere Leistungsdifferenzierung. Anerkennung und Wertschätzung sind zentral verankert und prägen den Geist der Lern- und Schulkultur. Diese andere Schule ist nicht durch Standardisierung und Konformität geprägt, sondern durch individualisiertes Lernen, nicht mehr Lehrplan-zentriert, sondern Lernende-zentriert. (Vgl. Tage der Utopie, Festival für eine gute Zukunft, hrsg. von Hans-Joachim Gögl und Josef Kittinger, Bucher Verlag Hohenems, 2013, Seite 134ff.)

Die Utopie hat das Feld gewechselt


Der neue Prototyp von Schule bindet die jungen Leute ein. Angeblich stelle man damit die Schule auf den Kopf, wie das Richard David Precht in der Zeit vor ein paar Wochen bezeichnet hat. Schule im Kopfstand, wie soll das gehen? Zuallererst ist sie eine Gemeinschaftsschule und markiert einen radikalen Wandel der Lernkultur. Sie schaut genau hin, was Lernprozesse fördert und was sie hindert. Sie steht für die Wertschätzung der Vielfalt und für eine Kultur des Respekts. Sie ist eine Gemeinschaftsschule mit Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen Kulturen, sozialen Herkünften, unterschiedlichsten Begabungen und Voraussetzungen. Kinder mit Behinderungen haben genauso einen Platz wie Hochbegabte. Jede zählt. Jeder ist wichtig. Vielfalt macht stark. Das ist nur scheinbar eine Schul-Utopie. Von allem, was stattfindet, ist Vieles längst bekannt. Eines jedoch ist ganz anders und neu. Was die Schule sagt, das macht sie auch. Und umgekehrt. Das ist schon ein bisschen schräg, aber nicht unmöglich. Vielleicht ein wenig „verstimmt“ wie die Musik von Pascal Contet, der wie an allen anderen Abenden vor und nach den Präsentationen das interessierte Publikum mit seinem Akkordeon auf eine akustische Abenteuerreise mitnahm. Contets Akkordeon atmet die Schritte und Kapriolen seiner Improvisationen. Dieses Spiel öffnet Denkräume, imaginiert Herzschläge und Wolkenklänge. Seine Musik ist wie eine Sprache. Und sie kommt jener dieser besagten Berliner Schule sehr nahe. Diese Schule „schnürt kein Korsett aus Tests und Abschlussprüfungen“, sie nimmt sich Zeit für das Wichtigste, nämlich „für Beziehungen der Lernenden untereinander und zwischen Lernenden und Lehrenden, als Grundlage allen Lernens“.

Die Schule auf die Erde stellen


Margret Rasfeld als Leiterin der Schule, die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit den Lehrkräften stellen die Schule jedoch nicht auf den Kopf, wie dies auch ein Diskussionsteilnehmer meinte, sondern auf die Füße, auf die Erde. Es geht zum einen um eine Haltungsänderung, zum anderen darum, das Zusammenleben zu gestalten und die Herzkräfte zu stärken. In ihrer wirkmächtigen Prägung auf Kinder und Jugendliche entwickelt sich die Gemeinschaftsschule nämlich vom Ego-System zum Eco-System. Was sollen junge Leute heute lernen? Es sind u.a. jene Fragen, mit denen wir im Leben in Berührung kommen. Zu diesem Curriculum gehört: Herausforderungen annehmen, Verantwortung übernehmen, Probleme lösen, Teamfähigkeit lernen, sich in Diversität einüben, Vielfalt als Bereicherung erleben. Es geht um die Grundfragen: Wie wird Gemeinschaft und Beziehung in demokratischen Strukturen gestaltet? Wie planen Schüler die Schule selbst und eigenverantwortlich? Wie geschieht Planung klassen- und jahrgangsübergreifend, wie kann man Gemeinschaften in verschiedenen Formaten leben? Für die Kinder nehmen sich die Lehrer viel Zeit, Tutoren begleiten die Kinder, die sehr viel selbst machen und für sich selbst organisieren. Dazu braucht es selbstredend auch eine andere Beziehungskultur. Während ihres Vortrags merkt man es den drei Botschafterinnen der Berliner Gemeinschaftsschule an, sie reden aus Erfahrungen – Praxis pur –, sie sind es gewohnt, locker und entspannt, selbstsicher und uneingeschüchtert vorne zu stehen. Es ist wie Kafka sagt, was im Kopf klar ist, ist auch in der Sprache klar.

Die Kleinigkeiten sehen


Wertschätzung ist eine grundlegende Komponente. Die Kleinigkeiten sehen, das sind die großen Sachen. Loben – wie es die drei Berlinerinnen hier an den Tagen der Utopie ungekünstelt und voller Empathie vorführen – gilt als grundlegende Komponente. Das geschieht im Klassenrat. Die Lehrer beginnen die Konferenz mit einer Lobrunde. Das fördert und wendet den Geist. Das, scheint mir, ist ein wesentlicher Unterschied zur traditionellen Schule, in der eine echte Leistungskultur nicht gerade häufig anzutreffen ist. Kinder, die sich hervortun und anstrengen, werden dafür meist gehänselt, ziehen sich zurück und machen auf Mittelmaß. Bis zur 9. Klasse gibt es in dieser Berliner Schule keine Noten. Dafür gibt es Zertifikate in den Lernbüros. In denen steht detailliert, wie man gearbeitet hat. Eine Note „bringt in der Regel nur Leistungsdaten rüber“, ein persönlicher Text fehle. Zertifikate, sagt Jamilla, sind hilfreich, Noten, sagt Frau Rasfeld, müsse man abschaffen, nur so komme man vom Konkurrenzdenken weg und behalte die Dinge viel besser, nur so könne Angst überwunden werden.

Zu den neuen Fächern zählt das Schulfach „Verantwortung übernehmen“. Und das kann man nicht von Arbeitsblättern lernen. Die Projektthemen sollen nicht gekünstelt sein, gut wäre, wenn zum Beispiel eine Stadt Aufgaben für die Schüler hätte. An der Berliner Schule übernimmt jeder Schüler zwei Jahre die Verantwortung in einem Gemeinwesenprojekt. Dazu gibt es Projektbörsen mit vielen Ideen. Im Laufe der Zeit sind zahlreiche Partnerschaften entstanden. Dort lernen die Schüler Metakompetenzen, aber nicht auf einer abstrakten Ebene. Eine von diesen lernen sie ganz besonders: Im Sinne der Nachhaltigkeit braucht es die emotionale Ebene. Ein anderes Schulfach heißt „Herausforderungen“. In diesem Fach verlassen die Schüler Berlin und gehen jeweils am Ende des Sommers drei Wochen lang alleine auf Weg. Sie planen sich alles selbst, alle 240 SchülerInnen gehen und suchen sich ihre Herausforderungen. In Arbogast erzählen die zwei Schülerinnen darüber, sie finden klare Worte, machen begreifbar, was ihnen diese Schule und dieses Projekt bedeutet. Sie machen das Publikum staunen, sie machen neugierig, und eines vor allem, sie begeistern. Sie setzen auf Potenzialentfaltung und auf Beziehungskultur.

Veränderung kommt nur von unten


Die Verwaltung dieser Schule ist ein weiteres zentrales Thema. Wenn wir auf oben warten, warten wir noch in 100 Jahren, sagt Margret Rasfeld in der Diskussion. Veränderung kann nur von unten kommen. Es braucht Schnellboote, keine behäbigen Tanker. Dieses Plädoyer, es zu machen, nach dem Motto „wir schaffen es“, Verantwortung zu übernehmen und nicht zu warten, bis die Verwaltungsleute von oben einer Veränderung zustimmen, etwas gnadenhalber erlauben. Darin zeigt sich der kleine große Mut im Alltag. Der Spirit der Schule, das ist die Herzkammer, dem muss man Räume geben. Und wer könnte die Schule besser gestalten als die Schüler selbst? Diese Räume im architektonischen Sinn verwaltet Schule nicht als Anstalt, wie sie Foucault analysierte, als geschlossene Räume, in denen Unterrichten und nicht Aufrichten stattfindet. Orte des Lernens gibt es ganz verschiedene. Man muss Schule nicht allein an Schulen machen. Nur einen Teil. So wie man in dieser Berliner Schule auch alle anderen Dinge lernt, Sprachen und Mathematik, Geschichte und Physik. Literatur und Musik. Die Berliner Gemeinschaftsschule ist anlässlich der diesjährigen „Tage der Utopie“ in Vorarlberg auf zahlreiche Interessierte getroffen. Jene, die sie selbst hören möchten, können das bald tun. Margret Rasfeld kommt wieder ins Land. Das große Verdienst der Veranstalter ist es, mit dieser Schule eine Realutopie hier in Vorarlberg präsentiert zu haben.

 

Veranstaltungshinweis
Vortrag mit Margret Rasfeld: „EduAction – Wir machen Schule“                  
Donnerstag, 16. Mai 2013, 20 Uhr, ORF-Landesfunkhaus Dornbirn, Eintritt frei. 
Eine Veranstaltung der Unabhängigen Bildungsgewerkschaft (UBG) und der Vorarlberger Lehrerinitiative (VLI) in Zusammenarbeit mit zahlreichen Vorarlberger Bildungsinitiativen

Alma, Jamilla und Margret Rasfeld – die drei Referentinnen aus Berlin (Fotos © Sonja Bettel)

Alma, Jamilla und Margret Rasfeld – die drei Referentinnen aus Berlin (Fotos © Sonja Bettel)

Lernen von der Evangelischen Schule Berlin Zentrum

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Die Vortragenden mit SchülerInnen aus Vorarlberg

Die Vortragenden mit SchülerInnen aus Vorarlberg

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  • Alma, Jamilla und Margret Rasfeld – die drei Referentinnen aus Berlin (Fotos © Sonja Bettel) Alma, Jamilla und Margret Rasfeld – die drei Referentinnen aus Berlin (Fotos © Sonja Bettel)
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