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16.09.2020 |  Gunnar Landsgesell

Jean Seberg - Against All Enemies

Ende der 1960er Jahre sympathisiert die Nouvelle-Vague-Ikone Jean Seberg mit der Black Panther Party, die dem FBI als Staatsfeind gilt. Nun gerät auch sie in das Schussfeld, man will sie zerstören. Ein interessantes Zeitkapitel mit Kristen Stewart und Anthony Mackie, für das sich das Thriller-Format aber nur bedingt eignet.

Jean Seberg gilt als „das Gesicht“ der Nouvelle Vague, ein einziger Film –Godards „Außer Atem“ (1957) – hat dafür gereicht. Bekannt geworden war sie aber schon vorher  als Jean d’Arc in Otto Premingers „Die heilige Johanna“ (1960). In der Szene am Scheiterhaufen erlitt sie durch das außer Kontrolle geratene Feuer Verbrennungen, der Regie-Despot Preminger beließ die Bilder dennoch im Film. Mit dieser – nachgestellten – Filmszene beginnt auch „Jean Seberg – Against all Enemies“, Kristen Stewart versucht in schemenhaften Bildern dem züngelnden Feuer zu entkommen. Das wirkt ein wenig plakativ, darf aber dennoch metaphorisch verstanden werden. Denn es geht in „Seberg“ weniger um die Biographie der US-Schauspielerin als um die Geschichte einer vorangetriebenen Zerrüttung. Regisseur Benedict Andrews erzählt von jenen Jahren, in denen sich Seberg für die Black Panther Party engagiert hatte und dadurch in den Fokus des FBI unter J. Edgar Hoover geriet. Im Rahmen der Geheimaktion COINTELPRO observierte und terrorisierte die Behörde die Bürgerrechtsbewegung und schreckte dabei auch vor Mord nicht zurück. Insbesondere in der Starschauspielerin sah das FBI eine Gefahr und versuchte, sie über Jahre zu diskreditieren. Wie heißt es im Film: „Wir müssen mit Waffen herumfuchteln, um in die Medien zu kommen, bei Ihnen reicht es, sich die Haare schneiden zu lassen.“ Die Liaison zwischen dem Star mit dem ikonographischen Gesicht und der militanten Truppe wäre an sich schon eine spannende Konstellation. Regisseur Andrews packt das ganze aber in ein Thriller-Format, wodurch der Blick auf Sebergs Motivation leider verstellt wird.

 

„Seberg“ wird zu guten Teilen über den Blick und das Ohr des fiktiven FBI-Agenten Jack (Jack O’Connell) erzählt, der diskreditierendes Material gegen die Frau sammelt und sich dabei zunehmend unwohl fühlt. Dabei hat man den Eindruck, dass dem Film ein wenig der Fokus entgleitet, wenn immer häufiger nicht Seberg, sondern die Zerrüttung von Jack das emotionale Zentrum bildet. Er dringt mit hartgesottenen Kollegen in Sebergs Wohnung ein, fabriziert Gerüchte, lauscht beim Sex mit, während seine eigene Ehe langsam in die Brüche geht. So nimmt man Jean Seberg phasenweise wie durch eine Röhre „am anderen Ende“ des großen Lausch- und Lügenangriffs wahr. Und das, obwohl das Drehbuch (Joe Shrapnel, Anna Waterhouse) seiner Hauptfigur durchaus forsche Züge zuspricht. Seberg erhebt ohne Angst vor Verlusten mit einer Gruppe Schwarzer Aktivisten die Faust vor der Presse, oder kümmert sich im Rahmen von Panther-Projekten um Schwarze Kinder. Im Film erscheint ihr Handeln aber recht zweckhaft dafür angetan, mit dem Black-Panther-Aktivisten Hakim Jamal (Anthony Mackie) in Kontakt zu sein. So erlebt man Sebergs Engagement für die Schwarze Civil-Rights-Bewegung vor allem als zackige Sex- und Affärengeschichte, in der die persönlichen und politischen Probleme irgendwann nicht mehr zu trennen sind. Was Jean Seberg in den Siebzigern tatsächlich zu ihrem Engagement antrieb, wird damit auf eher seltsame Weise beantwortet. Ganz klar bezieht „Seberg“ hingegen Stellung, wenn es um den Niedergang der Titelfigur geht. Obwohl die Handlung Jahre vor dem ungeklärten Suizid Jean Sebergs spielt, bleibt kein Zweifel, dass das FBI mit seinen Verleumdungskampagnen den späteren Tod der Frau zu verantworten hat. Auch wenn die Nouvelle-Vague-Ikone im Film nicht sehr greifbar wird, Kristen Stewart gibt Jean Seberg ein Gesicht, das einiges dieser Rolle wieder wettmacht.

Splitter einer Biographie: Inszenierung ohne rechten Fokus.

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Revolution und Eifersucht: Hakims Ehefrau (Zazie Beetz) wird durch das FBI mitgeteilt, dass ihr Mann eine Affäre hat.

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K. Stewart, A. Mackie: mehr körperliche Attraktion als politische Aktion.

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FBI-Agent (Jack O'Connell) in Gewissensnöten. Hier bezieht der Film Stellung: FBI-Operation sollte Leben zerstören.

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