Marie Spaemann am Violoncello und Christian Bakanic am Akkordeon führten klangsinnliche und ausdrucksstarke musikalische Dialoge miteinander. (Foto: Stefan Hauer)
Silvia Thurner · 08. Okt 2023 · Musik

Das Ensemble Plus geht attraktive Verbindungen ein

Die Musiker:innen stellten ihre Vielseitigkeit beeindruckend unter Beweis

Das Ensemble Plus gewinnt immer mehr an Profil und schafft sich seine eigene Klangwelt. Ein starkes Zeichen setzten die Musiker:innen rund um den Bratschisten Guy Speyers im dritten Konzert der Reihe Sul Palco in der Fabrik Klarenbrunn. Unter der Leitung von Thomas Gertner erklangen Kompositionen von Luciano Berio, Dietmar Kirchner und Massimiliano Viel. Der große Raum bot ideale Voraussetzungen für die mit mannigfaltigen Electronics ergänzten und unterstützten Ensembleklänge. So war Musik auf der Höhe unserer Zeit mit herausragenden Musiker:innen in inspirierender Atmosphäre zu erleben.

Die Verbindung von traditionell notierter Musik und Electronics öffnet der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts faszinierend weite Felder. Doch es bedarf eines besonderen Interesses und Verständnisses von Seiten der Musiker:innen, sich dieser Musik zu nähern und mit ihr auseinanderzusetzen. Guy Speyers und die Musiker:innen des Ensemble Plus gehen einen aufgeschlossenen und guten Weg. Sie legten sich das Equipment zu und setzen sich mit den besonderen Herausforderungen auseinander, die die Verbindung von live gespielten Klängen mit elektronisch hinzugefügten, verstärkten bzw. transformierten Sounds mit sich bringen.
Selbstverständlich spielt für das musikalische Erleben auch der Raum eine wesentliche Rolle. In dieser Hinsicht bietet die Fabrik Klarenbrunn in Bludenz hervorragende Voraussetzungen für den Raumklang und das räumliche Klangerleben.
Das dritte Sul Palco Konzert der Saison eröffnete Roché Jenny mit einem Klassiker der Moderne. „Sequenza X“ von Luciano Berio ist für Trompete solo komponiert, als Resonanzinstrument dient ein dezent mikrofoniertes Klavier. Virtuos setzte Roché Jenny mannigfaltige Spieltechniken an der Trompete in Szene, fädelte mit bewundernswerter Kondition schnellstmögliche Tonrepetitionen auf, veränderte nuanciert die Klangfarben und steckte den Tonraum von Pedaltönen bis in die dreigestrichene Oktave ab. Die in den Korpus des Klaviers (Martin Gallez) gespielten Töne wurden dezent verstärkt und bildeten einen Klangeppich aus, dessen Obertöne sich im Raum beziehungsreich und differenziert ausbreiteten.

Unterschiedliche Hörperspektiven schaffen

Der in Hohenems lebende Kontrabassist und Komponist Dietmar Kirchner beschäftigt sich seit einiger Zeit mit der spektralen Musik. In seinem Werkzyklus „Gegenradl“ setzte er Texte von Virginia Woolf und Hans Arp zueinander in Beziehung, transformierte und veränderte diese auch mittels Electronics und schuf dafür unterschiedliche musikalische Umgebungsszenarien. Mit der Mezzosopranistin Michaela Schausberger, die kürzlich auch beim Feldkircher Schallwende-Festival Werke von Dietmar Kirchner präsentierte, hat der Komponist eine hervorragende Interpretin an seiner Seite. Sie, das Ensemble Plus unter der Leitung von Thomas Gertner sowie der Komponist an den Reglern stellten das Werk „Orlando“ erstmals vor.
Gut nachvollziehbar und facettenreich artikuliert gestaltete Michaela Schausberger den Vokalpart. Sie rezitierte die Texte und zergliederte sie in Silben. Im Zusammenspiel mit den elektronisch ‚begleiteten‘ Passagen führte die Sängerin ihre Stimme instrumental und öffnete dabei auch emotionale Abgründe. Über sechs Lautsprecher rotierende Partialklänge nahmen dabei die Zuhörenden in die Mitte. Die Ensemblemusiker:innen agierten aufmerksam und unterstützten die unterschiedlichen Ausdrucksgehalte hervorragend. Auf diese Weise entwickelte sich ein spannendes, teilweise auch skulptural wirkendes Klanggebilde, das auch durch die zugrundeliegenden Texte zum Weiterdenken anregte.
Das Ensemble Plus machte zudem eine Begegnung mit dem profilierten italienischen Komponisten und Klangkünstler Massimiliano Viel möglich. Mit „Pulsars in M5“ aus dem Jahr 2008 schuf er eine vielschichtige Komposition, in der eine einzeln platzierte Trompete mit einem Ensemblekollektiv Pulsationen und Rotationen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten in dichten Klanggebilden ausformte. Obwohl die elektronische Verstärkung mitunter Ungleichgewichte zwischen den Streicher- und den Bläserklängen zuließ, entfaltete die Musik eine mitreißende Wirkung.

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