Geniale Springseil-Musik und Überlegungen zur Auto-Mensch-Beziehung
tanz ist Finale mit Matteo Haitzmann und Navaridas/Deutinger/Riegler
Während Matteo Haitzmann mit seiner exzellenten Performance „Make it Count“ sein außergewöhnliches Konzept zur Erweiterung der musikalischen Kompositionsmöglichkeiten auf die Bühne brachte, vergnügte sich Marta Navaridas in „Motora“ auf vielfältige Weise mit einem Volvo V60. Unterschiedlicher könnten künstlerische Ansatzpunkte kaum sein, aber genau im möglichen Nebeneinander solcher experimenteller und im besten Falle spannender Positionen liegt das ganz besonders Reizvolle an Günter Marinellis tanz ist Festival, das mit diesem Doppelabend zu Ende ging.
Matteo Haitzmanns „Make it Count“ – (nicht nur) das Springseil macht die Musik
Um es gleich vorweg zu nehmen: Was der Violinist, Musiker und Performer Matteo Haitzmann gemeinsam mit der Schlagzeugerin und Perkussionistin Judith Schwarz und Arthur Fussy am modularen Synthesizer eine Stunde lang auf die Bühne brachte, gehört mit zum Besten, was im Rahmen des tanz ist Festivals am Spielboden je zu sehen und zu hören war. Eine durch und durch stimmige, perfekt inszenierte, in jeglicher Hinsicht ausgeklügelte und souverän realisierte Performance – manchmal meditativ und tranceartig, zumeist aber energievoll und schweißtreibend.
Aber schön der Reihe nach. Die Bühnenausstattung besteht aus einem schmalen und niedrigen, mikrofonierten Podest, auf dem Haitzmann einen großen Teil der Performance agiert. Links davon sind die Drums und das umfangreiche Perkussionsarsenal angesiedelt, rechts ein mit zahlreichen in unterschiedlichen Farben gehaltenen Lämpchen und Röhren leuchtender und blinkender Synthesizer, der auch optisch etwas hermacht und irgendwie Retro-Charme versprüht. Ganz wesentlich zur Erzeugung von Atmosphären ist das einfache, aber höchst effektive Licht-Design von Hanna Kritten Tangsoo, das vorwiegend aus auf der Rückseite der Bühne angebrachten Scheinwerfern besteht, die frontal in Richtung Zuschauerraum strahlen – manchmal sehr dezent und reduziert, nicht selten aber frontal und als gleißendes Gegenlicht, wobei immer alle Leuchten in derselben Farbe leuchten und den Bühnenraum in eine entsprechende Stimmung tauchen.
Einfallsreichtum, Präzision, Kraft und Energie
Zum Anfang der Performance steht Haitzmann im düster ausgeleuchteten Saal, schwingt das Springseil über seinem Kopf, und gibt mit den Windgeräuschen den Rhythmus vor, den Judith Schwarz und Arthur Fussy umgehend aufnehmen, kommentieren und mit ihren Mitteln weiter vorantreiben. Haitzmann legt sich auf das Podest und erzeugt mit den beiden Haltegriffen des Springseiles Kratz- und Klopfgeräusche, die wiederum als musikalische Impulse ihre Wirkung tun und einen trancige Maschinen-Sound einleiten. In einer weiteren Passage lässt die Perkussionistin Steeldrum-Mäßiges erklingen, während Haitzmann höchst präzise und variantenreich seilspringend bei jeder Berührung des Seiles mit dem Podest ein Detonationsgeräusch mit Nachhall auslöst und der Synthesizer für tieftönende Grundierung sorgt – das ergibt einen interessanten, elektro-akustischen Mix, der sich zu einem rasanten, knallharten Sound steigert. Die wie Peitschenhiebe wirkenden Springseil-Knaller ließen bei Langzeit-tanz-ist-Festival-Besucher:innen vielleicht Erinnerungen ans Aperpeitschen bei Simon Mayers „Sons of Sissy“ hochkommen, bei dem Haitzmann auch beteiligt war.
Das vor allem als Jazz- und Klassik-Violinist, aber auch mit der experimentierfreudigen Band Alma bekannt gewordene Multitalent präsentiert immer wieder neue Formen der Klangerzeugung mit dem Springseil, und wenn man meint, jetzt ginge es nicht mehr schneller, legt er nochmals an Tempo zu, bis man seine keuchenden Atemgeräusche und ekstatischen Schreie vernimmt. Sein Aktionsraum dehnt sich auf die gesamte Bühnenfläche aus, der Bühnenraum wird in rotes, blaues, gelbes, weißes Licht getaucht – jeweils perfekt passend zum abwechslungsreichen Sound des einfallsreichen Trios. Die Kraft- und Energie-raubenden Aktivitäten fordern ihren Tribut, was zu einer rührenden Ruhe-Szene führt, in der der Hauptakteur mit Müsliriegel und Wasserflasche neuen Kraftstoff auftankt, während Schwarz mit Gongs und Becken hantiert. Diese werden dann über die Tanzfläche verteilt und – ausnahmsweise – direkt von oben her beleuchtet. Haitzmann bewegt sich Seil-hüpfend durch den Saal und versucht, sie mit dem Seil zu treffen. Fussy legt vibrierende Kleinteile auf die Gongs und Becken, was zu einem eigentümlichen Rhythmus führt, der von Schwarz mit schweren Rock-Beats verstärkt wird. Das musikalische Geschehen schaukelt sich immer mehr auf, die Szenerie ist tief in blaues Licht getaucht, es ist fast nichts mehr zu sehen. Ein rasanter Noise-artiger Sound erinnert manchmal an Maschinengewehrfeuer. Haitzmann kehrt auf das Podest und zum rollenden Rhythmus zurück, nach einem kurzen Stroboskop-Gewitter endet „Make it Count“ in absoluter Dunkelheit.
Das durchgehend begeisterte Publikum bedankte sich mit tobendem Applaus für diese außergewöhnliche, perfekte, Intellekt und Bauch gleichermaßen ansprechende Performance.
Navaridas / Deutinger / Riegler: „MOTORA“ – „Die mit dem Volvo tanzt“
Um der Wahrheit die Ehre zu geben: nach der unglaublichen Performance von Haitzmann/Schwarz/Fussy war es eine sehr undankbare Aufgabe, den zweiten Teil des Abends zu bestreiten. Da hätten viele Tänzer:innen und Performer:innen Schwierigkeiten gehabt, mit ihren Projekten auch noch zu reüssieren.
Dabei liegen „MOTORA“ von Marta Navaridas (Performance), Alex Deutinger (Regie) und Manuel Riegler (Live-Elektronik, Sounddesign) durchaus reizvolle Überlegungen zur Beziehung zwischen Mensch und Maschine im Allgemeinen und jener – vielfach belächelten und ironisch aufbereiteten – zum Auto im Besonderen zugrunde. Nachdem der auf dem weiträumigen Spielboden-Vorplatz geparkte Volvo V60 seiner grauen Schutzhülle entledigt wurde und auf geheimnisvolle Weise ein blinkendes Eigenleben zu entwickeln scheint, taucht überraschend Marta Navaridas im roten sexy Outfit und sonnenbebrillt im Wageninneren auf. Mit großer Gelenkigkeit macht sie das Gefährt zur Aktionsbühne und betätigt dabei Schweinwerfer, Blinker, Fensterheber und Scheibenwischer. Nachdem sie das Auto mit den Füßen voraus durch das Seitenfenster verlassen hat, beginnt zu Britney Spears‘ Tanzboden-Hit „Piece of Me“ eine durchaus witzige, mit sexuellen Anspielungen gespickte Passage, die wohl das libidinöse Verhältnis mancher Zeitgenossen (zumeist männlich) zu ihren fahrbaren Untersätzen aufs Korn nimmt.
Von hier an wird die Performance aber etwas nebulös, denn es folgt ein B-Movie-artiger Teil mit Horror-Film-Elementen, in dem der Konnex zum Automobil einigermaßen verloren geht. Die Künstler:innen haben als Inspirationsquelle für „MOTORA“ Julia Ducournaus 2021 bei den Filmfestspielen in Cannes mit der „Goldenen Palme“ ausgezeichneten, aber sehr umstrittenen Body-Horror-Film „Titane“ genannt. Navaridas vollführt am Boden liegend Verrenkungen der extremen Art, aber auch im Stehen scheinen ihr Muskeln und Gelenke nicht mehr richtig zu gehorchen. Macht die Abhängigkeit von der Maschine den Menschen zum Zombie? Sind das die negativen Auswirkungen des Autofetischismus? Könnte sein, denn immerhin rettet sie sich schließlich mit letzter Kraft zum Gefährt an das sie sich, mit gespreizten Beinen unter dem Kühler sitzend, liebevoll schmiegt. Ein großer Teil dessen, was nun folgt, lässt sich gedanklich und emotional schwer einordnen, wenn auch manches durchaus seine Reize hat. So steigen aus dem Auto plötzlich dichte Rauschschwaden auf, die sich über den Platz ausbreiten. Auf diesem leuchten verteilt unterschiedliche Lichtquellen auf (Lichtdesign: Samuel Schaab), die von der Performerin teilweise kurz bespielt werden. Sie holt eine Schaufel aus dem Kofferraum, die sie geräuschvoll hinter sich über den Platz zieht, um schließlich in der Ferne damit effektvoll einen Erdhaufen umzugraben. Sie holt diverse Gegenstände aus dem Kofferraum und wirft sie durch die Gegend – ein Hinweis darauf, dass manche Zeitgenoss:innen ihr Auto benutzen, um illegalerweise den Müll zu entsorgen? Auf eine kurze Szene, in der sie wie ein außer Kontrolle geratener Roboter agiert, folgt eine mit dem Auto entnommenen Leuchtröhren. All dies wird von Manuel Riegler mit von den Stimmungen her passender Live-Elektronik untermalt, was allerdings Sinn und Funktion mancher Passagen auch nicht wirklich zu erhellen vermag. Die wirken, als ob bei einer Erzählung manche Erzählstränge unvermittelt ins Absurde abdriften würden. Am Schluss dreht die Performerin – Türen, Motorhaube und Heckklappe geöffnet und die Warnblinkanlage eingeschaltet – nochmals rückwärtsfahrend ein paar Ehrenrunden, ehe sie schließlich davonfährt.
Das Publikum dankte mit freundlichem Applaus, der – allein schon angesichts der gelenkigen und humorbegabten Hauptdarstellerin – bei einer gestraffteren und klarer konzipierten Version von „MOTORA“ sicher noch deutlich stärker ausgefallen wäre. Und falls Ihnen einmal ein Volvo mit dem Kennzeichen „W 67881J“ begegnet, dann haben sie eine fahrende Performance-Künstlerin auf vier Rädern gesehen.
Und noch eine gute Nachricht zuletzt: Günter Marinelli hat für den Herbst eine Fortsetzung des tanz ist Festivals angekündigt, die angesichts der finanziell angespannten Lage vor einigen Wochen noch nicht sicher war.