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Ingrid Bertel · 14. Mai 2024 · Literatur

Der Glanz der Seegräser

Zum 50. Todestag von Paula Ludwig liegen erstmals alle Traumtexte der kosmopolitischen Dichterin aus Feldkirch vor.

Als Sigmund Freud an seiner „Traumdeutung“ arbeitete, da hatten auch die Schriftsteller das Potenzial der Träume entdeckt. Marcel Proust begann seine epochale „Suche nach der verlorenen Zeit“ mit den knappen Worten „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“, um sogleich zu notieren, welche Bilder ihm im halbwachen Zustand begegneten. „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“, begann Franz Kafka eine seiner vollkommenen Erzählungen. Auch die babylonischen Wortgebilde von James Joyce folgen Traumpfaden. Von den Surrealisten und ihrer Faszination für die Écriture automatique ganz zu schweigen. Die Zahl großer Autoren:innen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, jenen Erzähler:innen, die sich unruhigen Träumen widmeten, wäre wohl beliebig fortsetzbar. Über 40 Jahre lang hat auch Paula Ludwig ihre Träume notiert und in faszinierende Kurzprosa verwandelt. Das zeigt nun der sorgfältig edierte Band „Träume“, der erstmals auch alle nachgelassenen Traumtexte enthält.

Geboren wurde Paula Ludwig in einem Schloss. Das klingt zwar märchenhaft, war es in Wirklichkeit aber nicht. Das Schlösschen Amberg in Feldkirch war damals nämlich eine rechte Bruchbude. Doch die ersten neun Lebensjahre, die Paula Ludwig dort verbrachte, bilden nach ihrer eigenen Aussage den Fundus ihrer Traumbilder: „Meine Heimat wurde zum Ursprung meiner Träume, mein Heimweh zum Wurzelstock aller späteren Blüten.“ Nicht zufällig spricht sie von Wurzeln und Blüten – die Natur dominiert alles in ihren Träumen. Sie seien wie wilde Blumen, die sie weder gesät noch gepflanzt habe. „Ich habe darum an meinen Träumen nichts verändert, nichts hinzugefügt, nichts weggetan.“
Dass das so nicht stimmt, belegt der von Chiara Conterno und Ingrid Fürhapter herausgegebene Band „Träume. Traumaufzeichnungen und Texte aus dem Nachlass“. Fürhapter zeichnet darin verantwortlich für den Kommentar, also die genaue Auflistung der Traumnotate, Überlieferungs- und Entstehungsgeschichte, Textvergleiche zwischen Manuskripten und Veröffentlichungen, Briefe und Interpretationsansätze. Conterno steuert ein erhellendes Nachwort bei.

Der Strahlende und die Biene Maja

Paula Ludwig wurde im Jahr 1900 geboren, dem Jahr, in dem – nahezu unbeachtet – Freuds „Traumdeutung“ erschien. Gegen dessen Traumanalyse hat sie sich gesträubt. Eher entsprach ihr die Haltung des Modephilosophen Ludwig Klages. „Resolut will sie die von ihr aufgeschriebenen Träume vor jedem interpretatorischen Zugriff schützen“, schreibt Chiara Conterno. „Paula Ludwigs Skepsis gegenüber der Deutung könnte zudem dadurch erklärt werden, dass sie den Traum – in den Fußstapfen von Ludwig Klages – als schöpferischen Akt und als schöpferische Gabe versteht, die durch die Interpretation gestört werden könnte.“ Wie ging sie beim Aufzeichnen ihrer Träume vor?
Anfangs fand sie „Prosa … verflucht schwer zu schreiben“. Der Bestsellerautor Waldemar Bonsels unterstützte sie, kritisierte sie allerdings auch so scharf, dass sie 1929 ein geplantes Buchprojekt zunächst aufgab. Als sie ein Stipendium der Abraham Lincoln Gesellschaft erhält, kann der Band „Traumlandschaft“ erscheinen. Er beginnt mit dem Text „Der Strahlende“. Der ist „ein Mensch mit einem Löwenhaupt. Rings um sein Haupt stehen goldene Strahlen“. 
Der „Strahlende“, der auch in weiteren Traumerzählungen erscheint, ist Waldemar Bonsels, Erfinder der „Biene Maja“. In der profanen Wirklichkeit büßte er für Paula Ludwig das Strahlen allerdings bald ein. Sein Antisemitismus stieß sie ab. Als er sich 1933 den Nazis andiente, war es mit der Freundschaft schon lange vorbei, und das Strahlenhaupt gehörte nunmehr dem 1917 geborenen Sohn Friedel: „Ich sah meinen Sohn – aber er trug statt seines Kopfes ein Sonnenblumenhaupt.“

Der Prinz in der Handelsschule

Angst um diesen Sohn, den sie als Teenager geboren hatte, taucht in vielen Träumen Paula Ludwigs auf. „Man hatte mir meinen fünfjährigen Sohn gestohlen“, heißt es etwa in „Die Wahl“. Wie schwierig das Leben um 1920 als jugendliche Alleinerzieherin war, kann man sich heute nur schwer vorstellen. Paula Ludwig verwandelte die Ängste, die sie dabei ausstand, in knappe, bildreiche Erzählungen. 
Geldsorgen plagten sie ein Leben lang, dennoch hielt sie an ihrem Traum zu schreiben fest, lebte zunächst in München, dann in Berlin in Künstlerkreisen, konnte zwei wohlwollend aufgenommene Gedichtbände veröffentlichen und lernte, die „verflucht schwere“ Prosa zu schreiben. Dass Träume auch witzig sein können zeigt sich da. Der König von Dänemark etwa schickt seine Söhne in die Handelsschule – unwillkürlich stellt man sich Hamlet als Buchhalter vor. In einem anderen Traum trägt der Bischof ein hohes, spitzes Hütlein und ein rundes Mäntelchen und wendet sich fragend an die Träumerin: „Sie denken wohl, ich bin ein Kasperl?“ 
Keine Kasperl waren die Nazis. Nach ihrer Machtergreifung in Deutschland zieht Paula Ludwig zu einer Freundin nach Tirol. Dort wird sie von der Gestapo als gefährliche Ausländerin überwacht. „Ich lag im Friedhof“, so beginnt – Jahrzehnte später – ein Alptraum, in dem ihr selbst das Leichentuch weggezerrt wird. Das Grauen des Nationalsozialismus verändert ihre Traumnotate nachhaltig. 
„Meinen Sohn wollten sie abführen. / Ich schrie – ich schrie – / Da sagte der Militärmann zu mir: / ,Jeden Schrei, / den Sie jetzt ausstoßen, / lassen wir Ihren Sohn büßen!‘ / Da verstummte ich.“
Paula Ludwig war am Tag nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Österreich zunächst nach Paris geflohen und auf der Flucht von ihrem Sohn getrennt worden. Sie landete im französischen Internierungslager Gurs. Ihr Traumtext „Campo de Gurs“ – der einzige, der einen konkreten Ort benennt – beschreibt den Ausbruch aus dem Lager, „zuunterst meine eigene Angst, und darüber getürmt das Entsetzen der Menschheit“. Der Nationalsozialismus sollte Ludwigs Träume beinahe ausnahmslos in Alpträume verwandeln.
„Karren wie Metzgerkarren fahren vollbeladen mit menschlichen Fleischklumpen über das Schlachtfeld. Wo ich hinschaue, sehe ich nur Knäuel von blutigen Leibern.“ Den hellsichtigen Traum veröffentlichte sie 1935. Sie nannte ihn „Krieg“.  

Schattenliebe der Farne 

Paula Ludwig trotzt dem Verstummen. Sie sieht das eigene Leid, aber noch viel deutlicher das Leid der Verfolgten, der Fliehenden, der dem Morden Preisgegebenen. Auch nach 1945 unter dem Verdikt, dass nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ein Verbrechen sei. Gedichte hat sie nicht mehr geschrieben, sehr wohl ihre besondere und sehr anspruchsvolle Variante der Kurzprosa, wie Chiara Conterno analysiert:  „Inhaltlich geht es um ein Maximum an Spontaneität, um ein unkontrolliertes Fließen unbewusster Subjektivität oder kosmischer Kräfte. Bei der strengen, reduzierten Form geht es hingegen um ein Maximum an Kontrolle.“ Die Kontrolle besteht in der bewussten sprachlichen Gestaltung, in Formulierungen wie „die Schattenliebe der Farne“, die auf eine intensive Auseinandersetzung mit dem Surrealismus hinweisen, zumal mit der Lyrik Yvan Golls. Mit ihm verband Paula Ludwig eine leidenschaftliche Liebesbeziehung, die etwa in den Gedichtband „Dem dunklen Gott“ (1932) einfloss. „Kannst du nicht lieben ohne zu leiden?“, heißt es auch im Traum „Trennung“. Die Antwort lautet: „So lieben kann nur ein Weiser – aber ein Weiser liebt nicht.“
Als Paula Ludwig nach 1953 nach Europa zurückkehrte, muss sie ungeheuer erschöpft gewesen sein. Nur im Traum noch sieht sie am Comer See „ein kleines Gras – das war aus dem Stein herausgewachsen“. In so ein kleines Gras möchte sie sich verwandeln. Nichts ist in ihren Träumen lebendiger, zäher und zarter als die Natur, und in einem Glücksmoment winken drei Mädchen und beteuern: „Wir stammen aus dem Geschlecht der Seegräser.“ 

Dieser Text ist bereits in Print-Ausgabe der KULTUR Mai 2024 erschienen.

Paula Ludwig: Träume. Traumaufzeichnungen und Texte aus dem Nachlass. Hrsg. u. komm. v. Chiara Conterno und Ingrid Fürhapter, Verlag Wallstein, Göttingen 2024, 400 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-8353-5572-9, EUR 29,90