Neu in den Vorarlberger Kinos: „Gaza mon amour" (Foto: Panda Film / Alamode Filmverleih)
Bettina Barnay · 24. Nov 2023 · Literatur

Ida Butterblum und Hilda

Zwei Neuerscheinungen von Irmgard Kramer

Schon das Cover dieses Kinder- und Jugendbuches „Ida Butterblum und die Tür nach Anderswo“ ist so, dass man das Buch gerne zur Hand nimmt, liest und auch verschenkt. Florentine Prechtel, die eigentlich Betina Gotzen-Beek heißt, hat es gestaltet, und nicht nur das, sie hat die ganze fantastische Geschichte, die sich Irmgard Kramer ausgedacht hat, illustriert. Liebevoll und detailreich, also genau so, wie Irmgard Kramer schreibt.

Ein Mädchen, wie Irmgard Kramer eines war?

Man könnte es sich leicht vorstellen: der dunkle Wuschelkopf, die fast unbezähmbare Neugierde, das Kreative, der liebevolle Umgang mit den Menschen um sie herum, all diese Eigenschaften, die Ida Butterblum auszeichnen, hat auch deren Schöpferin. Und dann wäre da noch das Thema Tischlerei. Bei „Holzwerk, Töchter & Compagnie“ arbeitet ein Großteil jener Personen, die in Ida Butterblums Leben eine wesentliche Rolle spielen. Mit einer Ausnahme, dem Buben mit den blauen Haaren, der sich Storm nennt, aber nicht so heißt. Auch in Irmgard Kramers Leben hat es eine Tischlerei gegeben: die Werkstatt ihres Großvaters. Die musste der Stadtstraße in Dornbirn weichen, auch den Vierkanthof aus dem Buch gab es, heute ist nur noch die Hälfte von ihm übriggeblieben. Der Nussbaum steht noch, in Irmgard Kramers Buch ist er ganz wichtig für Ida Butterblum, dieser Baum und eine Krähe und …

Der Junge mit den blauen Haaren

Der taucht, auf abenteuerliche Weise, in Idas Leben auf. Kommt durch eine Türe, die sie erst kurz zuvor entdeckt hat, in dem Haus, in dem sie seit ihrer Geburt lebt. Er nennt sich Storm, versteckt sich vor seinen Eltern, und nicht nur vor denen, im Haus der Tischlerei „Holzwerk, Töchter & Compagnie“. Da möchte man eigentlich auch gerne leben. Die Menschen dort sind alle sehr lieb miteinander, kochen und essen zusammen, kümmern sich umeinander. Idas Mutter ist schon lange gestorben, alleinerziehend ist ihr Vater Leonhard aber wahrlich nicht, da gibt’s auch noch die Tanten Jasmin und Xenia, den Küchenplaner Herr Spiegel, den 89-jährigen Modellbaumeister Peregrinius Wunderbaldinger, den blassen Lackierer Alexander und Sieben-Finger-Herbert, den Tischlergesellen, bei dem man sich gut vorstellen kann (dies aber lieber nicht tun möchte) wie er zu seinem Namen kam. Und natürlich Holly, die Krähe. „Heilige Holly“ ächzt Ida immer dann, wenn sie sehr überrascht ist, und das ist sie oft. Etwa dann, wenn sie zum ersten Mal den Lastenaufzug im Haus zwischen den Geschossen stoppt. Mit klopfendem Herzen, denn den Knopf, auf dem VK steht, kann sie drücken so viel sie will, der Lift bleibt da nicht stehen, außer Ida drückt auf den Stopp-Knopf. Und das tut sie und betritt Räume, die sie noch nie gesehen hat.

Metapher für Erinnerungen

Ida spricht mit ihrem Vater nicht über ihre Mama, denn das macht ihn traurig und sie auch, also lässt sie es bleiben. In den neuen Räumen, die sie erkundet, findet sie Erinnerungen an ihre Mutter. Es gibt nicht nur Zimmer in Häusern, es gibt sie auch in unseren Gedanken. Manche öffnen wir ungern, denn hinter den Türen verbergen sich Ereignisse, die wir lieber vergessen würden. So geht es eben auch Ida und ihrem Vater. Gut, dass es in solchen Momenten Grießschnitten mit heißen Himbeeren und Pizza gibt. Trostessen quasi. Das hilft für den Moment und letztlich und nachhaltig dann auch die Konfrontation mit den Erinnerungen. Ohne den Jungen mit den blauen Haaren hätte sich Ida dieser Herausforderung nicht gestellt. Wer er ist, was für ein Geheimnis er verbirgt, wird hier natürlich nicht verraten.

Die Frau mit dem guten Gespür

Irmgard Kramer schreibt so, dass man den Eindruck gewinnt, sie würde sich – egal wo sie arbeitet, in der Nationalbibliothek, im Kaffeehaus oder zuhause – so dermaßen in ihre Geschichte hineinleben, dass sie mitzuspielen scheint. So geht es auch empathischen Leser:innen; man riecht den Holzlack, die Sägespäne, die heißen Himbeeren, das Muffige in den lange nicht betretenen Räumen. Ida Butterblum wächst über sich hinaus und entdeckt Wesentliches für ihre Entwicklung und ihr Sein. Erhobene Zeigefinger sucht man in diesem Buch vergebens, das ist auch gut so. Ida schwindelt, findet Ausreden, so wie (fast) alle Kinder, stellt sich aber den Herausforderungen und wächst einem von Seite zu Seite mehr ans Herz. Das Buch macht Kindern Mut und hebt sich wohltuend ab von anderen Fantasy-Geschichten, denn es ist ein liebevolles Buch. Fantasie ist eben etwas anderes als Fantasy. Und die Realität übertrifft die Fantasie manchmal, leider.

Hilda. Meine Großmutter, der Nationalsozialismus und ich

In genau dem Haus, in dem Ida Butterblums Geschichte spielt, hat Irmgard Kramers Großmutter Hilda gelebt. Sie war, erinnert sich die Autorin, gehörlos und wurde eigentlich von niemandem ernstgenommen. Irmgard Kramer war überzeugt davon, dass ihre Dornbirner Tischler-Großeltern nichts mit den „Nazis am Hut“ gehabt hätten. Dass dem nicht so war, erschloss sich ihr durch einen Auftrag des Stadtmuseums Dornbirn: Sie soll über Opfer und Täter im Nationalsozialismus schreiben. Welche Rolle ihre Großeltern in dieser Zeit spielten, muss Irmgard Kramer auf ihrer Spurensuche entdecken.

Hugo Lunardon, Otto Wohlgenannt, August Weiß, Hans Elkan

Das sind nur einige der Dornbirner Opfer. Die meisten Geschichten, die Irmgard Kramer aufarbeitet, sind bekannt, sollen aber immer wieder erzählt werden: Etwa jene von Otto Wohlgenannt, der in einem Dornbirner Wirtshaus Folgendes äußerte: „Jetzt kann man bald ,Heil Moskau‘ sagen, es wird ein Krieg kommen, wie ihn die Welt noch nie gesehen hat. Wenn England richtig beginnt, ist Deutschland bald erledigt.“ Er wurde denunziert, nach Flossenbürg deportiert und am 10. April 1942 hingerichtet. Informationen bekommt sie vom Stadtmuseum und aus den Schriften all jener Historiker:innen, die sich mit diesem Thema schon beschäftigt haben. Aber auch ihr Vater steht ihr zur Seite, als Zeitzeuge kann er viele ihrer Fragen beantworten und tut das auch. Was Irmgard Kramer besonders erschüttert, ist die Tatsache, dass in Dornbirn Opfer und Täter in unmittelbarer Nachbarschaft gelebt hatten. Ja, sagt sie, das war auch in anderen Städten so, aber in Dornbirn speziell. Das Buch „Hilda“, das – und darauf legt die Autorin wert – nicht als wissenschaftliche Arbeit gesehen werden soll, erscheint im Falter Verlag und wird am 29. November in der Dornbirner Stadtbibliothek präsentiert.

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR November 2023.

Irmgard Kramer: Ida Butterblum und die Tür nach Anderswo, ab 9 J. Arena Verlag, Würzburg 2023, 280 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-401-60616-3, 16 €

Irmgard Kramer: Hilda – Meine Großmutter, der Nationalsozialismus und ich. Erbschaft einer Stadt. Schriften des Stadtmuseums Dornbirn Band 1, Falter Verlag, Wien 2023, 128 Seiten, Taschenbuch, ISBN  978-3-854-39734-2, € 18, erscheint am 1.11.23

Buchpräsentation und Lesung: 29.11., 19 Uhr,
Stadtbibliothek, Dornbirn
www.stadtmuseum.dornbirn.at
www.irmgardkramer.at