„Antigone" in einer Bearbeitung von Michael Köhlmeier derzeit im Theater Kosmos in Bregenz zu sehen.(Foto: Jan Friese)
Karlheinz Pichler · 24. Nov 2023 · Aktuell

Die Schwere und das Leichte von Verhältnissen

Kunsthaus Bregenz stellt das Programm 2024 vor

Das Kunsthaus Bregenz (KUB) will im kommenden Jahr laut Direktor Thomas D. Trummer „künstlerische Positionen zum Menschen, seinem Verhältnis zum Körper und zur zunehmend gespaltenen Gesellschaft“ in den Vordergrund rücken. Dies anhand der Positionen von Günter Brus, Anne Imhof, Tarek Atoui und Precious Okoyomon. Neben diesen vier Ausstellungen ist auch die Uraufführung der Oper „Hold your breath“ der belgisch-irischen Komponistin Éna Brennan, die im Rahmen des Opernateliers in Zusammenarbeit mit den Bregenzer Festspielen entwickelt wurde, als Highlight angesagt.

Die aktuelle Ausstellung der brasilianischen Künstlerin Solange Pessoa läuft noch bis 4. Februar. Danach startet das neue Programm quasi mit einem österreichischen Auftaktknaller, nämlich einer Werkschau des 1938 in der Steiermark geborenen österreichischen Aktionskünstlers, Zeichners und Schriftstellers Günter Brus (17.2. – 20.5.24). Brus zählt zu den radikalsten Vertretern des Wiener Aktionismus. 1970 wurde er wegen „Herabwürdigung der österreichischen Staatssymbole“ zu sechs Monaten verschärften Arrests verurteilt, weil er auf dem Katheder im Audimax der Universität Wien gestanden und auf diesen, während er die österreichischen Bundeshymne sang, uriniert und defäkiert hat. Weithin bekannt wurde auch sein „Wiener Spaziergang“ 1965 auf dem Wiener Heldenplatz. Er war damals weiß bekleidet und vollständig mit weißer Dispersionsfarbe übermalt. Über seine Körpermitte verlief von Kopf bis Fuß eine durchgehend schwarze Linie. Als lebendes Mahnmal, als Untoter protestierte Brus auf diese Art künstlerisch gegen das autoritäte Klima der Zeit und gegen das Establishment.
Brus gilt aber auch als brillianter Zeichner und Autor. Im KUB sollen gemäß Trummer ältere Arbeiten neuen Werken gegenübergestellt werden, darunter auch bisher noch nicht gezeigte Werke aus der Pandemiezeit. Der KUB-Chef will die Brus-Personale aber nicht als Retrospektive gewertet wissen, denn anders als andere Häuser sei man kein Museum. Vielmehr verstehe er den Zumthor-Bau als „Resonanzraum für verschiedene künstlerische Wellenlängen“.

 

Die Spaltung des KUB

Die Sommerausstellung ist der Frankfurter Künstlerin Anne Imhof gewidmet (8.6. – 1.9.24). An der 57. Biennale in Venedig gestaltete sie 2017 den deutschen Pavillon und wurde für ihren Beitrag „Faust“ mit dem „Goldenen Löwen“ ausgezeichnet. Imhof ist eigentlich eine vielfach ausgezeichnete Performance-Künstlerin. Davon werde im KUB allerdings nicht viel zu sehen sein, denn hier werde sie sich auf Malerei und Skulptur fokussieren und sich vor allem mit der Architektur auseinandersetzen, so Trummer. Imhof habe die Idee, zwei Zonen im KUB zu entwickeln und es sei damit zu rechnen, dass die Künstlerin das KUB „in irgendeiner Form spalten“ werde. Sie werde ein Werk zeigen, dass Barrikade und Tribüne gleichzeitig sei, eine Art Paradoxon.

Erforschung des Klanges

Der Erforschung von elektroakustischen Klang- und Tonwelten durch den libanesisch-französischen Soundartisten Tarek Atoui nimmt sich die Herbstausstellung an (14.9. – 3.11.24). Atoui ist in Bregenz kein Unbekannter. 2017 war er in das 20-Jahr-Jubiläum des KUB eingebunden und 2018 partizipierte er an der Projektreihe „Talks on Music and the Arts“. Bei seinem neuerlichen Gastspiel will er auch das Publikum partizipativ zum Mitmachen und Experimentieren auffordern. Im Vorschautext dazu heißt es: „Tarek Atoui erforscht die Musikgeschichte, akustische Schwingungen sowie das Zusammenspiel von Körper und Klang. Sein besonderes Interesse gilt der Entwicklung einer neuen Instrumentierung. Er konstruiert neuartige Klangkörper, Instrumente und Hörbehelfe. Dabei entstehen originelle Systeme, die sich weiterentwickeln: Sie lernen vom Raum, in dem sie erklingen, und von den Händen, die sie bedienen.“
Abgeschlossen wird das Programmjahr 2024 mit der 1993 in London geborenen, nigerianisch-amerikanischen Künstlerin und Lyrikerin Precious Okoyomon (16.11.24 – 19.1.25). Die heute in Brooklyn (New York) lebende und arbeitende Okoyomon sorgte bei der letztjährigen Biennale in Venedig mit ihren mit der invasiven Schlingpflanze Kudzu besetzten organischen Skulpturen für großes Aufsehen. Wie Trummer bei der Programmpräsentation betonte, drehen sich die Arbeiten der erst dreißigjährigen Künstlerin um Migration, Ausbeutung und Sklaverei sowie die Suche nach Glück.

 

Hold Your Breath

Über diese Ausstellungen hinaus darf man 2024 zudem mit Spannung der Premiere der Uraufführung der Oper „Hold Your Breath“ am 15. August entgegenblicken. Im Rahmen einer Kooperation der Bregenzer Festspiele und des KUB entwickelten die belgisch-irische Komponistin Éna Brennan, der portugiesische Künstler Hugo Canoilas (Raum, Kostüme) und der britische Regisseur und Librettist David Pountney (Libretto, Inszenierung) über den Zeitraum von drei Jahren hinweg gemeinsam diese Oper. Bei den Veranstaltungen des Opernateliers soll das Publikum zudem einen exklusiven Einblick in den Entstehungsprozess der Oper erhalten, der sonst hinter verschlossenen Türen stattfindet.

Cloud Castle

Mit „Cloud Castle“ soll im nächsten Jahr auch der Startschuss für ein Gemeinschaftsprojekt des KUB mit dem Kunstmuseum St. Gallen und dem Kunstmuseum Liechtenstein fallen. Die drei Häuser vergeben gemäß Mitteilung ein gemeinsam finanziertes Auftragswerk an eine Künstlerin oder einen Künstler. Ziel sei ein digital konzipiertes länderübergreifendes Projekt, das die Rheintalregion und die gemeinsame Kompetenz für zeitgenössische Kunst ins Blickfeld rücken soll.

Besuchermäßig auf Rekordkurs

Im Rückblick auf das zu Ende gehende Jahr zieht der KUB-Chef ein positives Fazit. Man sei, was die Besucher:innenzahlen angehe, zurück auf vorpandemischem Niveau, so Trummer. Erfolgreichste Schau war 2023 demnach Michael Armitages Ausstellung mit rund 26.500 Besucher:innen, gefolgt von der Werkschau von Anna Boghiguian mit 13.472 Besucher:innen (wovon 8.001 allerdings dem Jahr 2021 zuzuschreiben sind, da die Ausstellung ja jahresübergreifend war). Insgesamt erwartet das KUB nun erstmals 60.000 Gäste, was „ein toller Rekord" sei, so Trummer. Auch beim Online-Angebot verzeichne man auf den verschiedenen Kanälen Steigerungen, bis Jahresende werde man so rund 200.000 Menschen erreicht haben.
Was das Budget anbelangt, so finanziert sich das KUB großteils aus einem Landesbeitrag, der 2023 rund 2,86 Mio. Euro betrug, im neuen Jahr jedoch auf 3,25 Millionen Euro erhöht werden soll. Dazu kamen noch 36.500 Euro an Ankaufsförderungen des Bundes sowie Eigeneinnahmen in Höhe von 800.000 Euro.

https://www.kunsthaus-bregenz.at/