David Helbock’s Random/Control: unkonventionell, witzig und virtuos
Das außergewöhnliche Trio feierte im Vorarlberg Museum seinen 15. Geburtstag
Feste muss man feiern, wie sie fallen. David Helbock ist auf seinem Weg zur Weltkarriere ja ein vielbeschäftigter Mann – nicht nur dieser Tage, sondern alle Tage. Aber dieser Tage ganz besonders, denn sein brandaktuelles Projekt „Austrian Syndicate“ geht gerade durch die Decke – Oktober/November wird das Fusion-orientierte Quintett an knapp drei Dutzend unterschiedlichen Konzertorten im deutschsprachigen Raum gastieren. Für ein Jubiläums-Konzert mit seinem mittlerweile längst dienenden Trio – Random/Control mit Johannes Bär und Andreas Broger – muss natürlich trotzdem einfach Zeit sein. Denn wirklich guter Wein wird auch in alten Schläuchen immer besser. Das in Scharen im Vorarlberg Museum erschienene Publikum wird das bestätigen: Grand Cru, gar keine Frage!
Gewaltiges Arsenal an Instrumenten
Wer das erste Mal ein Random/Control-Konzert besucht, ist schon – bevor der erste Ton erklingt – vom Sammelsurium an Instrumenten auf der Bühne fasziniert. Neben dem Flügel, der mit kleineren Elektronikutensilien und ein paar Perkussionsteilen garniert ist, steht die Holzbläserabteilung mit Tenor- und Sopransaxophon, Bassklarinette sowie Querflöte, daneben dann die Blechbläserabteilung mit dem gewaltigen Sousaphone, Tuba, Flügelhorn und Trompete, erweitert um eine rechteckige Travel Didgeridoo, ein minimalistisches Schlagzeug, Percussion und ein geschätzt vier Meter langes Alphorn – Letzteres wird als einziges Instrument an diesem Abend dann doch nicht in Einsatz kommen. Aber was man hier sieht, würde locker auch für ein Oktett ausreichen.
Kreative Höhenflüge
David Helbock hat für dieses unkonventionelle Trio eine ganze Reihe von Eigenkompositionen maßgeschneidert und ihm auch bekannte Standards unterschiedlichster stilistischer Ausrichtungen mit umwerfend einfallsreichen Arrangements auf den Leib geschrieben. Alles ist gespickt mit rhythmischen und harmonischen Finessen, verblüffenden Wendungen, dynamischen Feinheiten, außergewöhnlichen Instrumentenkombinationen und einer für ein Trio unglaublich breiten Palette an Soundfarben. Helbock begnügt sich längst nicht mehr mit der Tastatur allein, über die er in rasanten Läufen kreuz und quer und mitunter auch mit überkreuzten Armen hinwegfegt und aus der er mit unvorstellbarer Leichtigkeit gewagte Tastenkombination herauskitzelt, die bei weniger talentierten Pianisten wahrscheinlich mit verknoteten Fingern enden würden. Nicht selten bewegt sich auch nur eine Hand auf den Tasten, während er mit der anderen im Flügel außergewöhnliche Sounds direkt aus den Saiten herauszaubert, oder er steht auf und „traktiert“ diese mit beiden Händen und irgendwelchen Utensilien. Die Elektronik setzt er bei Random/Control – im Gegensatz zum Austrian Syndicate – nur sehr dezent ein.
Andreas Broger begeistert auf Tenor- und Sopransaxophon mit expressiven Soli – wenn nötig, entlockt er gerne auch beiden Instrumenten gleichzeitig mitreißende Tonkaskaden. Nicht weniger interessant sind seine musikalischen Exkurisonen auf Bassklarinette und Querflöte.
Johannes Bär – der gerne auch in Formationen mit dem ebenso außergewöhnlichen bayerischen Trompeter Matthias Schriefl zu ganz besonderer Form aufläuft – ist ein Multiinstrumentalist par excellence. Tuba und Sousaphone – gemeinhin als eher schwerfällig bekannt (außer man hat schon einmal Jon Sass, Dave Bargeron oder Michel Godard gesehen) – macht er zu leichtfüßigen Soloinstrumenten. Trompete und Flügelhorn entlockt er mit großem Einfühlungsvermögen und geschicktem Dämpfereinsatz wundervoll Melancholisches, oder er lässt sie in feurigen Höhen lodern. Und wenn’s der Soundvielfalt dient, spielt er sie halt auch mal ohne Mundstück, oder er steuert eine exotische Note auf dem rechteckigen Travel Didgeridoo bei. Oft spielt Bär die Blasinstrumente nur mit der rechten Hand, weil er parallel dazu mit der linken auf einem minimalistischen Drumset rhythmische Akzente setzt. Und wer verzweifelt irgendwo nach einem versteckten Drum-Computer Ausschau hält, landet ebenso sicher bei Bär, der als Human Beatbox für den perfekten Groove sorgt.
Von besonderer Bedeutung – und das trifft auf alle drei Musiker zu – ist allerdings der Umstand, dass solche Extravaganzen immer der Musik dienen, und nicht zum zirkusmäßigen Selbstzweck, zur inhaltlosen Show verkommen. Und ebenso allen gemeinsam ist ein feines Gespür für musikalischen Humor.
Breitgestreutes Programm
David Helbock’s Random Control haben in den fünfzehn Jahren drei hervorragende Alben veröffentlicht – die ersten beiden beim Berliner Label Traumton, das aktuelle beim Münchner Label ACT. Auf allen finden sich zahlreiche Eigenkompositionen des Pianisten, aber auch außergewöhnlich einfallsreiche Interpretationen von Titeln aus den Federn von ihm besonders geschätzter Musiker wie Hermeto Pascoal, Thelonious Monk, Herbie Hancock oder Miles Davis. Die Fremdkompositionen beim Jubiläums-Konzert im Vorarlberg Museum stammten vorwiegend vom 2018 erschienen Album „Tour d’horizon“. So wurde der Abend mit einer elektrisierenden Fassung von Joe Zawinuls „Merci Merci Merci“ eröffnet, Duke Ellingtons „In A Sentimental Mood“ verzauberte als ausdrucksstarke Ballade, und auch Keith Jarretts „My Song“ deckt ein außergewöhnlich breites Spektrum an Emotionen ab. 2012 hatte David Helbock dem Superstar Prince sein exzellentes Solo-Album „Purple“ gewidmet, auf dem sich auch „1999“ befindet, das er nun auch äußerst abwechslungsreich für Random/Control arrangiert hat. Spanisches Flair gab’s zum Abschluss mit einer faszinierenden Kombination aus dem Adagio aus Joaquín Rodrigos „Concierto De Aranjuez“ und einer unglaublich rasanten Version von Chick Coreas „Spain“. Bei all diesen Bearbeitungen darf man nicht an Cover-Versionen im klassischen Sinn denken, denn die Arrangements sind dermaßen einfallsreich gestaltet, dass man eher von Re-Kompositionen sprechen kann. Einen ganz besonderen Höhepunkt lieferte David Helbock mit seiner solo dargebotenen, atemberaubenden Interpretation von J.S. Bachs „Goldberg Variationen“. Gigantisch!
Unter David Helbocks Eigenkompositionen fielen besonders auch die von Andreas Broger und Johannes Bär gesungenen Lyrik-Vertonungen auf. Aus der Feder des englischen Dichters und Naturmystikers William Blake stammen „Infant Sorrow“ und „Infant Joy“ – ersteres steigert sich vom Romantisch-Expressiven ins Dramatische, letzteres ist jubilierend in Szene gesetzt. Beide Male ganz großes Gehör-Kino! Nicht weniger imposant geriet auch die Vertonung von Emily Dickinsons „Tell all the truth but tell it slant”.
Das Jubiläumskonzert bot einen Abend voller Höhepunkte, der das Publikum immer wieder zu Begeisterungsstürmen veranlasste. Kaum zu glauben, dass dieses Trio vor 15 Jahren eigentlich gar nicht so geplant oder musikalisch konzipiert, sondern ein Zufallsprodukt war, wie Manfred Welte, der für Kommunikation und Veranstaltungen Verantwortliche beim Vorarlberg Museum, bei seiner kurzen Begrüßung und Einleitung ins Konzert verriet. Denn Helbock und Bär hatten damals schon ein Duo, mit dem sie sich beim renommierten Jazz-Festival Burghausen bewarben. Dort erfuhren sie, dass man prinzipiell keine Duos engagiere, sondern nur Formationen vom Trio aufwärts. Also holten sie umgehend Andreas Broger an Bord, womit die Geburtsstunde von David Helbock’s Random/Control geschlagen hatte. Welch ein Glück! Und, ach ja: „Happy Birthday!“
Nächstes Jazz-Konzert im Vorarlberg Museum:
Do, 7.12.23, 20 Uhr, Deer Shiba: Music for Astronauts
Andreas Broger (Gesang, Sax)
Bernhard Geigl (Keyboards)
Michael Wedenig (Electronics, Gitarre)
www.vorarlbergmuseum.at