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28.02.2010 |  Walter Gasperi

Aktuell in den Filmclubs (1.3. - 7.3. 2010)

Séraphine: Der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt dürfte Séraphine Louis (1864 – 1942) sein, die nach ihrem Wohnort auch Séraphine de Senlis genannt wird. Dennoch zählt diese Frau zu den bedeutendsten französischen Vertreterinnen der „naiven Kunst".
Martin Provost versucht in seinem mit sieben Césars ausgezeichneten Biopic, nicht das ganze Leben Séraphines nachzuzeichnen, sondern beschränkt sich auf wenige entscheidende Momente, die er zu einem ungemein feinfühligen und bewegen Porträt verdichtet.
Im Zentrum dieses leisen Films, der aus nichts ein großes Drama macht, steht die Entdeckung der Malerei der verachteten Putzfrau durch den deutschen Kunsthändler und -sammler Wilhelm Uhde (wunderbar zurückhaltend: Ulrich Tukur). Der Erste Weltkrieg wird sie trennen, erst 1927 werden sie sich wieder begegnen, und eine Ausstellung in Paris wird geplant. Doch dann kommt die Weltwirtschaftskrise …
Schon in den ersten Bildern steckt Provost mit dem Gang zur Kirche, Putzen im herrschaftlichen Haus und Flucht aus dem bedrückenden Alltag in die Natur das Leben der Protagonistin ab. In den bestechenden Naturbildern, in denen Vogelgezwitscher und das Rauschen der Bäume im Wind für die Tonkulisse sorgen, ist Provost ebenso nah am Empfinden und der Malerei Séraphines wie in den dunklen Farben der Kleider, den engen Gassen des Dorfes, ihrem gebücktem Gang oder ihrer ärmlichen Kammer an ihrer Beklemmung und depressiven Grundstimmung. Ganz auf Augenhöhe der von der belgischen Schauspielerin Yolande Moreau, die physiognomisch an Renée Zellweger erinnert, mehr gelebten als gespielten Séraphine ist der Film. Und kongenial passt die Einfachheit und Geradlinigkeit der Erzählweise zum Charakter dieser Putzfrau, die von ihren Dienstgeberinnen abschätzig behandelt wird.
FKC Dornbirn in den Weltlichtspielen Dornbirn: Do, 4.3.., 19.30 Uhr; Fr, 5.3., 21.30 Uhr
TaSKino Feldkirch im Kino Namenlos: Fr, 5.3. – Di, 9.3.
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Do, 1.4., 20 Uhr + Sa, 3.4., 22 Uhr


Battle for Haditha: Nick Broomfield liefert eine quasidokumentarische Rekonstruktion der Ereignisse um den islamistischen Bombenanschlag auf einen amerikanischen Militärkonvoi am 19.11.2005 und das darauf folgende Massaker der Marines an der in den benachbarten Häusern wohnenden Zivilbevölkerung, dem 24 Männer, Frauen und Kinder zum Opfer fielen. Abgesehen davon wird in einem Epilog nur kurz die Vertuschung der Ereignisse durch eine gefälschte Pressemeldung und die Aufdeckung des tatsächlichen Ablaufs durch die Medien vier Monate später gestreift und die Frage aufgeworfen, ob der Marine Ramirez nun ein Held oder ein Verbrecher sei.
Broomfield bietet eine Innenperspektive des Krieges, keine Analyse, keinen Überblick. Mit hektischer Handkamera ist er hautnah an den Personen und vermittelt die Anspannung und Unsicherheit der US-Marines. Parallel dazu blickt der Film auf einen älteren Iraki, der für die Al-Qaida gegen Geld einen Bombenanschlag durchführen will, und auf der dritten Ebene auf den Alltag der Bewohner der Häuser, die an den Ort der Anschlags grenzen.
Eindringlich zeigt Broomfield so, dass es die Zivilbevölkerung ist, die am Krieg leidet. Weder polemisiert er gegen die Marines noch gegen den Bombenleger – das Handeln beider lässt er aus ihrer Situation heraus verständlich erscheinen. Als Verbrecher erscheinen aber die Hintermänner, die Al-Qaida, die das Massaker der Amerikaner gezielt provozierte, um den Hass auf die Besatzungsmacht zu schüren, aber auch die US-Führung, die in einem Land einen Krieg führt, in das sie sich nicht einzumischen hat.
Letztlich bleibt es aber – wie so oft bei solchen Filmen – beim zwar erschütternden, aber oberflächlichen Abbildrealismus und beim Bemühen, eine Seite des Krieges zu zeigen, die die Außenperspektive der Medienberichte nicht liefert. Ein entschiedenes “Stop this war” ist die Botschaft – darüber hinaus geht „Battle for Haditha“ aber kaum.
Club Vaudeville, Lindau: Do, 4.3., 20 Uhr


Wo die wilden Kerle wohnen: Was macht ein neunjähriger Junge, wenn niemand für ihn Zeit hat und auch auf seine teils aggressiven Versuche, Aufmerksamkeit zu erwecken, niemand reagiert? – Er zieht sich zornig in sein Zimmer zurück und flüchter in seiner Fantasie in einen Wald und übers Meer auf eine Insel, auf der er auf schrullige Gestalten trifft. Im Kontakt mit diesen riesenhaften wilden Kerlen, in Freundschaft und Streitereien, lernt der kleine Max, dass es gar nicht so leicht ist, zusammen zu leben, und reift im Laufe dieser Erlebnisse.
Gerade mal 18 Bilder und 333 Worte umfasst Maurice Sendaks 1963 erschienenes klassisches Bilderbuch „Wo die wilden Kerle wohnen“. Kaum vorstellbar, dass man daraus einen abendfüllenden Spielfilm machen kann. Spike Jonze aber gelang es zusammen mit dem Autor Dave Eggers, die schmale Vorlage zu einem 26-seitigen Drehbuch zu erweitern, das dem Geist Sendaks treu bleibt.
Wie freilich Sendaks Buch schon bei seinem Erscheinen aufgrund der Gewalttätigkeit seines Sujets teilweise auf Kritik stieß, so muss auch bei Jonzes Verfilmung die Etikettierung als Kinderfilm in Frage gestellt werden. Vielmehr ist dies ein ebenso fantasievoller wie liebevoll gemachter Film über die Kindheit. Weil Jonze dabei nicht an einer kitschigen Oberfläche interessiert ist und in der Schilderung der Familiensituation realistisch bleibt, ist sein Film teils bedrückend, gleichzeitig aber auch von einer Lust an anarchischen Aktionen in der Fantasiewelt geprägt, die Kinder auf falsche Gedanken bringen könnte.
Takino Schaan: Sa, 6.3. + So, 7.3. – jeweils 16 Uhr

Séraphine © Filmladen Filmverleih

Séraphine © Filmladen Filmverleih

Battle for Haditha

Battle for Haditha

Wo die wilden Kerle wohnen

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