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16.10.2018 |  Gunnar Landsgesell

Dogman

Mit großer Konzentration zeichnet Regisseur Matteo Garrone (Gomorrha) eine Welt voller Schmutz und Gewalt. Ein Hundesalonbesitzer irgendwo an den vergessenen Rändern Neapels leidet - wie ein Hund - an den dortigen Verhältnissen. Der Tristesse vermag aber auch die Inszenierung von "Dogman" keine Alternative entgegenzuhalten.

Es ist ein Drecksloch von einer Welt, in das einen Regisseur Matteo Garrone in „Dogman“ stößt. Ein Randbezirk von Neapel, wo es statt Straßen und Wiesen nur Brachen gibt, auf denen der Sand zwischen den lieblos hingeworfenen Betonblöcken weht. Hier regiert der Zynismus und ganz offensichtlich ist jeder auf sich gestellt. In düstere Farben getauchte Bilder erzählen von einer Männergesellschaft, in der die Härtesten den Ton angeben. Mittendrin einer, dem man schon physisch ansieht, dass er nicht dazugehört. Marcello (Marcello Fonte), klein schmächtig, Hundesalonbesitzer und Vater einer kleinen Tochter (Alida Baldari Calabria) ist ein leichtes Opfer für den Mob mit seinen kriminellen Geschäften. Regelmäßig bekommt er von Simone ungebetenen Besuch, einem Hünen von Gestalt, der Marcello Drogen abpresst und ihn terrorisiert. Garrone treibt seine Spielchen mit den beiden Figuren, der quälenden Asymmetrie der Macht und der daraus resultierenden Gewalt, der man hier ähnlich wie bei Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ zusehen muss. Ein seltsames Treiben auf einer schiefen Ebene, die vielleicht einmal kippen könnte. Anlass zum Optimismus gibt einem Garrone dafür aber nicht, wie auch sonst nicht in seiner nachtschwarzen Erzählung.

Der Hundemensch als Metapher 

Mit „Gomorrha”, der Verfilmung von Stefano Savonas Blick auf die unterste Ebene der neapolitanischen Camorra hatte Matteo Garrone vor zehn Jahren einen Welthit gelandet. Den Schmutz daraus hat er in „Dogman“ mitgenommen und fein säuberlich auf seine Kulissen und Akteure verteilt. Garrone interessiert sich aber weniger für die organisatorischen Spielarten des Verbrechens, sondern für eine Gestalt, die er in existenzialistischer Manier nach den Prinzipien von Angst und Gewalt ausgestaltet. Der „Hundemensch“ wird dabei in zweifacher Hinsicht zur Metapher. Marcello verhält sich hündisch gegenüber dem Gewaltregime, das ihn umgibt, und zugleich werden die Hunde zur einzigen Gelegenheit, Schönheit in die Welt zu bringen. Er wäscht, frisiert und drapiert das Fell von Molossern und Pudeln mit der gleichen Hingabe, während man über deren Besitzer nur Vermutungen anstellen kann. Der Gegensatz vom Hässlichen und Schönen klingt prätentiös, immerhin spielt ihn Garrone nicht aus. Mit der Figur der kleinen Tochter Marcellos kehrt zudem noch die Unschuld in diese Parabel, die in dieser Welt freilich niemand bewahren kann. Bildgewaltig, dystopisch, manchmal an Western und manchmal – mit seinen vagen, schäbigen Interieurs – an Science Fiction erinnernd, schlägt „Dogman“ in eine bekannte Kerbe, quasi die Antithese zum Feel-Good-Movie. Ein Eindruck, der sich vor allem dadurch bestärkt, dass es in dieser hermetisch gezeichneten Welt keinerlei Alternative zu geben scheint. Das sorgt nicht nur bei den Beteiligten für Ratlosigkeit. Andererseits überrascht „Dogman“ immer wieder mit einer stillen, umsichtigen Gangart, in denen die Last des Drehbuchs unterlaufen wird. Die universelle Frage, die Garrone hier stellt, ist: Wieviel Leid kann ein Mensch ertragen? Die Frage ist gut, man hätte sie aber auch in einer weniger eng geführten Dramaturgie verstanden.

Waschen, Nägel schneiden, föhnen: der Hund als rare Gelegenheit, die Welt schöner zu machen.

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"Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht", hat Alexander Kluge einmal einen seiner Filme getitelt. Sollte sich der Hundefriseur diese Haltung zu eigen machen?

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Matteo Garrone stellt mit seiner Hauptfigur eine universelle Frage: Wieviel Leid kann ein Mensch ertragen?

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Szenen nahe an der Dystopie: Dogman

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