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24.11.2022 |  Walter Gasperi

Aktuell in den Filmclubs (25.11. - 1.12. 2022)

Der FKC Dornbirn zeigt diese Woche mit „Les Magnétiques – Die Magnetischen" einen starken, von der pulsierenden Musik des Post Punk angetriebenen Mix aus Zeitporträt der 1980er-Jahre und Coming-of-Age-Geschichte. Beim Filmforum Bregenz beschwört dagegen Mahamat-Saleh Haroun im Abtreibungsdrama „Lingui" die Solidarität der Frauen im Tschad.

Die Magnetischen: Dokumentarischen Charakter und Nähe zu den Figuren erzeugt Vincent Maël Cardona am Beginn mit schwarz-weißen Szenen vom Jubel der Clique um den schüchternen Philippe (Thimotée Robart) über den Wahlsieg des Sozialisten François Mitterrand bei der Wahl des französischen Präsidenten am 10. Mai 1981. Dieser Aufbruchsstimmung, in die Philippe als Anhänger des Gegenkandidaten Giscard d´Estaing nicht einstimmt, steht aber schon der Kommentar gegenüber, dass am folgenden Tag die Reggae-Legende Bob Marley starb.
So bewegt sich „Les Magnétiques" von Anfang an und durchgängig zwischen den Polen Aufbruch und Resignation, zwischen Lebensfreude und Melancholie. Erzählt wird dabei aus der Perspektive Philippes, der zusammen mit seinem älteren Bruder Jérôme (Joesph Olivennes) einen kleinen Piratensender betreibt.
Mitreißend beschwört Cardona das Haptische dieser analogen Zeiten, in denen mit Bändern, Kassetten und Schallplatten gearbeitet, einfallsreich an Reglern gespielt und Alltagsgeräusche ebenso wie Tonstörungen in die Musik einbezogen wurden. Dabei ist mit dem Post Punk von Joy Division, The Undertones, Gang of Four und Iggy Pop in dieser Zeit auch ein neuer Musikstil angesagt.
Im Kontrast zu dieser pulsierenden Musik steht aber wiederum der Stillstand im ländlichen Frankreich. Mit grobkörnigen Bildern, dunklen und verwaschenen Farben und tristen Settings beschwört Kameramann Brice Pancot dicht diese Öde und Perspektivlosigkeit.
Getragen wird dieser starke Mix aus Zeitbild und Coming-of-Age-Geschichte aber von seinen Schauspieler:innen: Nicht nur der vom 1997 geborenen Thimotée Robart mit Leidenschaft gespielte Philippe berührt hier, sondern dank ihrer Unverbrauchtheit auch Marie Colomb als Marianne und Joseph Olivennes als Jérôme. Das sind eben keine glatten Filmfiguren, sondern Charaktere, die auch durch die Einbettung in das authentisch eingefangene Milieu, lebensnah und echt wirken.
FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 30.11., 18 Uhr + Do 1.12., 19.30 Uhr

Lingui: Als alleinerziehende Mutter eines unehelichen Kindes ist Amina (Achouackh Abakar Souleymane) in der islamischen Gesellschaft von N‘Djamena, der Hauptstadt des Tschad, eine Außenseiterin. Dennoch will sie dem Angebot ihres älteren Nachbarn, sie zu beschützen – und damit auch eine Beziehung mit ihr einzugehen – nicht nachgeben. Trotz der schwierigen materiellen Situation will sie unabhängig bleiben und sich alleine um ihre Tochter Maria (Rihane Khalil Alio) kümmern. Als die 15-Jährige aber schwanger wird, scheint sich an ihr das Schicksal der Mutter zu wiederholen. Ablehnend reagiert sie zunächst auf Marias Entschluss das Kind abzutreiben, ist dies im Tschad doch verboten und mit hohen Strafen belegt. Bald aber beschließt sie dennoch, ihre Tochter zu unterstützen.
Wie Audrey Diwan in „L´évenement" und Eliza Hittman in „Never Rarely Sometimes Always" erzählt auch Mahamat Saleh-Haroun von den vielfältigen Hindernissen, gegen die die junge Frau und ihre Mutter beim Versuch einer Abtreibung ankämpfen müssen, beschwört aber auch die Kraft der Solidarität der Frauen.
Haroun erzählt dabei ruhig und unaufgeregt, verzichtet auf filmische Finessen und vertraut ganz auf die Stärke der Geschichte. Gerade durch diese einfache lineare Erzählweise und die Fokussierung auf das Thema sowie das starke Spiel der Hauptdarsteller:innen entwickelt „Lingui" bewegende emotionale Kraft und ruft eindrücklich die – im Westen weitgehend vergessene – schwierige Situation der Frauen nicht nur im Tschad, sondern in weiten Teilen Afrikas in Erinnerung.
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Do 1.12., 20 Uhr


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Die Magnetischen

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Lingui (c) Trigon Film

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