Benutzerspezifische Werkzeuge

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

28.11.2010 |  Walter Gasperi

Aktuell in den Filmclubs (29.11. - 5.12. 2010)

Während Filippos Tsitos in seiner Komödie "Kleine Wunder in Athen" Fremdenfeindlichkeit und nationale Vorurteilen aufdeckt, thematisieren Marcus Vetter und Leon Geller in ihrem Dokumentarfilm "Das Herz von Jenin" anhand einer ungewöhnlichen Geschichte die Spannungen in Israel-Palästina.

Kleine Wunder in Athen: Kioskbetreiber Stavros hat es im Leben nicht leicht: Über die Trennung von seiner Frau ist er nicht hinweggekommen und versucht sie zurück zu gewinnen und seine greise Mutter, um die er sich kümmert, leidet an fortschreitender Alzheimer, sodass sie  ihren eigenen Sohn zeitweise nicht erkennt. Tagsüber sitzt der er mit drei Kollegen vor ihren schlecht gehenden kleinen Läden und verfolgt lethargisch das Geschehen auf dem verkehrsarmen Platz. Am liebsten ziehen sie über die Ausländer her, die Chinesen, die gegenüber ein Modegeschäft einrichten, vor allem aber über die albanischen Bauarbeiter. – Und gerade in einem solchen glaubt die demente Mutter einen zweiten Sohn zu erkennen, von dem Stavros bislang nichts wusste. Den Fremden nimmt sie warmherzig auf und spricht plötzlich fließend albanisch mit ihm. Das stürzt den xenophoben Stavros in eine Identitätskrise, muss er seine Vorurteile doch gründlich überdenken.
Was an der Geschichte des Albaners letztlich wahr ist, ob er wirklich ein Bruder von Stavros ist oder nicht, ist unwichtig für Filippos Tsitos Film. Es geht vielmehr darum durch den Perspektivenwechsel die eigene Position zu überdenken, die Absurdität von nationalen Vorurteilen aufzuzeigen. Immer wieder spiegelt sich so auch das Verhalten der Griechen und Albaner, bellt auf der albanischen Baustelle ein Hund beim Eintreffen der Griechen wie zuvor der griechische Hund vor Albanern und nicht nur Stavros sondern auch sein albanischer Bruder schwärmen für die Musik von „Status Quo“.
Getragen wird „Kleine Wunder in Athen“ von prägnanter Figurenzeichnung und - abgesehen vom äußerst blassen Darsteller des albanischen Bruders - starken Schauspielern. Der stets melancholische Blick des bulligen Antonis Kafetzopoulos, in dem die ganze Schwere und Müdigkeit seines Lebens zum Ausdruck kommt, lässt da über den fehlenden Biss des Films zumindest teilweise hinwegsehen. Denn insgesamt kommt diese Komödie doch zu harmlos daher, plädiert zu offensichtlich mit erhobenem Zeigefinger für Menschlichkeit und Toleranz, ist im Ausloten der Fremdenfeindlichkeit aber zu harmlos. Zu nett und zu sympathisch bleiben die Protagonisten trotz ihrer Xenophobie und zu wenig erfahrbar wird die Schwere der Identitätskrise, in die der griechische Nationalist Stavros durch die Neuigkeiten doch gestürzt werden muss.
TaSKino Feldkirch im Kino Namenlos: bis Di, 30.11.


Das Herz von Jenin: Bei einem Militäreinsatz in der besetzten Westbank töten israelische Militärs im Jahr 2005 einen 12-jährigen palästinensischen Jungen, weil sie seine Spielzeugwaffe für eine echte Kalaschnikow halten. Der Vater gibt die Organe zur Transplantation frei, sodass drei Kinder, darunter die Tochter eines orthodoxen Juden, der seine Ablehnung der Palästinenser nicht verheimlicht, gerettet werden können.
Am Beginn schweift Marcus Vetters und Leon Gellers Dokumentarfilm vielleicht etwas zu sehr in die Breite, lässt ein Zentrum vermissen, doch je mehr er den Vater des getöteten Jungen in den Mittelpunkt rückt, desto dichter und bewegender wird „Das Herz von Jenin“. Denn dieser Ismael Khatib, der ursprünglich Automechaniker war, ist eine starke und eindrucksvolle Persönlichkeit. Trotz seines schweren Leids fordert er nicht Vergeltung und kämpft nicht mit Waffen, sondern will vielmehr die Israelis durch einen Akt der Versöhnung bezwingen. Mit Spenden der italienischen Stadt Cuneo errichtete er in Jenin nach dem Tod seines Sohnes ein Jugendzentrum, in dem die palästinensischen Kinder unterrichtet werden.
Die beiden Regisseure halten sich in ihrem konventionell gestalteten Dokumentarfilm, in dem sie neben Interviews auch Archivmaterial von TV-Nachrichten einsetzen, zurück, stellen nur wenige Zwischenfragen und beschränken sich ansonsten auf eine teilnehmende Beobachtung. Zum emotionalen Höhepunkt wird dabei die Reise Khatibs zu den  Kindern, die durch die Organspende seines Sohnes gerettet werden konnten. Da spürt man nicht nur das Versöhnliche und den Trost, den der Palästinenser aus diesen Begegnungen schöpft, weil er seinen in diesen Kindern seinen eigenen Sohn weiterleben sieht, sondern auch beim Besuch des orthodoxen Juden auch die Gräben zwischen Israelis und Palästinensern. Immer bleibt hier sichtbar, dass die Freundlichkeit des Gastgebers nur gespielt ist und sich dahinter Reserviertheit, ja sogar Ablehnung verbergen. In der Organspende des Palästinensers auf dieses jüdisches Mädchen finden Vetter und Geller freilich auch ein starkes Bild für die Versöhnung der verfeindeten Völker, stellen gleichzeitig aber auch in ihrer Hauptfigur dem Bild von den kämpferisch-aggressiven Muslems einen versöhnungsbereiten gegenüber. Dabei beziehen sie durchaus für die Sache der Palästinenser Stellung, denn sie zeigen die Verbohrtheit der Israelis, die mit Grenzwällen und Toren das Leben der Palästinenser überall einschränken und ihnen praktisch keinen echten Lebensraum lassen.
Club Vaudeville, Lindau: Do, 2.12., 20 Uhr.

Kleine Wunder in Athen

Kleine Wunder in Athen

Das Herz von Jenin

Das Herz von Jenin

Artikelaktionen
Newsletter
Erhalten Sie die neuesten Kritiken per E-Mail
(Required)
Bilder
  • Kleine Wunder in Athen Kleine Wunder in Athen
  • Das Herz von Jenin Das Herz von Jenin