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12.12.2010 |  Walter Gasperi

Aktuell in den Filmclubs (13.12. - 19.12. 2010)

Während im argentinischen Oscar-Sieger "In ihren Augen" Juan José Campanella souverän Thriller, Liebesgeschichte und Aufarbeitung der jüngeren argentinischen Geschichte mixt, ist Atom Egoyans "Chloé" ein elegant gemachter, aber für diesen Regisseur überraschend konventioneller Erotikthriller.

In ihren Augen: Ziemlich überraschend gewann Juan José Campanella im Frühjahr mit „El secreto de sus ojos“ den Oscar in der Kategorie „Bester nicht-englischsprachiger Film“, konnte er sich doch gegen Meisterwerke wie Michael Hanekes „Das weiße Band“ und Jacques Audiards „Un prophete“ durchsetzen. Sieht man das preisgekrönte Werk, erscheint die Entscheidung aber durchaus logisch, denn „El secreto de sus ojos“ erweist sich als gekonnter Mix aus Thriller, Drama und Liebesgeschichte, der sich perfekt amerikanischer Erzählmuster bedient. Man sieht dem Film an, dass Campanella in den USA ausgebildet wurde und mit der Regie bei TV-Serien wie „Law & Order“ Erfahrungen sammelte, die auch in den sechsten Spielfilm des Argentiniers Einfließen.
Erzählt wird vom Gerichtsbeamten Esposito (Ricardo Darin), der nie über einen 25 Jahre zurückliegenden Mordfall hinweggekommen ist. In seiner Pension will er nun die Ereignisse aus dem Jahr 1975 in einem Buch verarbeiten. Zwecks Recherchen sucht er die damals junge Untersuchungsrichterin auf, in die er sich einst verliebte, es aber nicht wagte ihr seine Liebe zu gestehen. Der Besuch löst eine Rückblende aus, in der die damaligen Ereignisse aufgerollt werden und in der die unerfüllte Liebe Espositos in der intensiven Liebe eines jungen Paares, dessen Glück durch einen bestialischen Mord brutal zerstört wurde, gespiegelt wird. Esposito und sein Helfer können zwar den Mörder ausfindig machen, doch in der Zeit der aufkommenden Diktatur ist längst auch die Rechtssprechung korrupt und instrumentalisiert Verbrecher.
Glänzend gespielt, perfekt ausgestattet, zwischen dialoglastigen Szenen, humorvollen Momenten und wenigen fulminant inszenierten Action-Szenen souverän changierend und sich dabei immer auf die menschlichen Beziehungen konzentrierend entwickelt sich ein packendes Drama, das Fragen nach Gerechtigkeit in einem korrupten System, nach Selbstjustiz und Rache aufwirft und auch von der selbstzerstörerischen Kraft einer grenzenlose Liebe erzählt.
Club Vaudeville, Lindau: Di, 14.12., 21 Uhr


Chloé: Sein und Schein, Fragen der Identität und der Erinnerung sind zentrale Themen im Werk des in Kairo geborenen armenisch-kanadischen Regisseurs Atom Egoyan. In komplexer Verschachtelung der Zeitebenen setzte er sich damit in Meisterwerken wie „Exotica“ oder „The Sweet Hereafter“ auseinander. Mit "Chloé" legt er nun ein Remake des französischen Films „Nathalie“  und erstmals einen Mainstream-Film. Egoyan verzichtet auf eine komplexe Erzählstruktur, bleibt aber seinen Themen treu: Weil die Gynäkologin Catherine Stewart (Julianne Moore) ihren Mann David (Liam Neeson) der Untreue verdächtigt, engagiert sie das Call-Girl Chloé (Amanda Seyfried), das David auf die Probe stellen und Catherine über die Treffen berichten soll. Bald treibt die verführerische junge Blondine aber ihr eigenes Spiel und undurchschaubar wird, was an ihren Erzählungen wahr und was Erfindung ist. So wird die Auftraggeberin bald selbst unter Druck gesetzt und erpresst.
Wie gewohnt bei Egoyan ist das ungemein elegant und raffiniert inszeniert. Großartig sind die sinfonische Musik seines Hauskomponisten Mychael Danna und die Arbeit seines Stammkameramanns Paul Sarossy, virtuos das Spiel mit Blicken und mit Spiegeln. Keine Wünsche lassen auch die erlesene Ausstattung und das durchdachte Spiel mit der Architektur offen. Wie eine Burg wirkt hier das funktionale moderne Einfamilienhaus der Stewarts: nach außen offen durch große Fensterfronten, gleichzeitig aber ein glatter massiver Kubus, der äußere Einflüsse abhalten soll, und der Wärme im Innern steht das verschneit-kalte spätwinterliche Toronto außen gegenüber. Doch bei aller formalen Virtuosität ist dennoch nicht zu übersehen, dass die Handlung gegen Ende hin allzu sehr Genreregeln folgt und „Chloé“ nach vielschichtig-irritierendem Beginn zu einem recht konventionellen Erotikthriller wird.
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Mi, 15.12., 20 Uhr; Fr, 17.12., 22 Uhr

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