Benutzerspezifische Werkzeuge

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

14.03.2011 |  Thomas Heel

Jetzt bauen Sie doch keinen Popanz auf!

Nachlese zu den Identitätsvorträgen von Prof. Heiner Keupp („Sich finden in einer grenzenlosen Gesellschaft: Identitätsarbeit in der Spätmoderne“) und Prof. Manfred Prisching („Das Selbst, die Maske, der Bluff“) im Theater am Saumarkt in Feldkirch am 11.3.2011

Als minderbemittelter Lehrer  habe ich auf Kosten (Fahrtkosten freilich ausgenommen) der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg die Vorträge der beiden genannten Professoren mit Spannung angehört.

Heiner „Patchwork“-Keupp (analog zu „Risiko“-Beck) und „Kleine Zeitung“-Prisching. Ein seltsames Dream-Team aus Soziologie und Sozialpsychologie. Keupps Vortrag entsprach meinen Befürchtungen, ich wollte es nur in vivo bestätigt sehen. Es handelte sich um eine abgekürzte Vorlesung mit notorischer Powerpointpräsentation. Mehr oder weniger sattsam bekannt die Diagnosen, Therapien sowieso keine. Höchstens Zeigefinger. Emeritiert-trocken und allseits-bekannt.

Schlechtes Kabarett

Das hatte ich mir eigentlich so erwartet, von Prisching allerdings umso mehr erhofft. Er lehrte in New Orleans, als „Katharina“ kam, und berichtete in der „Kleinen Zeitung“ und im ORF live darüber. Obwohl von Haus aus eigentlich Jurist und Volkswirtschaftler, erwartet man/frau von einer soziologisch sensibilisierten und Soziologie dozierenden Person mit Katastrophenerfahrung eine gewisse „Tiefe“, allein aufgrund der Tatsache, dass sie einmal bis zum Hals im Wasser gestanden ist.

Im Kontrast zu Keupp machte Prisching auf Kabarett. Saftige Beispiele aus der Werbung, abwertende Nebensätze im Tonfall von Josef Hader, aber sehr reaktionär, eine blöd rudernde Gestik – alles einstudiert und zigmal reproduziert. Seine Folie war die Abfolge „Selbst-Maske-Bluff“, wobei er mithilfe seiner Powerpointpräsentation permanent Bilder und Signale der Werbung projizierte, um sie dann altväterisch als Schund zu deklarieren. Er hatte ein paar Lacher auf seiner Nachsatzseite.

Drei Fragen

Bei mir ist dieses Schauspiel aber ganz übel angekommen. Einer der Zuhörer wurde zwar ohnmächtig, aber das ist kein Qualitätskriterium (und ein Arzt war zugegen). Ich übe mich in öffentlichen Diskussionen in Zurückhaltung. Nachdem ich aber Keupp, den ich schon vor über zehn Jahren gelesen hatte, und Prisching, den ich mir ob seiner damaligen Kommentare aus dem versinkenden New Orleans als notwendigerweise inzwischen einigen Tiefgang erreicht haben müssenden Sozialforscher imaginiert hatte, nachdem ich also beide gehört und über mich ergehen lassen hatte, ja, da überkam es mich. Ich stellte, weil ja eigens dafür eine Person mit Funkmikrofon bereit war, drei Fragen. Sehr verkürzt, freilich. Eigentlich sind es Feststellungen.

Erstens: Sie benutzen ein sehr primitives Modell von Medienwirkungen. Keupp zitiert zwar Stuart Hall (Cultural Studies), aber kontext-, und vor allem folgenlos. Prisching instrumentiert das primitive Medien-Modell, um Lacher zu ernten – Lacher von Bildungsbürgern im Geiste Adornos.

Zweitens: Ich unterstelle den modischen identitätstheoretischen Versuchen einen impliziten Eurozentrismus. Warum? Weil ihre Konzepte mehr durch euro-amerikanische akademische Regeln angeblicher Wichtigkeit (eine einzige Idee durchbuchstabieren bis zur Emeritierung, und dann zum Beispiel am Saumarkt eine Pseudodiskussion simulieren) determiniert sind. Welthaltigkeit?

Die Globalisierung wird als Nussknacker für europäische Identitäten betrachtet, und aus den zerbrochenen Schalen sollen neue Schiffchen geleimt werden. Der Rest der Welt ist aber egal, andere Identitätskonstruktionen – da ist Keupp in seinem Forschungsdrang eingeschlafen, weil der Rest der Welt ohnehin nur in die Festung Europa eindringen will, oder so.

Drittens: Der Prisching’sche Dreischritt von Selbst - Maske - Bluff beschreibt – das weiß jeder Anfänger in dekonstruktiver Textanalyse – zuerst einmal die generative Technik des zur Disposition stehenden Textes, Theorie wäre übertrieben, selbst. Prisching baut in seine Powerpointpräsentation das Bild und Cover eines belletristisch erfolgreicheren und wesentlich jüngeren Popularisators des hierzulande gängigen Identiätstheoriekonsenses ein – da wird sein Neid offen, und die Wissenschaftlichkeit wird zum Nachsatz dieses Bedauerns.

Keupp hingegen exerziert, zumindest, was die Mitte seiner Darbietung anbelangt, die Maskenhaftigkeit der Wissenschaftlichkeit: exzessives Zitieren (aber immerhin kenntlich gemacht – von Gutenberg zu Guttenberg…, die Sache mit den sehr beweglichen Lettern), sonore Langeweile, sine ire et studia, darum ist es halt eben so. Prisching macht auf Josef Hader von vor 15 Jahren und erntet sogar ein paar Lacher für seinen Bluff. Denn der Nachsatz für seine ironischen Nachsätze lautet: Da gibt es sogar irgendwo irgendwelche Studien, die das ganze belegen. Ha. Ha. Haha.

Aufgewärmte Brühe

Als ich dann auch noch einstreue, dass die gängige identitätstheoretische Zeitdiagnose aufgewärmter Kaffee der postmodernen Diskussion der 80er-Jahre sei – damals aber in der deutschsprachigen Soziologie als Scharlatanerie und Humbug desavouiert (Lyotard, Virilo,…) – und Baudrillard als den Meisterbluffer ehre, sind beide sichtlich überfordert.

Prisching meint, das habe nichts mit „Simulation“ zu tun, nur eben was? Und dann legt er wieder rudernd los über bauchfreie T-Shirts, Piercings, Schönheitsoperationen, Zeitgeist- und Lifestyle-Illustrierte, welche er mit schauerlichem Genusse zu „analysieren“ scheint (ein wenig fühle ich mich an den „Pornojäger“ Humer erinnert). Keupp hingegen fühlt sich bemüßigt, den alten Sozi in sich zu outen, der schon mit Kindern und Enkelkindern über die Notwendigkeit des Kaufs eines Barbiepuppe gestritten hat; und wenn sie eine halbe Stunde lang narrativ argumentieren, dann rückt er endlich die Knete raus – weil: dann bedeutet das etwas für sie. Außerdem – Antwort auf den inzwischen recht antiquierten Eurozentrismusvorwurf – habe seine Tochter einen Israeli zum Ehemann. Kasuistik. Und: Ich möge da doch keinen Popanz aufbauen!

Mein kurzer Hinweis auf die Web2-basierten Revolutionen im arabischen Raum (Vilém Flusser hätte seine Freude daran!) als Wink dafür, dass die beiden Referenten einen völlig antiquierten Medienbegriff mit Fokussierung auf Harz4-TV-Programme strapazieren, wurde damit quittiert, dass die Ägypter usw. noch viel Identitätsarbeit zu leisten hätten.

Gott sei Dank, ein Arzt!

Der anwesende Arzt, Psychiater, stieß sich ebenfalls am primitiven Medienbegriff der vermeintlich komplexen Referenten. Er machte den Raum des Privaten geltend, wo die persönlich relevanten Aushandlungsprozesse über Realitäten stattfinden sollen. Auf eine wässrige Entgegnung von Keupp, der die Medieneinflüsse als doch sehr bedenklich einstufte, meinte der Doktor nur: „Und ist Ihre Tochter jetzt eine Barbiepuppe, oder was?“ Nonetnananein, antwortete Keupp sinngemäß.

Daraufhin verließ ich diese peinliche Veranstaltung. Ich attestiere „Halbwissen“, auch wenn ich die blinden Seiten von Adorno nicht mag. Diese beiden Soziologen sind bereits sehr jenseits. Liebe alte Clowns, sofern sie nicht die bittere Rhetorik der Alten vorführen würden. Ganz weit weg schon vom aktuellen Stand ihrer Wissenschaften.

Artikelaktionen
Newsletter
Erhalten Sie die neuesten Kritiken per E-Mail
(Required)
Bilder
  • prisching-png
  • keupp-png