Lukas Oscar beim Poolbar Festival (Foto: Daniel Furxer)
Martina Pfeifer Steiner · 17. Jul 2025 · Ausstellung

Die Dämonen reißen mich auseinander

Im Kunstmuseum Liechtenstein begibt sich Henrik Olesen in Dialog mit Isidore Isou und zeigt dazu auch seine Organ Paintings und skulpturalen Boxen.

Das Format „Im Kontext der Sammlung“ will neue Perspektiven eröffnen und gleichzeitig die traditionellen Erzählungen eines Museums in Frage stellen. Diesmal wurde der in Berlin lebende dänische Künstler Henrik Olesen eingeladen, und er wählte für seinen Dialog Isidore Isou aus. Betroffen von der Biografie des Rumänen und wichtigen Vertreter des Lettrismus, bezieht sich auch der Ausstellungstitel auf Isous pseudo-erotische Erzählung „Les Démons me déchirent!“.

Henrik Olesen nimmt den zur Verfügung stehenden Kunstlichtsaal (vielleicht wörtlich?) als Kunst-saal, licht und leer, gibt den vier Wänden damit starke Ausdruckskraft. Streng strukturiert – und in der Hängung akzentuiert – sind auf einer Wand die referenzierten Gemälde aus der Sammlung des Kunstmuseums Liechtenstein, in der Folge die direkten Antworten darauf, und auf den zwei weiteren Flächen eine Aufladung mit seinen Werkzyklen der „Organ Paintings“ und der „Boxen“.
Isidore Isou (geboren 1925, gestorben 2007 in Paris) inszenierte sich gerne als Allroundgenie, war Autor, Philosoph und Künstler. Er gilt als Begründer der Lettrismus­-Bewegung, die Buchstaben als grundlegendes, unverfälschtes und kleinstes Element des Sprachlichen in den Fokus stellte. „Beharrlich zeigte er auf, dass Sprache, Kategorien und Kultur nicht in starre Raster eingebettet sind, sondern auf veränderbaren Prozessen beruhen“, erläutert die scheidende Direktorin und Kuratorin dieser Ausstellung Letizia Ragaglia. Auch Henrik Olesen strebe eine Kultur der Zwischenräume an, in der es Raum für Verletzlichkeit und die Veränderung der Wahrnehmung von Identität, Körper und Sexualität gibt.

Im Dialog

Die Ausstellung ist voller Verweise und Anspielungen auf Isou und die Lettristen mit ihren zentralen Motiven – insbesondere Sprache und Stimme. So tauchen vor allem in Olesens neuen (zehn) Werken wiederholt Sprechblasen und Zungen auf sowie Formate und Farbwahl lettristischer Werke. Flächen werden abgekratzt und aufs Neue bemalt, es ergeben sich in mehreren Farbschichten organische, plastische Formen, mitunter sind die Bilder mit handgeschriebenen Texten auf Klebeband versehen. Seine „Organ Paintings“ wurden ursprünglich von einem Bild von Jean Fautrier – „L’Homme ouvert (L’Autopsie)“, ca. 1928/29 – inspiriert und auf dem Bild von Olesen „Mental intestine“, das sich in der Sammlung des Kunstmuseum Liechtenstein befindet, sind deutlich die zitierten Darmwindungen zu erkennen. Eine dazugehörende orange besprühte Mehrfachsteckdose gibt Raum für Interpretation.
Neu angekauft ist die Box „Paul Thek 1965“ aus der Werkreihe von Schaukästen, die seit 2018 ständig erweitert wird. Diese Wandskulptur sei eine Hommage an den gleichnamigen Künstler und reflektiere Themen wie Körperlichkeit, Begehren, Unordnung und Verfall. „Paul Thek hatte 1965 Warhols Brillo Boxes (1964) aufgegriffen, platzierte jedoch im Inneren ein hyperrealistisches, skulpturales Stück Fleisch mit Gewebeschichten, Knochen, Fett und weinrotem Blut. Im Gegensatz zu Warhol, der die (leere) Box als Symbol der Konsumkultur ausstellte, wollte Thek der ‚Oberflächlichkeit‘ von Pop Art etwas Emotionales entgegensetzen. Olesen ‚füttert‘ die Box in seiner Version mit Fotos aus dem Internet von rohem Metzgerfleisch und brennendem Abfall“, ist nachzulesen, es könnte sich auch um die Darstellung eines mentalen Verdauungsprozesses handeln, bei dem die Box selbst zum Organ wird. Dass sich Henrik Olesen die Kunstwerke „einverleibt“, bevor sie zum Ausgangspunkt seiner künstlerischen Arbeit werden, ist Programm.

Henrik Olesen und Isidore Isou: Demons Are Tearing Me Apart”
bis 18.1.2026
Di bis So 10 – 17 Uhr, Do 10 – 20 Uhr
Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz
www.kunstmuseum.li