„Ginger“ - ein Tanztheater für Kinder ab vier Jahren im TAK Theater Liechtenstein (Foto: Jeroen Doise)
Silvia Thurner · 30. Apr 2026 · Musik

Ein Leben in Liedern zum Jubiläum

Faszinierender Erinnerungsraum in Schuberts Liederwelten

Zum 50-jährigen Jubiläum der Schubertiade gibt es keinen pompösen Festakt, sondern das Programm, das Hermann Prey im Gründungsjahr 1976 präsentiert hatte, ist wieder zu hören. Ganz am Beginn stand ein Liederabend des legendären Baritons, dessen Werkauswahl nun Konstantin Krimmel und Ammiel Bushakevitz am Klavier im Markus-Sittikus-Saal in Hohenems übernahmen. „Ein Leben in Liedern“ lautete der passende Leitgedanke. Dem sensibel und ausdrucksstark gestaltenden Sänger wurde viel abverlangt, und er gab alles. Aufmerksam und musikalisch vielschichtig wurde er dabei von seinem Klavierpartner unterstützt.

Hermann Prey hat mit der Liedauswahl für den Eröffnungsliederabend der Schubertiade im Jahr 1976 Franz Schubert ein herausragendes Denkmal gesetzt. Dieses nun wieder erleben zu können und ganz in die faszinierende künstlerische Welt des Komponisten einzutauchen, war ein besonderes Erlebnis. Es habe ihn seit jeher fasziniert, wie sehr der größte aller Liedkomponisten, Franz Schubert, in den kaum mehr als dreizehn Jahren seines Liedschaffens bei den meisten seiner Lieder weniger von einer beschreibenden Wiedergabe eines Gedichts ausging, notierte Hermann Prey vor fünfzig Jahren im Programmheft. Vielmehr hat er eine musikalische Verwirklichung gesucht, die seine eigene ideelle Einstellung zum Leben und der Welt gewesen sein mag.

Musikalische Zwielichter

Sogleich das Eröffnungslied Der Pilgrim (D 794) beinhaltete vieles von dem, was die Liedkunst von Franz Schubert so besonders macht: den oftmals schreitenden Duktus, die aus dem Text geformten melodischen Linien und die differenziert eingesetzte, den inhaltlichen Wendungen folgende Harmonik, die eine unbestimmte Sehnsucht sowie das Suchen auf innerer Wanderschaft verdeutlichen. Das Zwielicht zwischen Freude und Hoffnung sowie Resignation und Trübsinn spiegelte sich in mehreren Balladen ganz unmittelbar wider. In der ersten Konzerthälfte standen unter anderem mit Ganymed (D 544), Sehnsucht (D 636), Rastlose Liebe (D 138) sowie Willkommen und Abschied (D 767) Wachsen, Zuversicht und erwartungsvolle Liebe im Zentrum. Als Metaphern kamen zahlreiche Naturbilder in musikalisch vielfältigen Formen zur Geltung.

Musikalische Psychogramme

Konstantin Krimmel deutete sämtliche Lieder vom Text ausgehend, bewundernswert textdeutlich und sensibel auf inhaltliche Wendungen achtend. Damit betonte er die harmonischen Farben nuanciert, und im Zusammenwirken mit Ammiel Bushakevitz entwickelte sich ein großes Panorama an Ausdrucksgehalten, das aus Liedern und Balladen äußerst eindringliche Psychogramme formte.
Spannung bewirkten die Interpreten oft auch durch eine bewusste Zurücknahme, wie beispielsweise in Sehnsucht. Für jede Phrase fand Konstantin Krimmel eine andere Tongebung und setzte mit großen dynamischen Aufschwüngen drängende Höhepunkte. In dieser Hinsicht begeisterte Ganymed mit dem eindrücklichen Melisma am Schluss und dem schönen Nachklang des Klaviers besonders. Die großen kreisenden Bewegungen kamen in Die Sterne (D 939) zur Geltung, allerdings fehlte dem Klavierpart in diesem Lied etwas Leichtigkeit. Einen Gegenpol dazu bildete An die Leier (D 737). Die emotionale Zwiespältigkeit, zwischen Verlangen und Wollen einerseits und dem tatsächlich zum Ausdruck kommenden andererseits, die wahrscheinlich auch Schuberts Persönlichkeit wesentlich prägte, wurde in diesem Werk drastisch ausgeformt. Diese großen Gegensätze auf kleinem Raum zogen das aufmerksam und konzentriert zuhörende Publikum in den Bann.

Frühreifer und abgeklärter Schubert

Weitere Aspekte der herausragenden Liedauswahl zeigten die frühe Reife von Franz Schubert auf. Die sprühende Energie in Rastlose Liebekam hervorragend zur Geltung und ebenso Staunen machte das frühe Lied Erster Verlust (D 226).
Im zweiten Teil wendete sich das Blatt, und es entfaltete sich eine große Spannung aus schwebenden musikalischen Feldern und einer changierenden Harmonik. Konstantin Krimmel und Ammiel Bushakevitz fanden unter anderem in An die Entfernte (D 765) sowie Im Frühling (D 882) auch durch eine bewusste Zurückhaltung eine gute Balance zwischen Leidenschaft und Ruhe.

Balladen wie Opernszenen

Die Ballade Über Wildemann (D 884) mit ihrer aufwühlenden Chromatik und den kraftvoll parallel geführten Linien der Singstimme und des Klavierparts stellte eine große Herausforderung dar. Doch hier wie auch in der monumentalen Ballade Fahrt zum Hades (D 526), die fast wie eine Opernszene mit enormer Energie dargeboten wurde, brachten die Interpreten die Wirkmacht von Licht und Schatten zur Geltung.
Mehr als psychologische Deutung, denn als dramatische Szene gestaltete Konstantin Krimmel Totengräbers Heimwehe (D 842). Hier war der große Ambitus des Baritons, der seine Stimme mit warmem Timbre über alle Register hinweg feinsinnig führt, besonders beeindruckend erlebbar. Kongenial gestaltete der Pianist den Klavierpart und führte mit großer Aussagekraft nach der Generalpause die neu entstehende melodische Linie wieder ans Licht. Mit dem in weit gefassten Phrasierungsbögen entfalteten Nachtstück (D 672) endete „Ein Leben in Liedern. Im Saal hatte sich eine beinahe sakrale Stimmung ausgebreitet, in die die Zuhörenden eintauchten, denn Konstantin Krimmel und Ammiel Bushakevitz fügten sämtliche Kompositionen fast nahtlos aneinander.
Sympathisch bedankte sich Konstantin Krimmel bei Gerd Nachbauer dafür, dass er mit der Schubertiade einen Tempel der Liedkunst und der Kammermusik geschaffen habe. Der Sänger und der Pianist gratulierten passend mit dem Lied Glückwunsch von Erich Wolfgang Korngold.

ORF Sendetermin
Di, 26.5., 14:05 Uhr, Ö1