David ohne Goliath
Die Chorakademie Vorarlberg mit dem Oratorium „König David“ im Feldkircher Dom.
Nach Händel, Bruckner und Haydn setzte die Chorakademie Vorarlberg unter der Leitung von Markus Landerer dieses Jahr wieder auf eine Rarität. Das Oratorium „König David“ von Arthur Honegger, von ihm selbst als „Symphonischer Psalm“ bezeichnet, wurde in zwei Konzerten am Samstag und Sonntag im Dom St. Nikolaus dem Publikum präsentiert.
Die Schweiz ist ein wunderbares Land und hat viel zu bieten. Bedeutende Komponist:innen aus der Zeit des Barocks, der Klassik oder der Romantik fehlen den Eidgenoss:innen allerdings. Erst um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert betraten – fast zeitgleich – die vier wichtigsten Komponisten des Landes die Bühne: Arthur Honegger, Frank Martin, Ernest Bloch und Othmar Schoeck.
Ein vielseitiger Musiker
International bekannt geworden ist vor allem Arthur Honegger. Seine fünf Symphonien, das Oratorium „Jeanne d’Arc“ oder „Pacific 231“, das musikalische Porträt einer Dampflokomotive, werden regelmäßig gespielt und sind durch zahlreiche Einspielungen dokumentiert. Wenn vielen Schweizer:innen vielleicht seine Musik auch nicht geläufig ist, wissen sie zumindest, wie Arthur Honegger ausgesehen hat: Sein Porträt zierte jahrzehntelang die alte 20-Franken-Banknote. Honegger studierte in Zürich und Paris, war befreundet mit Komponistenkollegen wie Igor Strawinsky, Darius Milhaud oder Francis Poulenc, arbeitete als Dirigent, Liedbegleiter und Musikjournalist, komponierte Operetten, Ballette, Bühnen- und Filmmusik, Chor- und Orchesterwerke sowie Kammermusik.
„König David“ war ursprünglich als Bühnenmusik für ein Theaterstück mit Schauspieler:innen, Chor und kleinem Ensemble konzipiert und so wurde es 1921 in der Nähe von Lausanne auch uraufgeführt. Erst später bearbeitete es der Komponist als Oratorium mit drei Gesangssolist:innen, Sprecher und großem Orchester. In dieser Fassung wird es heute zumeist gespielt. Markus Landerer hat allerdings für seine Aufführungen in Feldkirch mit der Chorakademie Vorarlberg die ursprüngliche Ensembleversion nur mit Bläsern, Schlagzeug, Klavier, Akkordeon und Celesta gewählt.
Dabei stand das Projekt nicht immer unter einem guten Stern. Für die Weihe von Josef Grünwidl zum neuen Erzbischof von Wien wurde ausgerechnet jenes Wochenende auserkoren, das für die Konzerte mit der Chorakademie reserviert war. Als Domkapellmeister von St. Stephan galt für Markus Landerer natürlich Anwesenheitspflicht, denn dieser Anlass sollte von der Dommusik musikalisch gestaltet werden. Ein neuer Termin für Vorarlberg musste her. Die Wahl fiel auf das letzte Wochenende im Februar trotz mehrerer Konkurrenzveranstaltungen anderer Chöre. Der Rheintaler Bach-Chor führte gemeinsam mit dem Concerto Stella Matutina Bachs Matthäus-Passion in Götzis und Altstätten auf, dazu gab es noch ein Benefizkonzert des Kammerchores Vocale Neuburg in Bregenz.
Nur eine Randnotiz
Ungeachtet dieser Widrigkeiten war der Feldkircher Dom am Samstagabend gut besucht. Chor, Solist:innen und Ensemble füllten den Altarraum, auf der Kanzel hatte sich der Erzähler häuslich eingerichtet. Als man Arthur Honegger viele Jahre nach der Komposition auf sein Jugendwerk ansprach, meinte er, dass ihn beim Hören stets starke Schläfrigkeit befalle. Geht es nur ihm so? „König David“ ist vor allem – was genau ist das passende Wort? – kleinteilig. Und dazu auch noch extrem textlastig. Kaum hatte man sich als Zuhörer:in auf eine Nummer musikalisch eingestellt, war sie auch schon wieder vorbei. Der Erzähler brachte ständig neue Personen und Schauplätze ins Spiel einer Handlung, der man – vor allem in der deutschen Fassung – nur schwer folgen konnte. In der vorchristlichen Zeit des Alten Testaments gab es weder eine unabhängige Justiz noch Gewaltenteilung, Gott musste alle Urteile selbst fällen, die Strafen verhängen und vollstrecken. Damit hatte er viel zu tun, wie man allein am Beispiel König Davids mitverfolgen konnte. Die bekannteste Szene aus Davids Leben, sein siegreicher Kampf gegen Goliath, ist bei Honegger nur eine musikalische Randnotiz. Ein kurzes Posaunensolo und schon ward der Riese durch David und seine Steinschleuder zur Strecke gebracht.
Barbarische Klänge
Durch die 27 meist kurzen Musiknummern, die sich im Gegensatz dazu mit langen Textblöcken des Erzählers abwechseln, will sich beim Zuhören partout kein Fluss, kein musikalischer Sog einstellen. Oft vermisste man auch die musikalische Entsprechung des Erzählten in der korrespondierenden Musik. Es gibt allerdings eine Passage, in der all diese Bedenken obsolet wurden: der „Tanz vor der Bundeslade“ im zweiten Teil des Werkes. Dieses zehnminütige gemeinsame Crescendo von Erzähler, Chor, Solist:innen und dem Ensemble ist absolut mitreißend komponiert und wurde zum Höhepunkt des Abends. Hier zeigt der junge Arthur Honegger bereits seine Theaterpranke. Aber es sind eben leider nur zehn von achtzig Minuten. Ebenso in Erinnerung bleibt die "Beschwörung der Hexe von Endor" im ersten Teil, vor allem wegen der theatralisch intensiven Gestaltung durch die Mezzosopranistin Veronika Dünser und ihrer wahrlich raumgreifenden Ausnahmestimme. Auch Simona Eisinger (Sopran) und Gernot Heinrich (Tenor) überzeugten durch vokale Qualität und große Wandlungsfähigkeit, mussten sie doch abwechselnd verschiedene, sehr unterschiedliche Rollen verkörpern. Eine Hauptaufgabe hatte der Erzähler Elias Reichert zu bewältigen. Ihm oblag es, die komplizierten Handlungsstränge stringent zu vermitteln und Ordnung in die zahlreichen biblischen Figuren zu bringen. Trotz der tückischen Kirchenakustik tat er das mit klarer, angenehmer Stimme und großer Wortdeutlichkeit.
Dem 60-köpfigen Chor kommt in Honeggers Oratorium eine vielschichtige Rolle zu. Musikalisch mischt Arthur Honegger Psalmengesang, mittelalterliche Kirchentonarten, orientalische Klänge mit Jazz und Johann Sebastian Bach. Honegger selbst sprach von einem „ungehobelten und ein wenig barbarischen Klang”. Markus Landerer hat wie immer gute Arbeit geleistet und die für einige Sänger:innen vermutlich ungewohnte musikalische Klangsprache mit der Chorakademie Vorarlberg überzeugend umgesetzt. Ein Sonderlob gebührt der Sinfonietta Vorarlberg. Vor allem die Bläser hatten an diesem Abend zahlreiche und anspruchsvolle solistische Aufgaben zu meistern und taten dies mit Bravour.
Möglicherweise ist „König David“ ein Werk, das sich beim ersten Hören noch nicht so richtig erschließt. Das Publikum am Samstagabend war dennoch begeistert und spendete allen Mitwirkenden großen und langen Applaus.