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21.01.2022 |  Gunnar Landsgesell

Nightmare Alley

Ein Neo-Film-Noir zwischen Psycho-Horror, kunstvoller Manipulation des Publikums und tragischem Aufstieg und Fall seines Protagonisten. Guillermo del Toro setzt die Geschichte eines Mentalisten während der "Great Depression" als reichhaltiges Erzählkino in Szene, bei dem der Horror der Berechenbarkeit des Menschen selbst entspringt.

Fast ist es so, als würde die raue Welt der umherziehenden Schaustellertruppe diesen Mann verzehren. Stan, ideal besetzt mit Bradley Cooper, der einer hintergründigen Figur sein harmloses Gesicht verleiht, ist ein Typ, über den man lange nichts weiß. Die knappen Flashlights zu Beginn des Films legen nahe, er trägt ein Geheimnis mit sich. Doch vorerst kann man in „Nightmare Alley“ vor allem einen Mitläufer beobachten. Als Stan wie ein geprügelter Hund bei den Jahrmarktleuten auftaucht, ist er über jede Arbeit froh. Wir befinden uns in den Dreißiger Jahren, es schüttet in Strömen, während die Buden auf- und abgebaut werden. Trostloser könnte man die Jahre der „Great Depression“ kaum ins Bild setzen. Stan fügt sich ein in die illustre Runde, die Willem Dafoe als gerissener Schausteller-Chef mit harter Hand führt. Doch je mehr sich Regisseur Guillermo del Toro mit großer Hingabe in die Welt der Illusionisten und Trickdarsteller versenkt, umso mehr Eigenleben entwickelt Stan. Mit wachem Blick scheint er die Verhältnisse bald für sich geklärt zu haben. Er beginnt eine Affäre mit der Badehaus-Betreiberin (Toni Collette) und interessiert sich auffällig für die Künste ihres Mannes, einem abgewrackten Mentalisten, der seine Geheimnisse, wie man Menschen liest, in einem Buch verwahrt. Zugleich macht sich Stan an die junge Molly (Rooney Mara) heran, die naiv und unerschrocken bereit ist, die neue Attraktion auszuprobieren, die Stan extra für sie entworfen hat: einen elektrischen Stuhl. Als Stan scheinbar genügend Wissen angehäuft hat, haut er mit Molly ab und beginnt als Mentalist im gehobenen urbanen Milieu ordentlich Geld zu verdienen. Langsam scheint Del Toro die Bedeutung der Karten, die in diesem Film ständig gelegt werden, zu lüften. Mit dem Auftreten der Psychoanalytikerin Dr. Ritter (unnahbar: Cate Blanchett), die Stan bei einer seiner Shows herausfordert, wird die Kunst der Manipulation jedoch noch einmal neu formuliert.

Reichhaltiges Kino mit obsessiven Figuren

Konnte man bei Guillermo del Toro („The Shape of Water“) bisher darauf setzen, dass fantastische Kreaturen für den Horror in einer aus den Fugen geratenen Welt sorgen, laufen die Dinge in „Nightmare Alley“ etwas anders. Der gleichnamige Roman von William Lindsay Gresham, der den Hollywood-Handwerker Edmund Goulding bereits 1947 zu einem relativ unkonventionellen Stück Film-Noir animiert hat, verfolgt eine rote Linie, die trotz zahlreicher Figuren und reichhaltig eingebrachter Schauplätze nicht verloren geht. Die Attraktion der Macht, die auf tragisch-obsessive Weise die Hauptfigur dieser Geschichte vorantreibt, bildet auch die Erzählachse, die den Film trotz eines harschen Schauplatz- und Tempowechsels irgendwann zur Halbzeit, nicht auseinander brechen lässt. Ähnlich wie sein Protagonist, scheint Del Toro einen ganzen Fundus an Bildern in seinen Film eingearbeitet zu haben. Referenzen an Tod Brownings notorischen frühen Horrorfilm "Freaks" (1932), der für seinen Grusel die Darsteller von Kuriositätenschauen einsetzte, bis zu Orson Welles "Citizen Kane", dessen  Betrachtung über Macht und Einsamkeit einem hier mehrfach zu begegnen scheint. Einen gewissen Kulissencharakter wird "Nightmare Alley" trotz einer packenden Erzählung nicht los. Als wäre der Film magisch mit seinem Hauptdarsteller verbunden, scheint mit dem beginnenden Niedergang Stans auch der Film etwas "out of touch" mit seinem Publikum zu geraten. Dennoch erweist sich Del Toro als wuchtiger Erzähler, dessen Suche nach den menschlichen Untiefen nahezu mit der Begeisterung für die Magie des Kinos mithalten kann. Mit der Besetzung von Bradley Cooper als unglückseligen Wiedergänger eines Albtraums ist ihm ein kleiner Coup gelungen.

Vom geprügelten Hund zum Mentalist - und wieder zurück. Bradley Cooper hat seine Rolle gefunden.

Vom geprügelten Hund zum Mentalist - und wieder zurück. Bradley Cooper hat seine Rolle gefunden.

Auch wenn manchmal die Absichten der Inszenierung spürbar werden: "Nightmare Alley" ist ein wunderbar ausgestaltetes Erzählkino, das mit seinen Charakteren so gut es geht Schritt halten will.

Auch wenn manchmal die Absichten der Inszenierung spürbar werden: "Nightmare Alley" ist ein wunderbar ausgestaltetes Erzählkino, das mit seinen Charakteren so gut es geht Schritt halten will.

Cate Blanchett als Psychoanalytikerin bittet Stan auf die Couch. Mit der Figur von Blanchett findet der Film in einen neuen Schwebezustand.

Cate Blanchett als Psychoanalytikerin bittet Stan auf die Couch. Mit der Figur von Blanchett findet der Film in einen neuen Schwebezustand.

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  • Vom geprügelten Hund zum Mentalist - und wieder zurück. Bradley Cooper hat seine Rolle gefunden. Vom geprügelten Hund zum Mentalist - und wieder zurück. Bradley Cooper hat seine Rolle gefunden.
  • Auch wenn manchmal die Absichten der Inszenierung spürbar werden: "Nightmare Alley" ist ein wunderbar ausgestaltetes Erzählkino, das mit seinen Charakteren so gut es geht Schritt halten will. Auch wenn manchmal die Absichten der Inszenierung spürbar werden: "Nightmare Alley" ist ein wunderbar ausgestaltetes Erzählkino, das mit seinen Charakteren so gut es geht Schritt halten will.
  • Cate Blanchett als Psychoanalytikerin bittet Stan auf die Couch. Mit der Figur von Blanchett findet der Film in einen neuen Schwebezustand. Cate Blanchett als Psychoanalytikerin bittet Stan auf die Couch. Mit der Figur von Blanchett findet der Film in einen neuen Schwebezustand.