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26.04.2017 |  Peter Niedermair

Tage der Utopie - Jos de Blok: Organizations without Management. Inventing Meaningful Structures

Im Bildungshaus Arbogast eröffneten Josef Kittinger und Hans-Joachim Gögl am Montag, 24. April 2017 die 8. Tage der Utopie. Das Generalthema für die seit 2003 zweijährig stattfindende Veranstaltung titelt diesmal „Die Rückkehr der Utopien“. Dabei geht es darum die Utopie als Haltung gegenüber den Dystopien, den dunklen Zwillingsschwestern der Utopien, zu positionieren (vgl. Peter Niedermair in: Kultur April ’17, S. 4-5). Angesichts der sich breitmachenden Hysterie mit einer riesigen Fülle an Angst vor Katastrophen der Gegenwart faszinieren diese Dystopien sehr stark. Dem gegenüber stellen die Veranstalter ein Gegengewicht, indem man sich unaufgeregt, sachlich und kreativ Lösungen zuwendet und sich von diesen leiten lässt. Josef Kittinger kontextualisiert diese Tage der Utopie in den konzeptiven Verlauf der bisherigen Reihe und betont, dass neben all den Widrigkeiten und Hoffnungslosigkeiten dieser Welt zahlreiche Initiativen existieren, einige die hier in Arbogast gestartet sind. Von den Tagen der Utopie sei bisher viel Inspiration ausgegangen, die eine spezielle Offenheit im Blick schaffen – open mind, open heart und open will. Das Gute im Hintergrund habe längst begonnen und auch Voraussetzungen geschaffen, Neues entdecken zu wollen, neugierig zu sein für Überraschungen. Das ist nicht der Schalter, den man auf Pseudooptimismus umgelegt hat, sondern authentische Sprache zu sehr bedeutenden Themen. Die Sensibilität gegenüber der Sprache ist ein wesentliches Merkmal dieser Tage der Utopie. The language creates the spirit.

So many colours make so many rainbows

Die Musik spielt eine entscheidende Rolle, nicht als Ornament, nicht als schmückendes Beiwerk zur ästhetischen Behübschung des Abends. Vielmehr soll sie jenseits von Sprache und Begriffen ein wesentlicher Mitspieler sein und die BesucherInnen für den danach folgenden Vortrag öffnen und sensibilisieren. Ein ear und heart und mind opener. Peter Madsen, der schon 2007 bei den Tagen der Utopie spielte, eröffnet den Abend mit dem ersten Stück, „All the busy bees on the top and the tired at the bottom“ – ein Musikstück und eine Ermutigung, diese Musik hier so erleben zu können, vom Herz zum Kopf und wieder zurück. Madsen schafft mit seinem Spiel am Klavier Zauber und Atmosphäre. Peter Herbert und Peter Madsen treten am Mittwochabend mit sechs weiteren MusikerInnen – ein Allstar Ensemble – in der Arbogaster Kapelle auf. Alle Musiker und Komponisten waren bereits hier zu Gast. Restkarten für den Mittwoch gibt es noch an der Abendkasse. Madsens „busy bees“ – die Ouverture – ist eine Phantasie für Hände, die die Leiter wie die Jakobs hinaufsteigt in den tiefblauen Himmel, die langsam wie Pasternak mit Parzeval über die Wiesen und Felder spaziert, leicht wie Grashüpfer, die sich am Morgen noch im Tau über die Löwenzähne hüpfend und über die Brücke hinüber zu den Freunden in der nächsten Wiese bewegend zum morgendlichen Cremant de Bourgogne treffen, wo schon Franz Schubert sitzt, der gerade von einem Spaziergang am Alten Rhein kommt, um dann Jos de Blok zuzuhören.

Jos de Blok – Championsleague

Der Vortragende des Eröffnungsabends ist Jos de Blok aus den Niederlanden, der mit seinem Buurtzorg Projekt, Nachbarschaftspflege, zu einem globalen Pionier für die Entwicklung und Gestaltung von Organisationen ohne Management im Gesundheitsbereich geworden ist. De Blok ist Gründer und Geschäftsführer von Buurtzorg, einer holländischen Organisation, die gemeinschaftlich organisierte Pflegedienste für mehr als 60.000 Klienten pro Jahr anbietet. Er selbst ist ausgebildeter Pfleger / Nurse und ein Unternehmer, der in Holland einen starken Paradigmenwechsel der Organisation von gemeinschaftlichen Pflegediensten bewirkte. Zuvor war er in verschiedenen Managementpositionen im häuslichen Pflegebereich tätig, unter anderem als „innovations-director“ in der Weiterentwicklung von medizinischen Dienstleistungen. Buurtzorg ist mittlerweile zu einem weltweiten Modell für soziale Innovationen geworden und hat wesentliche Beiträge für Veränderung und Gesundung ganzer Systeme bereitgestellt. Sein Motto: „I like people who do things that are not possible.“ Und „I like it practical.“

Fokus Pflebebereich

Seit den 80er Jahren haben Politiker in Holland versucht, im Gesundheits- und Pflegebereich mehr Qualität und Qualitätsbewusstsein zu initiieren. Der Befund war ziemlich deutlich, dass im Pflegebereich sehr viel Aufmerksamkeit und Sorge für die allerletzte Lebensphase von Menschen aufgewendet wird. Das ist in Österreich nicht sehr anders, bis heute. Ein Löwenanteil der medizinischen Pflegekosten fällt in der allerletzten Lebensphase an. De Bloks Vision Prinzip auf der Grundlage einer professionellen Ethik war, die Unabhängigkeit und Selbstmanagement von Patienten zu unterstützen und fördern sowie Netzwerke zu begründen. Dies schaffe optimale Autonomie und – weil auf Vertrauen gegründet – keine Hierarchie. Maximal arbeiten 12 Nurses in einem Team für 40 bis 50 Klienten. Sie sind Generalisten, die für alle Patienten sorgen, 70 % von ihnen sind eingetragene Krankenschwestern, 40 % haben einen Bachelor Degree; sie verwalten ein eigenes Fortbildungsbudget (3 %), ihre Entscheidungen sind in der Regel selbstverantwortet und selbstgesteuert.

Der Fokus der Arbeit liegt auf der Entwicklung von Lösungen. Das scheint mir ein wesentliches Moment des Erfolgs von Buurtzorg zu sein. Die Sprache an sich schafft einen Spirit. Man bewegt sich in der Wahrnehmung und im Reflektieren der Situationen sprachlich nicht in den Begriffen der Probleme, sondern konzentriert sich auf die Energien, die die Suchbewegungen in Richtung Lösungsorientiertheit steuern. Für insgesamt 10.000 Angestellten arbeiten 50 Personen im Backoffice, es gibt 18 Coaches und keinen einzigen Manager oder andere Managing Directors. Es gibt eine schier unvorstellbare und unglaubliche Nichtbürokratie.

Vertrauen schafft Vertrauen

Die Kundenzufriedenheit wird laufend evaluiert. Die Instrumente der Qualitätskontrolle sind transparent und für alle jederzeit zugänglich. Man legt sehr viel Wert auf Informationsaustausch, auf Kommunikation und auf das gemeinsame Feiern. Der Begriff „Party“ kam öfters vor. Die Nurses arbeiten im ganzen Land verteilt und pflegen einen regen Austausch untereinander. Wesentliche Ideen fand Jos de Blok in einem bedeutenden theoretischen Modell, das Frederic Laloux von der Rotterdam School of Economics entwickelte. Im Zentrum steht Selbstmanagement unter ganzheitlichen Aspekten, man geht Bedürfnis orientiert vor, legt viel Wert auf die berufliche Zufriedenheit der Angestellten, auf Autonomie und Unabhängigkeit. Die Organisation arbeitet sehr kosteneffizient, die Overhead Kosten belaufen sich auf 8 % - im holländischen Durchschnitt sind es 25 %, wodurch mehr Geld für die Pflege und für Innovation bleibt. Vertrauensbildung und nachhaltige Entwicklung gehören zu den zentralen Anliegen. In Summe: „Die Einfachheit des Buurtzorg-Modells minimiert den Bedarf an umfassender administrativer Unterstützung auf der Organisationsebene.“ (Seite 33, Tage der Utopie. Hg. von Hans-Joachim Gögl / Josef Kittinger. Bucher Verlag Hohenems.), wo es weitere Texte und Informationen zu den Tagen der Utopie gibt.

www.tagederutopie.org

Eröffnung: Josef Kittinger und Hans-Joachim Gögl eröffnen die 8. Tage der Utopie

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Musik Präludium: Peter Madsen am Klavier

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Jos de Blok, „Organizations without management“

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Peter Madsen

Peter Madsen

Peter Madsen

Peter Madsen

Jos de Blok im Gespräch im Foyer des Bildungshauses (Fotos © anja koehler | andereart.de)

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