María Esperanza, die einst gefeierte kolumbianische Bolero-Sängerin, begeistert auch mit 93 Jahren noch mit ihrer Stimme und ihrer Lebensfreude. (Foto: Bastian Innfeld)
Michael Löbl · 19. Aug 2026 · Musik

Der dritte Streich

Dem Opernstudio der Bregenzer Festspiele gelang eine hinreißende Version von Gaetano Donizettis Oper „L’elisir d’amore“.

Nach „La Traviata“ am See und „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ im Haus sorgte am Montagabend „Der Liebestrank“ im Theater am Kornmarkt schon wieder für Standing Ovations.

Der Erfolgssommer der 80. Bregenzer Festspiele ist noch nicht zu Ende. Zu Beginn der letzten Festspielwoche konnte das Publikum in der Premiere von „L’elisir d’amore“ die dritte erfolgreiche Opernproduktion dieses Jahres bestaunen. 

Gelungener Transfer

Eigentlich war es keine Überraschung. Junge Sängerinnen und Sänger, ein junger Chor, eine prominente Regisseurin mit einem originellen Konzept, dazu eine Italienerin am Pult des Symphonieorchesters Vorarlberg – was sollte da schon schiefgehen? Ein Zauberwort dieser Produktion ist: Jung! Wenn auf der Bühne wirklich alle jung sind, also niemand weit über dreißig, verändert das jedes Stück mindestens genauso wie ein Regiekonzept. Das gilt auch für den auf elf Personen reduzierten Chor. Nur so konnte die Idee, Donizettis Opera buffa von einem italienischen Dorf in eine amerikanische High School zu transferieren, umgesetzt werden ohne peinlich zu wirken. Denn allzu oft führen solch einschneidende Orts- und Epochenwechsel – Kennwort deutsches Regietheater – zu geschmacklosen und sinnbefreiten Ergebnissen.
Aber die Idee mit der High School ging auf und tat dem Stück sogar gut. Da italienisch gesungen wurde, konnte man beim Text großzügig sein, die Übertitel wurden leicht modernisiert und dem Regiekonzept angepasst. Im Grunde musste man nur alles Militärische loswerden, denn in dieser Inszenierung ist Belcore kein Unteroffizier, sondern Teamchef der Basketballmannschaft, eine Mischung aus Sportskanone und Mädchenschwarm. Dieser Switch hätte mit legendären Interpreten dieser Rolle wie Leo Nucci oder Rolando Panerai vermutlich nicht funktioniert.

Auf dem Sprung

Das Opernstudio der Bregenzer Festspiele, eine Erfindung der ehemaligen Intendantin Elisabeth Sobotka, vereint Sängerinnen und Sänger an der Schwelle von der Ausbildung zum Festengagement. Die meisten von ihnen sind oder waren gerade an einem Opernstudio eines großen Hauses und sind auf dem Sprung zur internationalen Karriere. Während sie in ihren Stammhäusern meist mit kleineren oder mittleren Rollen betraut werden, können sie in Bregenz eine Hauptrolle studieren, intensiv proben und in vier Vorstellungen dem Publikum präsentieren. Das kann ihnen dann niemand mehr nehmen.
Der jugendlichen Mannschaft auf der Bühne stand ein erfahrenes Leading Team gegenüber. Die Regisseurin Anna Kelo aus Finnland sorgte vor zwei Jahren durch ihre hochgelobte Inszenierung von Richard Wagners „Ring“ an der Finnischen Nationaloper international für Aufsehen. Auch die Bühnen- und Kostümbildnerin Tinde Lappalainen kommt aus Finnland. Und die italienische Dirigentin Danila Grassi gilt als Spezialistin für italienischen Belcanto und arbeitet regelmäßig in England, Italien aber auch an der Staatsoper Stuttgart.

Isoldes Liebestrank

Der erste Akt spielt vor der High School, die ein bisschen aussieht wie ein bunter Bahnhof. Links treffen sich die Mädchen, rechts die Basketballer. Während die Girls mit Klatsch, Tratsch und Selfies beschäftigt sind, liest die attraktive und gebildete Adina ein Buch über Tristan und Isolde und den darin erwähnten Liebestrank. Nemorino hingegen ist in Anna Kelos Inszenierung zunächst ein Weichei, ein Opfer, mit dicker Weste und Rucksack beklagt er sich, dass er bei Adina keine Chancen hat. Das Publikum fragt sich zu Recht, wie diese Konstellation nach zwei Stunden zu einem Happy End führen soll. Zumal sehr bald Belcore, der Topscorer im Basketballteam, die Bühne betritt. Sein forscher Auftritt macht Eindruck, auch bei Adina. Allerdings wird er sich am nächsten Tag in Richtung Militärakademie verabschieden.
Das ist durchaus stimmig, vor allem weil der kleine Chor den Teenagern Leben einhaucht und so die Szene glaubhaft erscheinen lässt. Im Programmheft bedankt sich Anna Kelo explizit bei den Chormitgliedern: „Fast hatte ich das Gefühl, sie hätten meine Arbeit für mich gemacht – einfach dadurch, dass sie so viele Ideen eingebracht und den Figuren immer neue Facetten gegeben haben.“ Das scheint ja eine lustige Probenzeit gewesen zu sein. Die elf Sängerinnen und Sänger unter der Leitung von Jakob Peböck sind zum größten Teil ehemalige Mitglieder des Jugendchores „Voices“ und einer der Hauptgründe, warum dieses Konzept funktioniert. 

Wunderbare Sänger:innenbesetzung

Adina und Nemorino, das sind Iana Aivazian aus Armenien, derzeit im Opernstudio der Bayerischen Staatsoper und der Kroate Emanuel Tomljenović, Absolvent der Opernstudios in Köln, Genf und Antwerpen. Beide sind natürlich bereits Profis, stimmlich und schauspielerisch bleiben da kaum Wünsche offen. Was man bei beiden ein wenig vermisst ist dieser seltene stimmliche Schmelz, ein mediterranes Extra in der Stimme, das so gut zu dieser Musik passt. Der Bariton Yiorgo Ioannou aus Zypern hat diese besondere Klangfarbe. Dazu sieht er blendend aus, spielt den Belcore sehr authentisch und singt großartig. Er wäre mit Sicherheit bereits jetzt ein perfekter Leporello oder Don Giovanni.
Nicht minder überzeugend ist der Auftritt des italienischen Baritons Davide Piva als Dulcamara. Auch er überzeugt durch seine voluminöse, wohlklingende Stimme, aber vor allem durch sein komödiantisches Talent. Dieser Dulcamara mit seinen nicht näher definierten Substanzen, die aussehen wie Energydrinks, hat mit dem unglücklichen Nemorino gleich ein perfektes Opfer gefunden. Sein hochprozentiger Fusel zeigt bereits nach einer ersten Kostprobe große Wirkung.
Der erste Akt ist geprägt von High Energy Level, Action und Sound. Ja, es wird laut gesungen und gespielt, Zwischentöne im Piano sind eher die Ausnahme. Irgendjemand scheint den Sängerinnen und Sängern geraten zu haben, an diesem Abend stimmlich Vollgas zu geben. Dieser Empfehlung sind alle gefolgt. Die Dirigentin Danila Grassi musste mehrmals davongaloppierende Gesangssolist:innen einbremsen, was aber meist in Sekundenschnelle gelang. Ein kleines Meisterwerk ist die Personenregie, die jeden Charakter deutlich definiert und dennoch alles ganz spielerisch aussehen lässt.

Sturmfreie Bude

Schauplatz im zweiten Akt ist eine Party in einer sturmfreien Bude. Was macht man auf so einer Party? Viel trinken, tanzen und ein Karaoke-Duett singen! Musikalischer Höhepunkt ist natürlich die berühmte Arie des Nemorino „Una furtiva lagrima“, ein Paradestück aller lyrischen Tenöre. Hier nahm Emanuel Tomljenović seine Stimme zurück und verzauberte das Publikum mit sensiblem Ausdruck und berührenden Pianotönen. Immer wieder begeisterten kleine Details, zum Beispiel die Enttäuschung der Giannetta, als sie realisiert, dass Nemorinos Botschaft nicht für sie, sondern für Adina bestimmt ist. Im großen Finale zeigt sich noch einmal, wie gut dieses Ensemble stimmlich, musikalisch und mit seiner Spielfreude harmoniert. Dazu gehören nicht nur die vier Protagonist:innen, sondern auch Tanja Jannelli in der kleineren Rolle der Giannetta. Zum Schluss werden alle Probleme und Verstrickungen aufgelöst, Adina und Nemorino werden endlich ein Paar. War jetzt Dulcamaras Liebestrank oder doch Nemorinos Erbschaft der Gamechanger? Wer weiß das schon … 
Auf die drei weiteren Vorstellungen hinzuweisen, ist vergebliche Liebesmüh, sie sind bereits seit langer Zeit restlos ausverkauft. Das Opernstudio ist zu einem Herzensprojekt der Intendantin Lilli Paasikivi geworden und soll auch im kommenden Jahr wieder stattfinden. Allerdings nicht im Theater am Kornmarkt, denn das wird ab nächster Woche generalsaniert und bleibt bis auf Weiteres geschlossen.