Christian Muthspiel & ORJAZZTRA VIENNA & die Stimme von Ernst Jandl: vom Jandln zum Ernst
Wer jemals den experimentellen Lyriker und schier grenzenlosen Sprachkünstler Ernst Jandl (1925–2000) live erlebt hat, wird ganz sicher nicht von einer „Dichterlesung“ erzählen, denn die Auftritte des Wieners kamen einem Naturereignis gleich, das über die gebannte und amüsierte Zuhörerschaft hinwegfegte. Er rezitierte seine Texte nicht nur, er erfüllte sie mit prallem Leben, deklamierte, schrie, flüsterte, gab alles, was ihm Stimmbänder, Zunge und Kehlkopf erlaubten. Er wusste, dass seine Sprechgedichte von dieser Vortragsweise lebten und agierte ohne Netz und doppelten Boden. Kein Wunder, dass ihm die unorthodoxen Formen des Jazz nahestanden.
Folglich arbeitete er immer wieder mit diversen, aus den Vienna Art Orchestra-Akteuren Wolfgang Puschnig, Woody Schabata, Matthias Rüegg, Uli Scherer, Bumi Fian, Klaus Dickbauer und Lauren Newton bestehenden Bands zusammen („Bist Eulen?“, 1984; „Vom Vom Zum Zum“, 1988; „Lieber ein Saxophon“, 1991), oder mit Dieter Glawischnig & der NDR Big Band („Laut und Luise & Aus der Kürze des Lebens“, 1995). Auch Christian Muthspiel stand ab den 1980-er Jahren oftmals mit Jandl auf der Bühne und reüssierte – nach dem Tod des Sprachkünstlers – ab 2005 mit seinem mehr als hundert Mal aufgeführten Solo-Programm „für und mit ernst“, bei dem er mit Posaune, Klavier, Perkussionsinstrumenten und raffinierter Loops Ernst Jandls vom Band kommende Stimme exzellent ins perfekt schräge musikalische Umfeld implementierte. Im Großformat und punktgenau zum 100. Geburtstag und 25. Todestag des Dichters erfüllt Muthspiel nun auch mit seinem seit 2019 bestehenden, 17-köpfigen ORJAZZTRA die experimentellen Sprachkunstwerke mit prallem Leben. Die Doppel-CD „vom Jandln zum Ernst“ erfreut über eine Länge von gut 85 Minuten Laufzeit hinweg mit 21 Titeln, in denen rund 70 Spracheinspielungen von Jandl-Mitschnitten in raffiniert arrangierte, sich lustvoll unterschiedlichster Genres bedienender Muthspiel-Kompositionen eingebettet werden.
Die Texte wurden nicht chronologisch angeordnet, sondern thematisch zusammengefasst, wobei der an den Anfang gesetzte Schwerpunkt Kirche/Religion gleich einen biblischen Einstieg mit dem Jandl-Klassiker „im hanfang war das wort“ ermöglicht. Ein donnerndes Vergnügen zum sprachlichen Albtraum-Gedicht eines jeden Religionslehrers, dem vielleicht auch angesichts „zweierlei handzeichen“ höchstens noch ein „jee - suss“ entfährt. „Blues aus Sprache, Jazz aus Worten, Groove aus Silben“ formuliert Christian Muthspiel in den umfangreichen Liner-Notes (an die anschließend praktischerweise alle Jandl-Texte abgedruckt sind), was perfekt zum Jazz-Schwerpunkt „der takt des drummers“ und „jazz me if you can“ passt. Während sich Jandls Lautgedicht „talk“ nur noch aus diversem „blaablaablaablaa“ zusammensetzt, bleibt einem bei jenen Gedichten das Lachen endgültig im Halse stecken, in denen er einen Blick auf die Abgründe der österreichischen Seele („sein das heuten tag“) oder die nur oberflächlich vergangene NS-Vergangenheit und seine eigenen Kriegserinnerungen („im reich der toten“, „zertretener mann blues“, „wien: heldenplatz“) wirft. Textliche Brutalität wird gerne mit musikalischer Idylle umgarnt, was die Szenerie umso gespenstischer wirken lässt – und manchmal wirkt Jandls Stimme ganz allein im Raum besonders stark. Wut und Humor ganz nah beieinander. Das ORJAZZTRA glänzt mit einem perfekten Gruppenklang, wobei alle Akteur:innen auch mit brillanten Solo-Auftritten begeistern. Einige wenige Stücke hat auch Muthspiel eingesprochen, da keine passenden Jandl-Tonkonserven zur Verfügung standen, etwa das bissige Dialektgedicht „drottl“. Jandls Kurzgedicht „demokratie“ („unsere ansichten gehen als freunde auseinander“) scheint leider so gar nicht in unsere vertrottelte Welt zu passen, hält aber zumindest noch einen Funken Hoffnung am Glühen. Und dieses in jeglicher Hinsicht begeisternde und inspirierende Projekt ist leider auch mit einem Wermutstropfen verbunden, weil sich Christian Muthspiel mit der Präsentationstournee für dieses Album endgültig von der Bühne verabschieden will. Passend zu Jandls „spruch mit kurzem o“ („ssso“) fällt uns da nur noch ein „spruch mit langem e“ ein („ojeee, schadeee“). (col legno)
Konzert-Tipps: 25.9. Spielboden Dornbirn, 26.9. Treibhaus Innsbruck, 25./26.10. Porgy & Bess Wien