Bilder, die überleben
Tom Stoppards „Leopoldstadt“ in Bregenz
Die Inszenierung von Tom Stoppards „Leopoldstadt“ am Vorarlberger Landestheater ist ein Abend über Erinnerung und Vergessen und darüber, wie schnell aus Zugehörigkeit Ausgrenzung werden kann. Unter der Leitung von Johannes Lepper besticht die Inszenierung durch exzellente schauspielerische Leistungen und ein opulentes Bühnenbild. Das 2020 in London uraufgeführte Stück ist in der deutschen Fassung von Daniel Kehlmann auf der Werkstattbühne zu sehen.
Großmutter Emilia Merz (gespielt von Sabine Wegmann) sitzt im Salon und sieht sich das Fotoalbum an. Sie bedauert, dass nicht alle Fotos beschriftet sind, denn wer keinen Namen trägt, der wird vergessen. Ihr fällt ein Foto in die Hände, auf dem Menschen aus einem Eisenbahnwaggon schauen und winken.
Der erste Akt spielt im Jahr 1899 und porträtiert die wohlhabende, jüdische Familie Merz, wie sie gerade Weihnachten feiert. Ein Judenstern verirrt sich auf den Christbaum, und Hanna spielt am Klavier „Stille Nacht“. Auf dem Klavier steht ein siebenarmiger Leuchter. Drei Generationen treffen sich bei Großmutter Merz, es herrscht eine ausgelassene Stimmung mit Kunstschnee für die Kinder und Whiskey für die Erwachsenen.
„Früher mochte man uns nicht, weil wir Jesus ermordet haben“
Sie sind assimilierte Juden, teilweise katholisch getauft, weltoffen und belesen. Das zensurierte Stück „Der Reigen“ von Arthur Schnitzler wird ebenso diskutiert wie das gerade erst erschienene Werk „Die Traumdeutung“ von Sigmund Freud. Hermann Merz (Thieß Brammer) und sein Schwager Ludwig Jakobovicz (Michael Witte) debattieren heftig darüber, ob es einen jüdischen Staat brauche oder ob die Juden in Wien nicht eine viel bessere Zukunft haben. Die Zukunft scheint dem reichen Textilfabrikanten Merz wohlgesonnen. Doch es kommen schon erste Zweifel auf, wie gut die Juden wohl in Wien behandelt werden. „Früher mochte man uns nicht, weil wir Jesus ermordet haben, jetzt mag man uns nicht, weil wir Juden sind“, mischt sich Emilia in die Debatte ein. Die Taufe allein reicht nicht, um ganz assimiliert zu sein. Späße über die Taufe und die jüdische Beschneidung zeichnen ein fröhliches Bild dieser Großfamilie, die mit 15 Personen auf der Bühne vertreten ist. Gretl (Rebecca Hammermüller) hat eine Affäre mit einem deutschen Offizier (Luzian Hirzel), auch das ist die Realität in dieser gehobenen Welt der Bourgeoisie. Im ersten Akt erschaudert man als Zuschauer:in bereits, weiß man doch, wie die Geschichte weitergeht.
Großartige Ensembleleistung
Das große Ensemble (die Schauspieler:innen besetzen in den unterschiedlichen Akten verschiedene Personen) besticht durch hervorragendes Spiel. Besonders die Frauenfiguren tragen die emotionale Last des Abends: Von Sabine Wegmanns stolzer Großmutter Emilia über die verzweifelte Hoffnung von Eva (Maria Lisa Huber) bis hin zur schmerzhaften Aufarbeitung durch die überlebende Rosa (Nanette Waidmann) wird das generationenübergreifende Trauma dieser Familie spürbar. Auch die Kostüme (Monika Gebauer) und die Bühne mit dem großen Kristallluster (Doreen Back) sind grandios. Ist der erste Teil bis 1938 vielleicht etwas zu plakativ auf die Assimilation zugespitzt (das oftmalige Erwähnen von Taufe und Beschneidung ist etwas zu viel des Guten), so bringt der zweite Teil eine sehr treffsichere Darstellung des Grauens und einen beklemmenden Schluss. Ein drehendes Bett und ein drehender Langtisch versinnbildlichen hervorragend die Beschleunigung des Weltgeschehens.
Ohrenbetäubender Radetzky-Marsch
Der zweite Akt wird mit einer verstörenden Tanzszene und ohrenbetäubendem Radetzky-Marsch eingeläutet. Dazwischen immer wieder Maschinengewehrsalven. Diese und andere Einspielungen sind leider viel zu laut ausgefallen. Jakob (wunderbar gespielt von Nico Raschner-Ernst) taumelt mit einer Gasmaske über die Bühne. Er ist das Sinnbild eines Juden, der im Ersten Weltkrieg für Österreich gekämpft hat, nun aber als Halbinvalide verbittert kämpferisch auf die Welt blickt. Das Österreich von früher gibt es nicht mehr, trotzdem träumt Hermine (Isabella Campestrini) von einem Leben in Amerika. Die Fotos aus dem Familienalbum, die im ersten Akt vorkommen, liegen bereits am Boden und sind nicht mehr eingeordnet. Ein gut gesetztes Sinnbild des Zerfalls und des Grauens.
Die Welt bricht im Grauen zusammen
Der dritte Akt offenbart dann die ganze Vernichtungsmaschinerie des NS-Regimes und die Dimension des Holocausts. Ein NS-Scherge (sehr überzeugend gespielt von Luzian Hirzel) besucht die Familie Merz beim Novemberpogrom 1938 in ihrer Wohnung und stellt die sogenannten „Umzugsscheine“ aus. Wie die Tyrannei die Familie bricht, wird vor allem am Schicksal von Stella (Olga Gubina) spürbar, deren großbürgerliches Leben in dieser Szene brutal zertrümmert wird. Hirzel trifft den brutalen Ton und die Verächtlichmachung der anwesenden Juden haargenau. Sein zynisches Spiel erinnert an den Quentin-Tarantino-Film „Inglourious Basterds“. Das Finale im vierten Akt, als sich die drei Überlebenden des Holocaust, Rosa (Nanette Waidmann), Nathan (Thieß Brammer) und Leo (Nurettin Kalfa), 1955 wieder treffen, ist bedrückend. Leo – das Alter Ego von Tom Stoppard – ist als kleiner Junge nach England gekommen und hat das schreckliche NS-Regime nicht miterleben müssen. Gerade deshalb empfindet er Schuld. Rosa sieht sich die ganzen Fotos an, es sind jetzt viel mehr Fotos mit vielen Menschen und nur wenige Personen auf der Bühne übrig.
Es könnten die Urlaubsfotos von Juden sein, die sie in ihren Koffern nach Auschwitz dabei hatten und die ihnen abgenommen wurden. Ein Koffer mit Fotos hat den Holocaust überlebt. Es sind über 2.400 Fotos, die in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau angesehen werden können. Man erschaudert, wenn man in die Gesichter dieser glücklichen Menschen am Strand oder auf ihrer Hochzeitsreise blickt und weiß, dass sie qualvoll umgekommen sind. Viele sind namenlos. Einigen konnte durch umfangreiche Forschung ihr Name zurückgegeben werden. Damit sie nicht vergessen werden.
Weitere Aufführungen:
6./7./8./9./10.10., 19 Uhr
11.10., 17 Uhr
Vbg. Landestheater auf der Werkstattbühne im Bregenzer Festspielhaus
www.landestheater.org