Die Macht des Schicksals
Premiere bei den Bregenzer Festspielen: „Œdipe“ von George Enescu
Besser geht es nicht. Nach langer Vorbereitung, unzähligen Portraits, Interviews und Vorberichten war es am Mittwochabend soweit. Lilli Paasikivi, die neue Festspielintendantin, präsentierte mit „Œdipe“ ihre erste Produktion. Und landete auf Anhieb einen Volltreffer. Die Oper im Festspielhaus 2025 wurde zu einem überwältigenden Musiktheaterabend.
Über 20 Jahre lang hat George Enescu an seiner einzigen Oper „Œdipe“ gearbeitet. Das künstlerische Ringen des Komponisten um dieses Werk findet in der Produktion der Bregenzer Festspiele durch beeindruckende Bilder und großartige musikalische Leistungen eine würdige Entsprechung. Dabei ist „Œdipe“ keineswegs leichte Kost, hat durchaus Längen und funktioniert nur als Gesamtpaket aus Musik, Bühnenbild, Regie und Licht. Lilli Paasikivi hat diese Zutaten perfekt kombiniert und damit dem Publikum ein Musiktheatererlebnis von seltener Intensität beschert.
Die vielbeschworene „Bregenzer Dramaturgie“, mit populären Opern auf dem See und vergessenen Meisterwerken in aufwendiger Umsetzung im Festspielhaus, hatte ihren Höhepunkt in der Ära ihres Erfinders Alfred Wopmann. „Fedora“, „Der Dämon“, „L’Amore dei tre re“, „Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch“ oder „Of Mice and Men“ waren die Titel einiger dieser bemerkenswerten Ausgrabungen. Viele starke Bilder bleiben bis heute im Gedächtnis, der riesige runde Tisch aus „Le Roi Arthus“ etwa, der zum Finale aufgestellt wird und in dem die blutigen Messer von Arthus‘ Tafelrunde stecken.
Unter Wopmanns Nachfolger:innen David Pountney und Elisabeth Sobotka wurde dieses Konzept fortgeführt, allerdings nicht ganz so konsequent wie zuvor. Lilli Paasikivi hat angekündigt, sich bei der Oper im Haus vor allem auf das frühe 20. Jahrhundert zu konzentrieren und da gibt es ja wirklich viel zu entdecken.
Unerbittliches Schicksal
Passt „Œdipe“ nun in die Reihe dieser Bregenzer Dramaturgie? Und wie! Eine aufwendig umgesetzte, künstlerisch bedeutende Oper abseits des Mainstream ist neben der Seebühne das zweite Markenzeichen der Bregenzer Festspiele. Die Bedeutung dieses Werkes ist unbestritten, es gab in den letzten Jahrzehnten immer wieder Neuinszenierungen auch an großen Häusern wie der Wiener Staatsoper, bei den Salzburger Festspielen, dem Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel oder der Oper Frankfurt. „Œdipe“ bleibt dennoch eine Rarität und ist daher prädestiniert für eine Umsetzung im Rahmen eines großen Festivals mit entsprechendem finanziellen Hintergrund. Das Libretto wurde in französischer Sprache geschrieben und erzählt in vier Akten das Leben des Ödipus von seiner Geburt bis zum Tod. Die Kernbotschaft dieses jahrtausendalten Mythos, nämlich dass der Mensch seinem vorbestimmten Schicksal nicht entrinnen kann, erfüllt sich auf unerbittliche Weise.
George Enescus Musik wechselt zwischen hochdramatischen, intensiven Szenen und langen Passagen, in denen ein Parlando-Stil mit wenigen Höhepunkten die Handlung kommentiert. Umso mehr genießt das Publikum dann die dramatischen Zuspitzungen. Im ersten Akt sind das die Steigerungen der großen Tanzszene und der Auftritt des blinden Sehers Teiresias, im zweiten Akt die Ermordung des Laios und die packende Auseinandersetzung mit der Tochter des Schicksals, der furchterregenden Sphinx. Der dritte Akt ist der stärkste in Bezug auf Dramatik, Rhythmus, Steigerungen und packende Chorpassagen. Hier zeigt der Komponist seine musikdramatische Pranke. Es entwickelt sich eine ungeheure Spannung zwischen dem von der Pest zermürbten Volk und allen Personen, die den Grund für diese Strafe suchen und die Aufklärung vorantreiben. Mit der meisterhaften Verzahnung von Chor, Orchester und Solisten ist George Enescu hier ein absoluter Wurf gelungen, der beim Publikum spürbar einen starken Eindruck hinterlässt. Zwischen diesen Höhepunkten wird lange philosophiert über die Götter, warum Menschen sich ihren Unmut zugezogen haben und wie man ihren Zorn besänftigen könnte. Das wirkt manchmal etwas langatmig und bietet musikalisch zu wenig Abwechslung. Stets höchste Aufmerksamkeit verdient allerdings Enescus meisterhafte Instrumentation, trotz der Größe des Orchesters wird keine Sängerin und kein Sänger zugedeckt und niemand muss gegen ein zu massives Orchestertutti ankämpfen. Die Gesangspassagen werden meist kammermusikalisch begleitet, mit subtilen Klangfarben und sängerfreundlicher Dynamik.
Krönung einer Sängerkarriere
Musikalisch ist die Aufführung eine grandiose Leistung des gesamten Teams. Die Beschäftigung des Komponisten mit diesem Stoff über 20 Jahre, seinen unbedingten Willen, diesen Stoff zu vertonen, all das spürt man auch in der Umsetzung der Bregenzer Festspiele. Alle Mitwirkenden zeigen einen ähnlichen Willen, um dieses schwierige Werk adäquat auf die Bühne zu bringen. Sowohl musikalisch als auch szenisch ist ihnen das hervorragend gelungen, allen voran natürlich Paul Gay als Ödipus. Von Beginn des zweiten Aktes bis zum Ende der Oper steht er ununterbrochen auf der Bühne, er lebt seine Rolle und macht die zahlreichen inneren Konflikte dieser Figur glaubhaft. Mit seiner ausdrucksstarken Bassstimme bewältigt er die Schwierigkeiten der riesigen Partie in bewundernswerter Weise. Er selbst hat über diese Herausforderung gesagt: „Das ist die Krönung einer Bassbaritonkarriere. Für mich ist es der größte musikalische Moment meines Lebens. Es gibt kaum eine Rolle, die das übertreffen könnte.“ Es klingt fast unglaublich, aber Paul Gay ist erst kurz vor Probenbeginn für den ursprünglich vorgesehenen Dänen Johan Reuter eingesprungen. Gratulation an das Künstlerische Betriebsbüro, das so kurzfristig eine derart schwierige und unbekannte Rolle mit einem Sänger der Spitzenklasse besetzen konnte. Paul Gay hat „Œdipe“ zwar noch nie auf der Bühne aber bereits in einer konzertanten Version gesungen, als Franzose hat er natürlich keinerlei Probleme mit der Sprache. Paul Gays Darstellung des Ödipus ist stimmlich, musikalisch und darstellerisch eine absolut bewundernswerte Leistung.
Schlüsselrollen für Chor und Orchester
George Enescus Partitur enthält zwei weitere Hauptrollen, nämlich Chor und Orchester. Der Prager Philharmonische Chor, einstudiert von Lukáš Vasilek, beweist jedes Jahr aufs Neue seine hohe Qualität. Die Aufgaben sind heuer noch größer als in früheren Jahren, als Bewohner der Stadt Theben begleitet der Chor das Leben des Ödipus von der Geburt bis zum Tod. Staunend bewundert man Klangfülle, Intensität und Choreografie des Chores in seinen großen Szenen. Dass die Wiener Symphoniker ein Spitzenorchester sind, ist unbestritten. Man muss sie allerdings motivieren. Und das tut der finnische Dirigent Hannu Lintu. Er hat Bühne und Orchestergraben fest im Griff, bringt alle Farben dieser komplexen Partitur zum Leuchten und sorgt für optimale klangliche Balance. Unbedingt erwähnenswert sind die solistischen Leistungen innerhalb des Orchesters. George Enescu hat zahlreiche und unüblich lange Solopassagen für Flöte, Piccolo, Oboe, Fagott, Kontrafagott und die Solobratsche in seine Partitur integriert, alle symphonischen Solist:innen spielen durchgehend auf Weltklasseniveau.
Sämtliche Gesangsrollen sind hervorragend besetzt, alle Sängerinnen und Sänger überzeugen sowohl stimmlich als auch darstellerisch. Wer ein Faible hat für tiefe Männerstimmen, ist bei „Œdipe“ genau richtig. Neben Paul Gay in der Titelrolle begeistern auch seine fünf Bass- und Bassbaritonkollegen Ante Jerkunica (Teiresias), Tuomas Pursio (Kreon), Nika Guliashvili (Hohepriester), Nikita Ivasechko (Theseus) sowie Vazgen Gazaryan (Phorbas und Wächter).
Für klangliche Abwechslung sorgen die beiden Tenöre, der Vorarlberger Michael Heim als König Laios und Mihails Culpajevs aus Lettland als Hirte.
Fabelhaft auch alle Damen, allen voran Marina Prudenskaya als Mutter und Ehegattin Iokaste, Iris Candelaria als Antigone, Tone Kummervold als Mérope und – darstellerisch ganz stark – Anna Danik als Sphinx.
Unvergessliche Bilder
Die Bilder, die Regisseur Andreas Kriegenburg, Bühnenbildner Harald B. Thor, Kostümbildnerin Tanja Hofmann und Lichtdesigner Andreas Grüter am Mittwochabend auf die Bühne des Festspielhauses gezaubert haben, werden allen Anwesenden noch lange im Gedächtnis bleiben. Jeder Szene ist eine andere Farbe zugeordnet, durch raumfüllende Holzelemente und den virtuosen Einsatz der Drehbühne werden blitzschnell unterschiedlichste Schauplätze erschaffen. Genial umgesetzt wurde die Szene, in der Ödipus die Sphinx besiegt, jenes furchterregende Wesen, unter dem Theben zu leiden hat. Auch der Mord an König Laios im dichten Nebel, die bedrückende Stimmung der von der Pest heimgesuchten Stadt oder die versöhnliche Atmosphäre des vierten Aktes verbinden sich mit der Musik zu einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk.
Mythos versus Logik
Sich den Kopf über Logik in der Oper zu zerbrechen, ist müßig, diese beiden Themen haben noch nie zusammengepasst. Aber an diesem Abend geht es ja nicht nur um einen Opernstoff, vielmehr um einen mehr als zweitausend Jahre alten Mythos der Menschheitsgeschichte. Das Orakel von Delphi prophezeit Ödipus, dass er als Strafe für verschiedene Vergehen seines Vaters Laios, diesen ermorden und seine eigene Mutter zur Frau nehmen wird. Mit dieser Ankündigung nimmt das Unheil seinen Lauf und wird auch wie angekündigt umgesetzt. Ödipus tötet einen ihm fremden Mann im Affekt, es ist Laios. Als Belohnung für seinen Sieg über die Sphinx erhält er den Königsthron von Theben und die verwitwete Königin zur Frau. Es ist Iokaste, seine Mutter. Wäre es nicht ratsam gewesen, sich nach einer derartigen Prophezeiung an zwei einfache Vorgaben zu halten? Nämlich erstens sein Leben lang keinesfalls einen Menschen zu töten und zweitens eine Frau zu heiraten, die auf jeden Fall jünger ist als man selbst. Damit hätte man auf einen Schlag gleich mehrere Probleme gelöst. Aber dann gäbe es auch kein Drama von Sophokles, keine Literatur, die sich mit diesem Stoff auseinandersetzt und auch keine Oper „Œdipe“ bei den Bregenzer Festspielen 2025. Was ausgesprochen schade wäre.
weitere Vorstellungen:
20.7., 11 Uhr sowie 28.7., 19.30 Uhr
Festspielhaus, Bregenz
https://bregenzerfestspiele.com/de/musiktheater/oedipe