Eine Winterreise, zugleich dramatisch und abgeklärt
Der Bariton Matthias Goerne und Leif Ove Andsnes am Klavier zogen einen spannenden dramaturgischen Bogen
Am Eröffnungsabend der diesjährigen Schubertiade Schwarzenberg sang Matthias Goerne die Winterreise von Franz Schubert. Im Zusammenwirken mit seinem hervorragenden Klavierpartner Leif Ove Andsnes stellten die beiden Künstler einen musikalisch psychologischen Spannungsbogen dar, der Schuberts Liederzyklus aus Blickwinkeln erlebbar machte, die zum Weiterdenken anregten.
Matthias Goerne hat Schuberts Winterreise bereits zweimal auf CD aufgenommen und unzählige Male im Konzertsaal interpretiert. Diesen detailreichen Gesamtüberblick legte er über seine Werkdeutung im Angelika-Kauffmann-Saal in Schwarzenberg mit seinem kongruent agierenden Klavierpartner. Die Entwicklungslinie und die psychische Entscheidungsfindung des Protagonisten und dessen Sehnsucht, „der Welt abhanden zu kommen“, erzählte der Bariton mit vielgestaltigen musikalisch ausgedeuteten Facetten. Gleichzeitig spannte er ein Netz aus Metaebenen, in denen sich der unglücklich Verliebte an bessere Zeiten erinnerte, sowie die Natur als Analogie der äußeren und inneren Harmonie und die Todessehnsucht abbildete.
Das liederübergreifende Beziehungsgeflecht der unterschiedlichen Erzählebenen wurde erstmals in „Wasserflut“ nachvollziehbar. Dabei verkörperte der Sänger die musikalischen Inhalte so stark, dass der Liedgesang beinahe (zu) opernhafte Züge annahm. Gleichzeitig schien es, als kümmere sich Matthias Goerne wenig um Werktreue oder eine verinnerlichte Zurückhaltung. Ganz bei sich selbst und im Zusammenwirken mit dem Klavierpartner bewegte er sich ausgeprägt und sang oft in den Korpus des Flügels hinein.
Wege innerhalb von emotionalen Welten aufgezeigt
Die Vielfalt seiner Stimmnuancen erlaubte es dem Bariton, die melodischen Linien bis ins Detail zu schattieren. Der „Schatten“, der über der gesamten Winterreise liegt, deuteten der Sänger und der Pianist bereits im ersten Lied „Gute Nacht“ an. Die verzweifelte Suche und die vielen Fragen des Protagonisten brachte Matthias Goerne in „Erstarrung“ eindrücklich zum Ausdruck. Unterschiedliche Gefühle wurden innerhalb der Lieder „Auf dem Fluss“, „Rückblick“ bis hin zum „Irrlicht“ mit einem dramatischen Aufbegehren gesteigert.
In Erinnerung blieb überdies, wie Matthias Goerne und Leif Ove Andsnes den Zwiespalt des Protagonisten zwischen Vorwärtsdrängen und Stillstand in „Die Post“ und „Der greise Kopf“ ausloteten. Abgeklärt wirkte „Im Dorf“, dessen Textinhalte der Sänger mit einem Touch von Ironie interpretierte, die sich in „Der stürmische Morgen“ in Wut verwandelte. Eine neue Perspektive öffnete sich mit „Täuschung“, an das „Der Wegweiser“ in direktem Anschluss erklang. Seine große Kunst der interpretatorisch nuancierten Stimmgebung setzte Matthias Goerne an vielen Stellen ein, besonders eindringlich jedoch im „Wirtshaus“.
Über die gesamte Winterreise hinweg spielte Leif Ove Andsnes am Klavier textinterpretierend eine sehr tragende Rolle. Einesteils folgte er dem Sänger kongruent, unterstrich die melodischen Passagen und unterstützte dynamische Prozesse. Andernteils lenkte der Pianist in vielen Passagen durch individuelle Akzentuierungen die Aufmerksamkeit auf sich und verlieh atmosphärischen Details Gewicht.