Ein Abend voller Jazz-Geschichten
Kenny Barron spielte im TAK
„One of the top jazz pianists in the world“, schrieb die Los Angeles Times über den 80-jährigen Kenny Barron. Er ist tatsächlich einer der größten lebenden Jazz-Pianisten, wie er mit seinem Solo-Programm im TAK dem begeisterten Publikum bewies.
Egal, was er spielte, immer war im Hintergrund die Jazztradition zu spüren, die Erfahrung eines großen Künstlers, der seinerseits mit vielen Jazz-Granden gespielt hat. „Das wahrscheinlich wichtigste Erlebnis in meinem Leben war, den Trompeter Dizzy Gillespie zu treffen. Ich war gerade 19, als ich die Chance hatte, mit ihm zu arbeiten“, sagte Kenny Barron in einem Interview. Später war er Bandleader und vor allem ein kongenialer Partner des Tenorsaxophonisten Stan Getz.
Seine Hände tanzen über die Tasten
Meist wurde er als Begleitmusiker gesehen und nicht als der brillante Solist, der er eigentlich ist. Bekannt für seine hohe Bescheidenheit, kam er auf die TAK-Bühne, setzte sich sofort ans Klavier, spielte über eine Stunde lang und ging wieder. Aber während er spielte, öffnete sich eine Jazzwelt, in der die besten Kompositionen der ganz Großen zu hören waren. Zu diesen gehört auch der Künstler selbst. Ob er eigene Stücke spielte oder die von Freunden, alles war vom Feinsten und oft schien es, als würde er dem Steinway ein ganzes Orchester entlocken. Virtuos, feinfühlig und dann doch wieder temperamentvoll erzählte er Geschichten, ließ seine Hände über die Tasten wandern, wobei die linke Hand „die Spur“ hielt, während die rechte Hand einen virtuosen Spitzentanz über die Tasten begann, immer wieder kurz abschweifte, um dann doch wieder zurückzukehren, wie zum Beispiel bei der Komposition „The Surrey with the Fringe on Top“ von Richard Rogers aus dem Musical „Oklahoma“. Da durfte das Fransendach mächtig wippen. Danach aber nahm er sich Billy Strayhorns Ballade „Daydream“ aus dem Jahr 1940 vor, ließ sie behutsam beginnen, schlenderte fast zärtlich damit durch den verträumten Tag und verlieh dem Song einen verführerischen Bluessound.
Töne aus dem Zauberhut
Mit seinem eigenen Trio hatte sich Kenny Barron unter anderem auf die Stücke von Thelonious Monk spezialisiert. Zwei davon spielte er nun als Solist an diesem Abend, darunter „Shuffle Boil“ und „Well you Needn’t“. Die Klavierwerke des eigenwilligen Komponisten Monk können hochkomplex und sperrig tönen. Aber nicht bei Kenny Barron! Mit einer stupenden Leichtigkeit ließ er sie frisch aufleben und schickte die Töne ins Publikum, als wären sie ein Zauberhut, aus dem immer wieder neue Klänge purzelten. Da war nichts Grelles, nicht Kantiges, das war alles Jazz vom Feinsten. Das gleiche geschah mit der Ballade „Passion Flower“ von Duke Ellington. Die üppigen, komplizierten Akkorde wurden zu sanften Melodien und kraftvollen Harmonien, eine mal nachdenkliche, dann wieder verträumte Klanglandschaft, die trotz alledem Spannung und Faszination in sich hatte. Mit „Isfahan“ spielte Kenny Barron eine Jazzstandard Komposition von Duke Ellington/Billy Strayhorn aus dem Jahr 1967. Das Stück besitzt keine östlichen Anklänge und doch ließ Kenny Barron mit einer süßtraurigen, fremdartigen Stimmung das Gefühl der iranische Stadt Isfahan mit ihrem orientalischen Zauber im Publikum entstehen.
Ein Meisterimprovisator
Er kann aber nicht nur die Werke anderer spielen, er kann auch selbst komponieren. Das zeigte er mit seinen Stücken „Sunshower“ und „Budlike“, die jeweils mit eingängiger Melodie faszinierten und damit weitere Geschichten erzählten. Denn das tut er mit jedem Werk – als Meisterimprovisator holt er mit seinem Piano das Innere eines jeden Stückes nach Außen, lässt es strömen und tanzen, um es dann wieder sanft zurückzuholen. Mit „Budlike“ ehrte er auch seine berühmten Kollegen Bud Powell und Ahmad Jamal, indem er sich wesentliche Elemente aus deren Stil zu eigen machte.
Begonnen hatte Kenny Barron den Abend mit „For Heavens Sake“ aus dem Jahr 1948, eine schwungvolle und lockere 12-minütige Improvisation. „It is one of my favourite songs“ meinte er dazu, am Schluss gab er als Zugabe noch einen weiteren „favourite song“: „How Deep Is The Ocean“ von Irving Berlin aus dem Jahr 1932. Damit verabschiedete sich der Weltstar-Pianist von seinem zutiefst begeisterten Publikum im TAK.