Bruno Kreisky (Nils Arztmann) schiebt sein Rad durch den Wiener Arbeiterbezirk. (Foto: Dor Film/Petro Domenigg)
Michael Löbl · 05. Okt 2026 · Musik

Der letzte Liederabend im Jubiläumsjahr

50 Jahre Schubertiade - ein Kammerkonzert zum Abschluss des Jubiläumsprogramms 2026

Der letzte Liederabend des Jahres fand am Samstagabend mit Alexander Grassauer in Hohenems statt. Was für ein Abschluss! Der 30-jährige österreichische Bassbariton gab 2024 sein Schubertiade-Debüt. Im August des nächsten Jahres wird er mit der „Winterreise“ in Schwarzenberg zu hören sein. Es sieht so aus, als ob dieser begnadete Liedersänger in Zukunft öfters in den Programmen dieses Festivals zu finden sein wird.

Ein reines Schubert-Programm hatten Alexander Grassauer und der Pianist Ammiel Bushakevitz für den letzten Abend der diesjährigen Schubertiade im Markus-Sittikus-Saal Hohenems vorbereitet: drei Lieder nach Texten von Johann Mayrhofer sowie den „Schwanengesang“, Schuberts dritten Liederzyklus nach der „Schönen Müllerin“ und der „Winterreise“. Dieser steht ja in dem Ruf, von Schubert gar nicht als Zyklus konzipiert worden zu sein, vielmehr soll der Verleger Tobias Haslinger die 14 Lieder nach eigenem Gutdünken zusammengestellt haben, um Schuberts Musik besser verkaufen zu können. Weitere Argumente: Der „Schwanengesang“ hat keine durchgehende Handlung und die Texte stammen nicht von einem, sondern von zwei Autoren: Ludwig Rellstab und Heinrich Heine. 

Zyklus oder nicht?

Das ist alles richtig. Aber eine durchgehende Handlung hat die „Winterreise“ auch nicht, und ob Schubert nicht doch einen Zyklus im Kopf hatte, wird wohl nie endgültig geklärt werden. In seiner Handschrift sind 13 der 14 Lieder, die Schubert innerhalb von drei Monaten in seinem Todesjahr 1828 komponiert hat, jedenfalls hintereinander angeordnet. Aber all dieses Für und Wider wird obsolet, wenn man im Konzert sitzt und den „Schwanengesang“ hört. Die Zusammenstellung ist aus einem Guss, die Abfolge der Lieder klingt tatsächlich viel mehr nach einer gewollten organischen Zusammenstellung als nach einer beliebigen Aneinanderreihung. Alleine das Lied Nr. 14 „Die Taubenpost“ mit einem Text von Johann Seidl ist ein Fremdkörper und wurde definitiv von Tobias Haslinger in den Zyklus eingefügt.  
Die gedruckte Reihenfolge wird immer wieder verändert, viele Sänger wählen ihre eigene, individuelle Dramaturgie. Auch Alexander Grassauer und Ammiel Bushakevitz haben die Anordnung innerhalb der beiden Blöcke, die von den Textautoren vorgegeben sind, neu konzipiert. Der erste Teil beginnt mit dem „Abschied“ und endet mit „Kriegers Ahnung“, das erste Lied im zweiten Teil ist „Das Fischermädchen“, das letzte „Der Atlas“.
Alexander Grassauer, der übrigens auch hervorragend Orgel spielt, stammt aus der Steiermark und hat wirklich alles, um als Liedinterpret international Karriere zu machen. Zur sehr sympathischen Bühnenausstrahlung kommt eine absolut ausgefeilte Gesangs- und Atemtechnik gepaart mit vorbildlicher Textverständlichkeit. Dazu eine Stimme mit vollem, rundem Timbre in allen Lagen, einem riesigen Dynamikbereich, das alles stets kontrolliert im besten Sinne, ohne akademisch zu wirken. Im Gegenteil, Grassauers musikalische Gestaltung wirkt sehr natürlich und spontan, sie folgt stets auch den kleinsten Nuancen des Textes. Mehrere Lieder werden zu erschütternden Minidramen ausgestaltet und hier zeigt Alexander Grassauer seine Fähigkeit zu musikalischer Dramatik, die den Opernsänger nicht verleugnen kann. Dieser Künstler überzeugt durch Kraft ohne Anstrengung und kommt nie an sein stimmliches Limit.  

Inspirierende Partnerschaft

Ein Glücksfall ist die musikalische Partnerschaft mit dem Pianisten Ammiel Bushakewitz. Er gestaltet Schuberts Klavierpart besonders abwechslungsreich und gibt jedem Lied eine andere Klangcharakteristik. Trotz offenem Deckel war der Steinway-Flügel nie zu laut, Bushakevitz differenzierte in Millisekunden zwischen solistischem Klang und Begleitung. Nach jedem Lied wuchs der Wunsch, diesen Pianisten einmal solistisch zu erleben. (Bei Hänssler Classic entsteht zurzeit eine CD-Serie mit Schubert-Klavierwerken.)
Alexander Grassauer hat seine Karriere klug aufgebaut. Wichtige Preise bei bedeutenden internationalen Wettbewerben führten zu Engagements im Opern- und Konzertbereich. Als ehemaliges Ensemblemitglied des Münchner Gärtnerplatztheaters konnte Grassauer ausreichend Bühnenerfahrung sammeln, die ihm in nächster Zeit in der Semperoper Dresden, der Wiener Staatsoper, in der Münchner Oper und vor allem in Bayreuth unter Dirigenten wie Franz Welser-Möst oder Christian Thielemann gute Dienste erweisen wird. Daneben kann er als Freelancer seine Opernengagements gezielt auswählen und genügend Termine freihalten für die Pflege des Liedrepertoires.
„Die Taubenpost“ wurde trotz ihrer Beliebtheit im offiziellen Programm bewusst ausgelassen. Als Zugabe funktionierte dieses Lied perfekt und sorgte dafür, dass am Ende des Konzertes dann doch alle 14 Lieder des Zyklus „Schwanengesang“ zu hören waren. Die Reaktionen der Konzertbesucher:innen zeigten: Alexander Grassauer wurde bereits in den erlauchten Kreis der Schubertiade-Sänger aufgenommen.

www.schubertiade.at