Beim 29. Philosophicum in Lech. (Foto: Lässiger Photography)
Manuela Cibulka · 23. Jul 2025 · Ausstellung

Foto Hiller. Bildgeschichte Bregenzerwald

Neue Sonderausstellung im Museum Bezau

Einfahrt Bezau, der Beschilderung „Heimatmuseum“ folgend – ein Begriff, mit dem wohl die meisten vorrangig etwas „verstaubte“ Adjektive verbinden – steht man wenige Meter später vor ihm: dem letztes Jahr im April nach zweijähriger Umbauphase neu eröffneten Museum Bezau. Dass hier gar nichts mehr auch nur ansatzweise „verstaubt“ ist, ist gleich unübersehbar.

Viel hat man über das von Innauer Matt Architekten durch einen Zubau ergänzte, denkmalgeschützte Haus bereits gelesen, und alleine dieses zu besichtigen, ist ein Ausflug in den Bregenzerwald wert. Beeindruckend, wie etwas bewahrt und so unaufgeregt erweitert werden kann, dass nicht einmal auffällt, dass ein Lift eingebaut wurde. Nichts stört – Alt und Neu gehen völlig logisch ineinander über und trotz der erhaltenen niederen Decken erscheint das ganze Haus dennoch hell und offen. 

Geschichte und Geschichten

Aber nicht das Gebäude, sondern die am Wochenende neu eröffnete Ausstellung: „Foto Hiller. Bildgeschichte Bregenzerwald“ hat mich hergelockt. Der Andrang ist groß, viele Mitglieder des Vereins, viele Bezauer:innen aber auch Tourist:innen sind gekommen, und man merkt, dass sich das Museum in seiner Rolle als „Geschichtenerzähler:in für alle“ bereits etabliert hat. Sicher ist das Interesse aber auch dem heutigen Vermittler Rudolf Berchtel, der zwei Sonderführungen geben wird, geschuldet. Als Sohn von Hedwig Berchtel (geb. Hiller, 1927–2017) und Enkel von Johann Kaspar Hiller (1887–1946) ist er maßgeblich daran beteiligt, dass ein Schatz von über 100.000 Negativen, allesamt datiert und detailliert in einem dazugehörenden Fotobuch beschriftet, inzwischen in den Bestand des Bezauer Archivs übergegangen ist und Teile davon bereits in einer großen Ausstellung im vorarlberg museum bis April dieses Jahres zu sehen waren. Die 5.000 von seinem Großvater geerbten Glasplatten, über die Jahre im Dachboden gelagert und allesamt nummeriert, wurden von ihm gescannt und ließen ihn erkennen, welche Zeitreise sich dadurch ermöglicht. Alle wesentlichen Entwicklungen im Tal waren seit der Gründung des Fotogeschäftes 1923 in Bildern festgehalten worden – bis in die 60er Jahre auf Glasplatten, später auf Mittel- wie auch Kleinformat-Negativen. 

Tourismus und Dorfleben

Gegliedert ist die Ausstellung in unterschiedlichste Themenbereiche, wobei zu jedem sozusagen ein „Best-of“ geliefert wird. So finden sich Bilder bereits aus den 30er Jahren zum Thema „Tourismus“, die insbesondere für Postkarten gemacht wurden. Erkennen manche die erste silberne Skiliftgondel wieder oder saßen vielleicht selbst noch in der damaligen Gaststube des Bad Reuthe? Landschaftsaufnahmen aller Regionen heute nachzustellen, sei auf Grund der Bebauung und durch die unzugänglich gemachten Standorte inzwischen laut Berchtel meist ein Ding der Unmöglichkeit. 
Spannend auch die Gegenüberstellung der verschiedenen Ablichtungen der traditionellen „Spielbuben“. Der Wechsel von Anzug zu legerer Hippie-Kleidung lässt den modischen Wandel der Zeit Revue passieren. Auch Porträts werden in den Mittelpunkt gerückt. Besonders interessant: Das damals verbotene Ablichten polnischer Kriegsgefangener – gut gekleidet im Fotostudio – kostete den Großvater laut Rudolf Berchtel acht Monate Haftstrafe.
Im letzten Raum, einer interaktiven Dunkelkammer, kann man verweilen und dem digital zugänglichen Archiv Zeit widmen. Meine Vorliebe galt aber dem ersten Raum, der die Geschichte der Familie Hiller-Berchtel beleuchtet. Wie ist es, oder besser: war es, einer Frau, die noch vor ihrem zwanzigsten Lebensjahr zuerst einen ihrer Brüder, kurz darauf ihren Vater und nicht ganz zehn Jahre später ihren zweiten Bruder verlor, möglich, nicht nur weiterzuleben, sondern mit so viel Energie so viel auf die Beine zu stellen? Hedwig Hiller übernahm 1958 den Betrieb, 1959 legte sie als erste Frau in Vorarlberg die Meisterprüfung zur Fotografin ab, 1960 heiratete sie ihren Mann Julius Berchtel, 1961 bekamen sie ihren ersten Sohn, 1962 wurde der bis heute in seiner Gestaltung und Lichtgebung vorbildliche Umbau des Fotostudios durch den jungen Bezauer Architekten Leopold Kaufmann verwirklicht, und in diesem Tempo scheint es weitergegangen zu sein. Auch wenn ihr Mann anfangs nicht in Bezau arbeiten konnte und das Pendeln von A nach B noch hinzu kam, sind bei Rudolf Berchtel nicht Anstrengung, sondern der Spaß, als Kind mit dem Dreirad durch die Dunkelkammer zu fahren, präsent.
Die Liebe und Wertschätzung für das in der Familie Tradierte, für die Arbeit und die Fotografie im Speziellen aber auch für die Heimat Bezau waren sicher für Hedwig Berchtel Teil ihres Antriebs – und da man nicht nur Dinge auf dem Dachboden, sondern auch sonst so einiges in die Wiege gelegt bekommt, scheint das auch für Rudolf Berchtel Motor zu sein. Diese Wertschätzung den Menschen und Dingen gegenüber erfährt man während der Führung, sieht man in den präsentierten Fotos selbst sowie in der Gestaltung der Ausstellung … und der Begriff „Heimatmuseum“ ist nach meinem Besuch plötzlich mit völlig neuen Adjektiven besetzt.

Foto Hiller. Bildgeschichte Bregenzerwald
bis Juli 2027
Sommer (Mai bis Oktober):
MO 13 – 17, MI 14 – 18, FR/SA/SO 10 – 17 Uhr
Führungen im Sommer: MO/SO 15, MI 16 Uhr
Museum Bezau

https://www.museum-bezau.at/de