Lieder von Frauen – nicht nur für Frauen
Das Trio Trëi eröffnete bei den Altacher Soireen seinem Publikum emotionale Abgründe
Ganz schön raffiniert ist er schon, dieser Willibald Feinig, einer aus der Kategorie der Dichter und Denker. Da ist ihm als langjährigem Kurator der Altacher Soireen am Samstag wieder einmal ein Coup der besonderen Art gelungen. Es war der 21. Juni mit der Sommersonnenwende, der längste Tag des Jahres, bei dem die Sonne nicht und nicht untergehen wollte und man auch im Pfarrzentrum bis über 21 Uhr hinaus ohne künstliches Licht auskam. Das ergab nun genau jenen leichten Dämmerzustand, Zwielichtiges, Doppelbödiges, das sich auch in den Darbietungen eines hier bislang unbekannten aufregenden Frauentrios aus der Schweiz wiederfand. Eine faszinierende Überein-Stimmung, ein Abend von enormer emotionaler Dichte und Abgründigkeit für ein hell begeistertes Publikum!
Abseits des Mainstream
Wieder mal war Corona daran „schuld“, dass sich in Basel drei junge Frauen verschiedener Herkunft durch ihre musikalischen Gemeinsamkeiten fanden und die Pandemie als Trio Trëi vergessen machen wollten. Die Schweizerin Abélia Nordmann, die Türkin Gizem Şimşek und die Ladinerin Mara Miribung waren sowohl gesanglich wie instrumental top ausgebildet und auch wild entschlossen, Ihre Konzertprogramme ganz abseits des gängigen Mainstreams mit kostbaren Raritäten anzusiedeln. Das fand in den letzten Jahren zunehmend Gegenliebe bei einem vorwiegend intellektuellen Publikum, wie man es auch in Altach vorgefunden hat. So sehr, dass die Drei allein heuer bei 20 Konzerten vor allem in der Schweiz, aber auch in Island oder Griechenland gefragt sind.
Sie treten im langen Schwarzen auf, barfuß, was größtmögliche Bodenhaftung für ihre Kunst verheißt. Und sie bewegen sich bei ihren Prozessionen durch den Raum singend mit katzenhafter Eleganz, bei der auch das leiseste Pianissimo noch immer zu laut erscheint. Ihre genial komponierte, gut einstündige „Tour d’horizon“ umfasst stilistisch Jahrhunderte und geografisch die Folklore der halben Welt, alles ungemein authentisch aufbereitet und verarbeitet. Das Amalgam dieser intensiven geistig-musikalischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und sozialen Erscheinungen verschiedener Epochen ist die Thematik der Lieder, in denen Schicksalhaftes bis zum Tod eine dominante Rolle spielt.
Lieder mit existenziellen Fragen
Der mythenbeladene längste Tag und die kürzeste Nacht des Jahres stehen in einem Klangkosmos der Kulturen, bei dem man mehrfach den Eindruck hatte, diese Stücke um existenzielle Fragen wären eigens für diesen Anlass entstanden. Dies an einem Tag, der ja auch zum Nachdenken anregt über die endlichen und unendlichen Dinge unseres irdischen Seins. Über das Menschsein, vor allem auch über das Frausein, das in alten und neuen, auch eigenen Liedern von und über Frauen, aber nicht nur für Frauen seinen Ausdruck findet.
Da ist etwa der vertonte Text der indischen Frauenrechtlerin Sarojini Naidu, das vom Weben der Kleider für einen Neugeborenen von der Taufe über die Hochzeit bis zum Totenhemd erzählt, oder von der Mutter, die ein totes Kind zur Welt bringt, von dem der Vater noch nichts weiß. In einem englischen Volkslied „The Snow it Melts the Soonest“ von 1821 finden sich deutliche Melodiefetzen von Schuberts „Leiermann“, dem letzten Abschied von dieser Welt in seiner 1828 entstandenen „Winterreise“. Wer hat da wohl von wem abgekupfert? Der Bogen reicht zurück bis zum fränkisch-flämischen Orlando di Lasso aus der Renaissance, dessen Motette aus der Sammlung „Prophetiae Sibyllarum“ auf einem originalen Basso ostinato am Violoncello gründet. Und zwischen so viel Betrübnis und Scheitern bilden immer wieder Wiegenlieder aus aller Welt tröstliche Anhaltspunkte. Bald sind auch die Zuhörer:innen so sehr in dieser Welt angekommen, dass sie die Aufforderung gerne annehmen und die schrägen Akkorde begeistert mitsummen.
Obertonreicher Satzgesang
Was die drei wunderbaren Musikerinnen aus diesen Vorgaben machen, ist aller Ehren wert. Virtuos und unter die Haut gehend allein die Art ihres meist dreistimmigen, obertonreichen Satzgesanges im Sopran-, Mezzo- und Altbereich, der eine geschlossene Einheit von ganz bestimmten Farben mit der Reinheit eines plätschernden Bergbaches verbindet. Denn die Stimmen der drei Sängerinnen besitzen in ihrer Unterschiedlichkeit alle etwas Urtümliches, Erdiges, Archaisches, sind aber dennoch mit den Erfordernissen des klassischen Gesanges oder der internationalen Folklore mit ihren landschaftlich geprägten Verzierungen und Dialekten eng vertraut.
Bemerkenswert jedenfalls, dass die drei Musikerinnen auch für ihre zarte Begleitung im Originalklang auf Harmonium, Psalter und Violoncello ganz ohne Notenvorlagen auskommen. Das funktioniert auch ohne alles wie am Schnürchen, die Lieder sowieso, die Überleitungen in den Medleys werden improvisiert.
Wie üblich in Altach wird parallel zur Soiree auch eine Ausstellung gezeigt; diesmal sind es beachtenswerte Textilarbeiten von Monika Ludescher nach prähistorischen Felsbildern.
Nächste Altacher Soiree: Olivier Messiaen: 9 Sätze aus „Vogelkatalog“, Ines Schüttengruber (Klavier)
Sa, 18.10., 20 Uhr
Aula der Volksschule, Altach
https://www.soireen.at/2025