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Peter Füssl · 08. Feb 2023 · CD-Tipp

Dhafer Youssef: Streets of Minarets

Der aus Tunesien stammende Dhafer Youssef verfügt über eine unter die Haut gehende Stimme, die man durchaus als Naturgewalt bezeichnen kann, und ebenso über eine höchst einfallsreiche Fingerfertigkeit auf der Oud.

Nachdem es ihm in seiner Heimat zu eng geworden war, ließ er sich in den 1990er Jahren in Wien nieder, wo er unter ärmlichsten Verhältnissen lebte, aber auch beherzt an seiner musikalischen Karriere bastelte und schnell Anschluss an die österreichische und europäische Jazz-Szene fand, was er später von Paris aus weiter forcierte. In seinen Kompositionen verbindet Dhafer Youssef nicht nur Orient und Okzident in einer außergewöhnlichen musikalischen Offenheit, die zu atemberaubenden Kooperationen mit norwegischen Nu-Jazzern ebenso führte, wie mit traditionellen indischen Musikern oder europäischen und amerikanischen Jazz-Musikern. Der musikalische Output beinhaltet bislang acht hervorragende Alben, die für den ehemaligen, an der Sufi-Tradition geformten Koran-Schüler immer auch auf einer spirituellen Ebene zufriedenstellend sein mussten. Und genau daran wäre beinahe eines seiner aufsehenerregendsten Projekte gescheitert. Denn er ließ Aufnahmen, die er 2017 mit einem fabelhaften Line-up – Pianist/Keyboarder Herbie Hancock, Kontrabassist Dave Holland, E-Bassist Marcus Miller, Drummer Vinnie Colaiuta, Gitarrist Nguyên Lê, Trompeter Ambrose Akinmusire, Flötist Rakesh Chaurasia und Perkussionist Adriano Dos Santos Tenorio – in den Sunset Sound Studios in Los Angeles eingespielt hatte, jahrelang liegen, weil er deprimiert feststellen musste, dass die Musik keine „Seele“ hatte. Obwohl er mittlerweile andere Alben herausbrachte, quälte ihn dieser Gedanke in zunehmendem Maße bis hin zu einer existenziellen Krise. Aber erst nach einer Zwangspause, die durch die Pandemie, aber auch durch eine gefährliche Erkrankung an den Stimmbändern bedingt war, fand er schließlich die Kraft, diese Musiktitel nochmals grundlegend neu zu komponieren und zu arrangieren und ihnen endlich jene „Seele“ zu geben, die er so sehr vermisst hatte. Steven Argülles und Nguyên Lê besorgten dann anhand des Ausgangsmaterials im Big Rock Studio in Lyon die aufwendige Post-Production – die ganze Geschichte ist in den sehr offenherzigen Liner-Notes von Dhafer Youssef nachzulesen.

Herausgekommen ist schließlich ein vielschichtiges, in sich sehr stimmiges Album mit zahlreichen Höhepunkten. Das Titelstück startet mit einem atmosphärisch schwebenden Mix aus Dhafer Youssefs Stimme in Kombination mit Electronics, der unversehens in einen mitreißenden, geerdeten Oriental-Groove umschlägt. „Bal d’âme“ ist ein wundervoller Dialog zwischen Hancocks Piano und der Oud. Die zweiteilige „SharQ“-Suite startet mit einer langsamen Serenade, die von Akinmusires exzessiven Trompetentönen dominiert wird, während im zweiten Teil die ganze Band einen ordentlichen Drive entwickelt. Darauf folgt die dreiteilige „Flying Dervish Omar Khayyam-Suite“, eine Hommage an den persischen Universalgelehrten und Dichter aus dem 11. Jahrhundert. Im nachdenklichen Intro kann sich die spirituell aufgeladene Vokalartistik Dhafer Youssefs in ihrer vollen Pracht entfalten, im Outro ist es dann sein Spiel auf der Oud, dazwischen liegt der von Dave Hollands Bass vorangetriebene funky Mittelteil mit langgezogenen Vokal-Trompeten-Parts, die in einem reizvollen Kontrast zum brodelnden Untergrund stehen. „Sudra Funk“ und „Herbie’s Dance“ sind rhythmusbetonte Fusion-Stücke, dazwischen ist eine stimmungsvolle Expedition nach Indien mit einem reizvollen Dialog zwischen der Oud und der indischen von Rakesh Chaurasia gespielten Flöte Bansuri platziert. In derselben Ecke ist der finale Titel „Ondes of Chakras“ angesiedelt, wo Dhafer Youssef, Chaurasia und Nguyên Lê über Marcus Millers lässige Bassgrundierung solieren. Mittlerweile ist Dhafer Youssef wieder voll im Geschäft und hat letztes Jahr im Wiener „Porgy & Bess“ eine sechsteilige Konzertreihe mit unterschiedlichen Bands bestritten. Sein jahrelanges Ringen um dieses sehr spezielle Album hat sich gelohnt!

(Back Beat Edition)