Vielsagendes drittes Festspiel-Orchesterkonzert
Jubel für den Violinisten Benjamin Schmid, die Dirigentin Marie Jacquot und die Wiener Symphoniker
Drei starke Persönlichkeiten standen im Mittelpunkt des dritten Orchesterkonzertes bei den Bregenzer Festspielen. Als österreichische Erstaufführung präsentierte Benjamin Schmid das dritte Violinkonzert der polnischen Komponistin Grażyna Bacewicz und begeisterte mit seiner Werkdeutung auf allen Ebenen. Geleitet wurden die Wiener Symphoniker von der klar agierenden Dirigentin Marie Jacquot. Kompositionen von Maurice Ravel und Jean Sibelius ergänzten das vielschichtige Programm hervorragend und die Wiener Symphoniker musizierten gut aufeinander hörend.
Grażyna Bacewicz war in vielerlei Hinsicht eine bemerkenswerte Frau. Bereits zu ihren Lebzeiten fand die sehr aktive Künstlerin viel Beachtung. Ausgebildet unter anderem von der legendären Nadia Boulanger, fand sie früh ihren ureigenen Weg des kompositorischen Ausdrucks. Ein exemplarisches Beispiel ihrer großen musikalischen Aussagekraft präsentierte Benjamin Schmid mit der Interpretation des dritten Violinkonzertes. Den Solopart legte er bewundernswert vielgestaltig an, einesteils energiegeladen in den ausladenden, auch mehrstimmigen Passagen, andernteils ganz bei sich selbst und bei der Musik in lyrischen Kantilenen. Dabei stand der Solopart in einem reizvollen Gegensatz zum impulsiven Orchester. Teilweise wie David gegen Goliath standen sich die Violine und das groß besetzte Orchester gegenüber. Die Spannungsverhältnisse und ihre Auflösungen zwischen der Schubkraft des Orchesters und die eindrückliche Tongebung der Violine entfalteten eine große Sogwirkung.
Bacewiczs Violinkonzert bezog seine Ausstrahlung aus mehreren Quellen. Neben den an slawischer Volksmusik orientierten Themen und raffiniert ineinander verwobenen Klangtexturen lenkten oftmals die melodisch-harmonisch immer wieder aufwallenden Klanglandschaften die Aufmerksamkeit auf sich. Zu einem wesentlichen Teil lag die Expressivität in der vielgestaltigen Instrumentationskunst der Komponistin. Zahlreiche Passagen ließen immer wieder aufhorchen. Auch zahlreiche Details blieben in Erinnerung, wie die Kombination der Flatterzunge der Flöte mit der Marschtrommel oder die Schattenwirkung des abrupt zurückgenommenen Orchesterklanges, nachdem die Orchestermusiker:innen den Solisten beim emotionalen Höhepunkt im zweiten Satz wie in ihren Klangfluss hinein ‚gesogen‘ hatten. Das temperamentvolle Finale, in dem der Esprit eines polnischen Oberek voll ausgekostet wurde, verlieh der Werkdeutung eine mitreißende Note.
Benjamin Schmid hat mit allen seinen Werkdeutungen etwas zu sagen. In diesem Violinkonzert war seine Identifikation mit der Musik gut zu spüren. Die Aufführung genau dieses Werkes war ein erhellendes Hörerlebnis und rückte die hierzulande sehr wenig bekannte Komponistin Grażyna Bacewicz ins Rampenlicht.
Flexible Tongebungen im Orchester
Einleitend spielten die Wiener Symphoniker die „Valses nobles et sentimentales“ von Maurice Ravel. Sein Spiel mit dem Walzer-Idiom – das Zeigen und Verstecken, Andeuten und Ausführen, Maskieren und Entlarven – kam hervorragend zur Geltung. Marie Jacquot leitete die Musiker:innen mit klarer Gestik, elegant und ausdrucksstark. So wurden die sinnliche Aussage der Tänze mit nuancierter orchestraler Farbgebung entfaltet und die unterschiedlichen Temperamente der fein modulierten Dreier-Rhythmen betont, oft im Pianissimo nur angedeutet und abschnittweise mit pulsierender Emotion.
Jean Sibelius‘ erste Symphonie ist wenig im Konzertsaal präsent und aus diesem Grund sehr willkommen. Zudem brachte die geistesgegenwärtige Musizierhaltung der Wiener Symphoniker ein spannendes musikalische Beziehungsgeflecht hervor. Sinnlich und mit einer schönen Pianokultur stellte der Klarinettist einleitend das Hauptthema vor. Daraus entwickelten die Musiker:innen transparent und mit beeindruckender Klangbalance ein mächtig sich aufspreizendes Tutti. Auch das volksmusikalisch klingende Andante mit seinen schubkräftigen Aufwallungen stellte das Orchester nicht vordergründig effekthaschend, sondern gut verinnerlicht in den Raum. Aufhorchen ließ das feinsinnig zelebrierte Lento im dritten Satz. Viel Dringlichkeit verströmte das Finale, in dem die thematischen Klammern zu vorhergehenden Abschnitten gut zur Geltung kamen. Den ernüchternden Schluss, den Sibelius ans Ende seiner Ersten gesetzt hat, betonten die Dirigentin und das Orchester vielsagend.