Eine großartige theatrale Intervention
UNPOP mit „Die Politiker“ von Wolfram Lotz im öffentlichen Raum
Sie marschieren auf, ruhig und sehr smart, befestigen ihr Transparent am Steiger, lassen ihn hochfahren und da hängt es riesengroß – das Wahlkreuzsujet, mit dem das Theater UNPOP schon seit Tagen in der Stadt unterwegs war. Wahlwerbung in bestem Sinne! Kleine Geschenke, Gimmicks – Luftballone und Kondome – und Karten werden verteilt: „Kommt alle zur großen Wahlveranstaltung!“, „Eintritt frei!“.
Stephan Kasimir und Caro Stark haben einen sehr markanten Punkt unter ihr jahrelanges „unpopuläres“ Wirken gesetzt. Sie haben noch einmal aufs Eindrücklichste gezeigt, wie sie Theater machen wollen, wofür das Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung steht. Immer haben sie sich für außergewöhnliche großartige Texte entschieden und diese mit viel Phantasie, Kreativität und einer ganz eigenen Bildsprache umgesetzt.
Blitzgescheite Seitenhiebe
„Die Politiker“ von Wolfram Lotz, einem wortgewaltigen und hochtalentierten Autor, ist ein gigantisches Gedicht ohne Punkt und Komma, eine dadaistische Kunstübung mit herrlichem Witz. Es erzählt von Politikern, die einfach da sind, wie das Gras, die wir nicht sehen und nicht spüren, außer dann, wenn wir uns über sie ärgern. Scheinbar sinnlos reihen sich die Worte und Reime aneinander, mit ständigen Wiederholungen, gespickt mit blitzgescheiten Seitenhieben und hinreißenden Blödeleien. Es wirkt wie ein willkürlicher Gedankenstrom, ist es aber mit Sicherheit nicht, sondern ein minutiös gearbeiteter Text mit klaren Ansagen.
Durchkomponierter Vortrag
Stephan Kasimir und Caro Stark, die sich nicht mehr aufteilen lassen, sondern gemeinsam die künstlerische Leitung innehaben, die gemeinsam an einem Strang ziehen, eine großartige, schöpferische Symbiose bilden, haben sich sehr genau mit Wolfram Lotz‘ Gedicht auseinandergesetzt und einen exakt durchkomponierten Vortrag, in einem künstlerisch großartig geglückten Ambiente, inszeniert. Jedes Wort sitzt, jeder Ton stimmt, das Tempo, der Rhythmus genauestens austariert. Hier verstehen sich nicht nur das Künstler:innenduo untereinander, sondern sie scheinen auch auf einer Linie mit dem Autor zu schwimmen.
Große Ernsthaftigkeit
Fünf Schauspielerinnen in weißen Overalls, bemalt mit dem Wahlkreuzsujet, das wie ein Schmutzfleck auf diesen „weißen Westen“ wirkt. Sie stehen nicht auf einer gemeinsamen Bühne, jede hat ihre eigene kleine Bühne, ihr Podest, zwar alle nah beieinander und doch jede für sich. Sie tragen das Gedicht vor, mit großer Ernsthaftigkeit, auch dort wo es scheinbar nur Blödelei ist. Und dort, wo sie in den Diskurs gehen, handelt es sich nur um Nichtigkeiten.
Wunderbare Schauspielerinnen
Fünf Schauspielerinnen in weißen Overalls, die sich durch Kleinigkeiten unterscheiden – einer ist zum Beispiel ohne Kragen, einem fehlen die Ärmel – erzählen und betonen jede für sich die Reime, die Wörter auf unnachahmliche Art und Weise. Ach was wären sie doch für perfekte „Politiker“, die auch dann ein Tänzchen wagen, wenn das Eis schon sehr brüchig ist.
Diana Kashlan artikuliert die sich ständig wiederholende Phrase „Die Politiker“ so wunderschön, dass man ihr stundenlang zuhören möchte, wie ein Ohrwurm nistet sie sich ein. Katja Uffelmann hat den trockenen Witz aber sowas von drauf, trifft punktgenau den Ton. Pia Kolb besticht durch ihre smarte, sehr glatte Ausstrahlung, durch einen glasklaren Ton. Claudia Seigmann ist wie ein Fels in der Brandung, mit klarem Rhythmus und feinem Ausdruck. Und Nicola Trub steht rechts außen, bewegt sich sehr genau und geht eiskalt unter die Gürtellinie.
Das Premierenpublikum durfte am gestrigen Montag ein Kunstwerk erleben, im öffentlichen Raum, in der Anton-Schneider-Straße direkt vor der ehemaligen Nationalbank. Großartig besetzt, wunderbar inszeniert und perfekt dargestellt, haben alle Künstler:innen ihren verdienten großen Applaus bekommen.
Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung: „Die Politiker“ von Wolfram Lotz
weitere Vorstellungen:
8.8., 21 Uhr, Kornmarktstrasse, Bregenz
9.8., 18.30, Parkbad, Lustenau
10.8., 21 Uhr, Kirchplatz, Lustenau
12.8., 20 Uhr, Leutbühel, Bregenz
https://www.unpop.at/