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26.04.2018 |  Gunnar Landsgesell

A Beautiful Day

Wenn der Kapuzenmann kommt: Joaquin Phoenix als einst misshandeltes Kind, rächt sich nun an der Welt des Bösen und befreit versklavte Kinder. Die schottische Regisseurin Lynne Ramsay ("We Need to Talk About Kevin") bestätigt sich mit ihrem jüngsten Verstörungswerk als eine der eindrücklichsten aktuellen Filmemacherinnen.

Nach seiner blutigen Arbeit in einem Hotelzimmer, wo er Spuren wie eine Halskette und das Foto eines Kindes beseitigt, schleicht Joe nach Hause zurück. Dort liegt seine alte Mutter leblos im Fauteuil, womit sie Joe einen gehörigen Schrecken einjagt. Sie habe gerade Hitchcocks „Psycho“ im Fernsehen gesehen, sagt sie, und sei deshalb auf die Idee gekommen, sich tot zu stellen. Du sollst solche Filme nicht allein anschauen, antwortet Joe in einer Mischung aus Erleichterung und Gereiztheit. Mord und Mutterliebe, das sind die zwei merkwürdigen Pole, zwischen denen sich Lynne Ramsays jüngstes Verstörungswerk seinen sinistren Weg bahnt. Die Ungewissheit, ob man es gleich zu Beginn dieses Films mit einem sadistischen Mörder zu tun hat, wird zunächst durch die fürsorgliche Szene mit der Mutter etwas entkräftet, nur um kurz darauf zur Gewissheit zu werden, dass Mord tatsächlich Teil des blutigen Handwerks dieses Mannes namens Joe ist. Die schottische Regisseurin Lynne Ramsay, die 2011 mit „We Need to Talk About Kevin“ Tilda Swinton und mit ihr das Publikum auf eine beunruhigende Reise emotional gebrochener Figuren geschickt hat, und dafür mehrfach ausgezeichnet wurde, hat mit „A Beautiful Day“ ihre spezifische Erzählkunst weiter verfeinert. Die Geschichte ist, soweit ihre rudimentär ausgeleuchteten Hintergründe erkennbar sind, rasch erzählt: Joe, ein ehemaliger Soldat, wurde als Kind offenbar sadistisch gequält und zieht gegen Bezahlung nun wie ein Söldner gegen Mädchenhändler und Kinderschänder ins Feld, um sie zu töten. Besonders gesprächig ist er dabei nicht, und Joaquin Phoenix verleiht der Gestalt mit der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze und einem bulligen Körper etwas von einem alten Stier, der durch pure physische Kraft jedes Hindernis aus dem Weg räumt. Ramsay versteht es, Phoenix’ passionslose Leidensfähigkeit ins Bild zu setzen und als eine schwer greifbare Schattenfigur regelrecht zu mythologisieren. Wenn Joe ein Messer über seinem offenen Mund pendeln lässt, führt einen Ramsay weg von den klassischen Motiven der revenge movies, in denen aus der Rache eine emotionale Befriedigung und eine Art moralischer Gewinn erwachsen.

Blick in die Tiefe

In „You Were Never Really Here“, wie der Film im Original heißt, gilt der Blick aber ganz den Qualen dieses Joe und später jenem Mädchen (Ekaterina Samsonov), das er befreien soll. Zwei Wesen, die sich in ihrer emotionalen Panzerung fern sind, und hier doch zusammengeführt werden. Die Art und Weise, wie Lynne Ramsay davon erzählt, erinnert allerdings an den Blick in einen zerbrochenen Spiegel. Bruchstücke, Erinnerungsfetzen, und aus dem Raum herausgeschnittene Bilder richten sich stärker an die Sinne des Betrachters als sie ihm Orientierung bieten würden. Ramsay will den Zuseher mit ihren perfekt durchkomponierten Tableaus immer bei der Stange halten, ohne dabei auf eine stringente Erzählung zurückzugreifen. Eine Mischung, die Ramsay den Ruf einer der spannendsten Stimmen des modernen Kinos eingebracht hat. Freilich, könnte man einwenden, tut sie das um den Preis einer strikten Absage an ein sozial verortetes Kino. Einzelerfahrungen ersetzen gesellschaftliche Zusammenhänge, und von der Stadt, in der dieser Film spielt, sind nicht mehr als ein paar undefinierbare Räume zu sehen. Dass „A Beautiful Day“ letztlich auch vom organisierten Verbrechen erzählt, das bis in die Politik führt, ist für das Geschehen gänzlich irrelevant. Bösewichter sind, wie man weiß, austauschbar, und in diesem Film ganz besonders. Es könnte auch ein Haufen abartiger Blumenhändler sein Unwesen treiben. Insofern erweist sich Ramsays Methode als äußerst wirksam, den Fokus allein auf Joaquin Phoenix zu reduzieren, zumal dieser nur mit einem Hammer bewaffnet in den Krieg zieht. Und immer bleibt die Kamera diskret, zeigt nur das, was nach den Gewaltakten über bleibt, ohne die Gewalt selbst zu erhöhen. Ramsays Ansatz verstört, keine Frage, aber sorgt auch für ein Gefühl, dass einem ein größerer Blick verwehrt bleibt. Vieles hier führt nur schnurstracks in die Tiefe.

Raging Bull: Die ganze Physis dieses Films in die Erscheinung von Joaquin Phoenix gelegt.

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Die Mutter, der Mörder, die Vergangenheit und die Leiden. Lynne Ramsay wiedersteht allerdings einer Psychologisierung.

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Befreiungsaktion, hier schließt sich der Kreis.

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