Drei, die (sich) etwas zu sagen haben
Jörg Widmann, Clemens Hagen und Dénes Várjon begeisterten im Trio
Wenn der Klarinettist und Komponist Jörg Widmann und der Cellist Clemens Hagen zusammen musizieren, werden Erwartungen hochgeschraubt. Im Markus-Sittikus-Saal in Hohenems interpretierten sie das „Gassenhauer-Trio“ von Ludwig van Beethoven und Johannes Brahms‘ Klarinettentrio, op. 114. Zum gemeinsamen Musizieren luden sie Dénes Várjon ein. Die drei Musiker spielten mit großem gegenseitigem Einverständnis und belebten die Kompositionen detailreich und mit Esprit. Sogleich bei seinem ersten Auftritt im Rahmen der Schubertiade überzeugte der aus Ungarn stammende Pianist Dénes Várjon und er begeisterte mit seiner beziehungsreichen Werkdeutung von Jörg Widmanns „Idyll und Abgrund“.
Jörg Widmann ist nicht nur als Klarinettist sehr bekannt, sondern auch als Komponist erfährt er viel Anerkennung. Im Jahr 2009 komponierte er bezugnehmend auf Franz Schubert das sechsteilige Klavierstück „Idyll und Abgrund“. Dénes Várjon ließ sich ganz auf die Musik ein und kristallisierte ihren Aussagehalt mit großer innerer Spannkraft heraus. Auf diese Weise entfalteten sich gleich von Beginn an stiltypische Merkmale, die Schuberts Musik so einzigartig und ergreifend machen. Große Räume wurden geöffnet, in die aufsteigende Phrasen und reibende Sekundrepetitionen wie eine zweite Ebene eingeschrieben erklangen. Im zweiten Abschnitt wurde dem erzählenden Duktus das Fundament entzogen, sodass der musikalische Fluss einen schwebenden Charakter annahm. Unterschiedlich gewichtete Floskeln verdichteten allmählich den musikalischen Fluss, bis sich die unterschwellig brodelnden Spannungen entluden. Lediglich eine kurze Erholung boten tänzerische Allusionen. Zum Schluss hin weitete sich der Tonraum wieder, harmonische Reibungen und Tonwiederholungen verströmten eine eher resignative Grundstimmung.
Gelegenheiten schaffen
Vor der Darbietung seines Klavierwerkes erläuterte Jörg Widmann dem interessierten Publikum seine Sicht auf die Psychologie in der Musik von Franz Schubert. Die Aufführung einer Komposition des 21. Jahrhunderts war eine große Bereicherung. Wie kaum jemand zuvor inspirierte und inspiriert Schuberts Musik Komponierende des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Schubertiadekonzerte könnten für zeitgenössische Kompositionen, die in der Nachfolge von Franz Schubert entstanden sind, eine ideale Bühne bieten und das Repertoire attraktiv erweitern.
Jörg Widmann an der Klarinette und Clemens Hagen am Violoncello verstanden sich im Hinblick auf die melodische Gestaltung in Beethovens Klarinettentrio, op. 11 hervorragend. Darüber hinaus ergänzten sich im Zusammenwirken die Klangfarben und machten eindringliche Hörereignisse möglich. Das ‚triebige‘ Hauptthema im Eröffnungssatz formten die Musiker genussvoll und mit straff artikulierten melodischen Bögen. Ein besonderes Hörvergnügen bot Clemens Hagen, denn mit seiner Spielart machte er selbst die kleinsten Begleitfloskeln zu einem Ereignis. Energie bezogen die Werkdeutungen auch aus der akkuraten Kommunikation der drei Kammermusiker. Sie spielten die parallel geführten Linien mit bewundernswerter Kongruenz. Gleichzeitig gewährten sie sich gegenseitig Raum und Zeit, sodass die stimmführenden Linien prägnant im Klangvordergrund wirken konnten. Den Höhepunkt bildete das Adagio, in dem der introvertierte musikalische Ausdruck hervorragend zur Geltung kam.
Auch der Beginn von Brahms‘ Klarinettentrio, op. 114 zeigte die ‚abgeklärte‘ Ausstrahlung der Musiker auf. Wie selbstvergessen intonierte Clemens Hagen die Eingangsmelodie, die Jörg Widmann mit aller Selbstverständlichkeit aufnahm und weitertrug. Auch in diesem Werk kam die Klangverschmelzung des Holzblas- und des Saiteninstrument wunderbar zur Geltung. Dass Jörg Widmanns, Clemens Hagens und Dénes Várjons Spielarten auf einem sehr wachen gegenseitigen aufeinander Hören beruhte, war gut nachvollziehbar. Besonders im Trio und im Finalsatz blieben der alpenländische und der ungarische musikalische Touch in Erinnerung, den die Musiker voll auskosteten. Auch hier bildete das Adagio den Höhepunkt. Die Phrasen wurden wie ein auskomponiertes Ausatmen in einem gegenseitigen Geben und Nehmen zelebriert.