Der mit seiner Stimme tanzt
Der Sopran Countertenor Nicolò Balducci zog das Publikum in seinen Bann.
Das Concerto Stella Matutina ist bekannt für seine hervorragende Programmgestaltung. Doch mit dem dritten Abonnementkonzert der Saison schossen die Musiker:innen rund um den Mastermind Bernhard Lampert den Vogel ab. Bereits das Motto „Farinelli furioso“ weckte die Vorfreude, denn Farinelli war in der Barockzeit ein überall gefeierter, sagenumwoben virtuos singender Kastrat. Nicolò Balducci ist ein Sopran-Countertenor aus Süditalien. Er beherrscht diese hohe Stimmlage mit seiner akrobatisch geführten Kopfstimme scheinbar mühelos und wirkt gleichzeitig sympathisch und ungekünstelt. Enthusiastisch musizierte das Concerto Stella Matutina in der Kulturbühne AmBach die effektvolle italienische Opernmusik und dementsprechend begeistert ging das Publikum von Beginn an mit.
Auf dem Programm standen unter anderem Ouvertüren und Arien aus wenig bekannten italienischen Opern sowie Kompositionen von J.A. Hasse und G.F. Händel. Italienisches Temperament zeichnete die Werkdeutungen aus. Von spektakulär raschen Tempi und abrupten Wendungen, reizvollen Kontrasten und dynamisch wirkungsvoll ausgestalteten Sequenzierungen sowie Tonart-Charakteristika lebte die Musik, beispielsweise in der Ouvertüre zu „Artaserse“ von Johann Adolf Hasse, der Ouvertüre zu Dunis Oper „Giuseppe riconosciuta“ oder der Ouvertüre zu „Idaspe“ von Riccardo Broschi.
In Erinnerung an den berühmtesten Kastraten
Die Musiker:innen des Concerto Stella Matutina spielten mit viel Esprit und belebten damit die Szenen. Im Vordergrund stand jedoch der Sopranist Nicolò Balducci. Die Stimmlage Countertenor Altus ist in der Szene der Alten Musik keine Seltenheit mehr. Allerdings schaffen es nur wenige durch ihre spezielle Ausbildung der Falsettstimme in die Sopranlage und dementsprechend spektakulär wirkt ein Sänger, der Sopranpartien singt. Im Hinblick darauf hat das Concerto Stella Matutina beim Vorarlberger Publikum wohl für eine Premiere im Konzertsaal gesorgt. Lediglich bei der im vergangenen Jahr aufgeführten Oper „Kapitän Nemos Bibliothek“ von Johannes Kalitzke im Rahmen der Bregenzer Festspiele hat auch ein Sopranist (Iurii Iushkevich) für Furore gesorgt.
In der Barockzeit wurden nicht wenige singbegabte Buben kastriert, um die hohe Stimme zu erhalten. Der Kehlkopf blieb klein, aber verbunden mit dem Wachstum der Lunge und des Resonanzraumes des Brustkorbes bildeten die Sänger eine glockenhelle, hohe und zugleich kraftvolle Sopranstimme aus. Der berühmteste Kastrat aller Zeiten war wohl Farinelli, alias Carlo Broschi, von dessen Sangeskunst Zeitgenossen in höchsten Tönen schwärmten. Der Autor Helmut Krausser hat diesem herausragenden Sänger mit seinem Roman „Melodien“ ein literarisches Denkmal gesetzt.
Stimmakrobatik, Bühnenpräsenz und Musikalität
Der italienische Countertenor Sopranist Nicolò Balducci sang ursprünglich Popsongs. Erst seine Lehrerin bestärkte ihn darin, seine Fähigkeit, die Stimme im Falsett auszubilden und zu formen. Nun singt der erst 24-Jährige mit einer atemberaubenden Technik. Koloraturen und Triller, große Tonsprünge und halsbrecherisch schnelle Läufe stellte er vollkommen mühelos in den Raum. Innerhalb seines großen Tonumfanges waren keine Registerwechsel hörbar, ein schönes Timbre verlieh der Stimme Wärme und überdies lebte der Sopran in tieferen Lagen von einer voluminösen Tonfärbung.
Darüber hinaus begeisterte Nicolò Balducci mit seiner großen Bühnenpräsenz. Immer wieder nahm er Kontakt zu den Musiker:innen auf. Die authentische Ausstrahlung des Künstlers machte schließlich auch die Besonderheit dieses eindrücklichen Konzertereignisses aus. Sämtliche Werkdeutungen erschöpften sich nämlich nicht in der Akrobatik allein, sondern sie lebten von der Musikalität. Besonders innig brachte Nicolò Balducci diese Qualität in Händels Rezitativ und Arie „Verso giá l’alma col sangue“ mit den sensibel begleitenden Streicher:innen zum Ausdruck.
Dramatische Gefühlsausbrüche
Enttäuschte Liebe, Eifersucht, Wut und verzweifelte Ausbrüche waren die Grundgefühle der Rezitative und Arien. „Crude furie degli orridi abissi“ aus Händels „Xerxes“ und das Rezitativ und die Arie „In braccio a mille furie“ aus der Oper „Semiramide“ von Leonardo Vinci trugen die wilde Erregung bereits im Titel. Nicolò Balducci und das Concerto Stella Matutina kehrten die Affekte ausdrucksstark hervor. Mit einer unglaublichen Virtuosität und einem langen Atem gestaltete der Counter-Sopran auch die Arie „Son qual nave“, die Riccardo Braschi ursprünglich seinem berühmten Bruder, dem Kastraten Farinelli, auf den Leib geschrieben hatte.
Bis zum letzten Ton hingen die Zuhörenden an den Lippen des Sängers. Die dichte Atmosphäre im Saal war direkt spürbar und am Ende gab es frenetischen Applaus, Standing Ovations und drei Zugaben.
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