Ein Auftakt, der Körper und Geist bewegte
Starker Auftritt des Black Page Orchestra unter der Leitung von Friederike Scheunchen in Bludenz
Mirela Ivičević ist die neue künstlerische Leiterin der Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik (btzm). Mit dem von ihr mitinitiierten Black Page Orchestra, einem eigenen Werk und fünf weiteren aussagekräftigen Kompositionen lieferten sie und virtuose Musiker:innen unter der Leitung von Friederike Scheunchen in der Bludenzer Remise einen herausragenden Einstand. Die dargebotenen Werke boten höchst intensive Klangerlebnisse, wie sie im Land bisher in dieser Form noch nie - oder schon sehr lange nicht mehr zu erfahren waren. Die Wucht mehrerer Kompositionen war durch die elektronische Verstärkung im wahrsten Sinne des Wortes körperlich erfahrbar, regte auf und animierte zum Weiterdenken.
Einen inspirierten Entdeckungsgeist in künstlerischer Freiheit weiterzutragen und Verbindungen zwischen Musiker:innen, Komponierenden und auch dem Publikum zu schaffen, sind zwei bedeutende Intentionen der neuen Intendantin. Das Eröffnungskonzert der diesjährigen btzm stellte die Frage in den Raum, inwieweit neue Musik allein durch ihren musikalischen Ausdruck eine (gesellschafts-)politische Komponente in sich tragen kann.
Mirela Ivičević stammt aus Jugoslawien und ist international als Komponistin erfolgreich. Mit ihrem Werk „Case Black“ für Ensemble und Elektronik stellte sie sich auch als Komponistin in Bludenz vor. Bereits in diesem Werk wurde die wesentliche Aussage deutlich, die alle an diesem Abend präsentierten Kompositionen in sich trugen. Indem sie unterschiedliche Klangereignisse zusammenführte und zueinander in Beziehung setzte, verwendete sie diese auch als Metapher für eine gesellschaftspolitische Botschaft. Nicht das Trennende stellte sie in ihrer Komposition in den Vordergrund, sondern sie konzentrierte sich auf das Verbindende. Mit viel körperhafter Energie interpretierten die Musiker:innen das Werk. Zudem waren die musikalischen Verläufe unter der Klangoberfläche hervorragend miteinander verwoben. Seltsam und für mich unschlüssig wirkte jedoch die unvermittelt angehängte, an Folklore erinnernde Schlusspassage.
Klangwucht und Energie
Eine ebenso starke Gestik und unmittelbare Kraft verströmte das Werk „Utilt Mono“ von Alessandro Baticci. In den Reihen der Musiker:innen saß auch der Komponist selbst an den Flöten; zusammen mit Florian Fennes (Saxofon, Klarinette) Alfredo Ovalles (Klavier) Matthias Kranebitter (Keyboards, Elektronik), Ruben Mattia Santorsa (E-Gitarre), Igor Gross (Schlagwerk), Fani Vovoni (Violine), Irene Frank (Violoncello) und Christina Bauer (Sound Design). Nachdem sich die Ohren an die teilweise ungewöhnliche Verstärkung und Klangmischung gewöhnt hatten, wurden die Qualitäten des Dialogs zwischen den Instrumenten und den Electronics erlebbar.
Øyvind Torvund kombinierte in seinem Werk „plans for future ensemble pieces“ die Musik mit einer Slideshow. Unterhaltsam führte die Geschichte mit Wolfsgeheul in eine Tiefgarage und weckte durch die humorvollen Zeichnungen große Erwartungen. Auch akustisch lenkten zahlreiche originelle Schallfelder die Aufmerksamkeit auf sich, wie etwa das mit kristallinen Klängen ausgestattete „Glasbrecherquartett“. Insgesamt blieb das Werk jedoch eher in einer katalogartigen Aneinanderreihung stecken.
Musik zwischen Faszination und Überforderung
Vielfältige Beziehungen zwischen akustischen Verläufen und Bildsequenzen kristallisierte Yifan Guo in seinem Werk „Folding“ heraus. Dabei entstanden komplexe Reize, die die Wahrnehmung einerseits zwischen Musik und Bildern lenkten, andererseits auch irritierten und bis zur Überforderung geschichtet und gesteigert wurden. Dahinter versteckte sich ein anregender Humor.
Am stärksten beeindruckte Maja Bosnić mit ihrem Werk „mno.go“ für Ensemble, Elektronik und Lärmschutz-Kopfhörer. Schon die Besetzung verdeutlichte, dass es hier um Klangmassen ging, die unmittelbar auf die Körperwahrnehmung der Zuhörenden wirkten. Auch auf den Raum übertrug sich die intensive Energie und Lautstärke der Tieftöner. Das Werk löste teils unangenehme und teils faszinierende körperliche Reaktionen aus. Musik als existenzielle Erfahrung wurde hier erfahrbar gemacht. In Vorarlberg sind derartige Erlebnisse einzigartig und allein aus diesem Grund sehr willkommen.
Abschließend erklang das Werk „How long is now“ von Dror Feiler, das im Auftrag der Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik entstanden ist. Leider war diese Komposition im Programmablauf vollkommen falsch platziert. Nach dem intensiven Klangerlebnis des vorangegangenen Werkes, war meine Aufnahmefähigkeit erschöpft. Die eher laute Performance und der philosophische Hintergrund, der die Musik als Kunstform in der Zeit reflektierte, ergaben eine Diskrepanz, die sich nicht ohne Weiteres erschloss.
Weitere Konzerte im Rahmen der btzm:
Sa, 20.9., 20 Uhr: Alessandro Baticci / Rebecca Lawrence / Isaac Roth Blumfield - „SUDDEN MAGIC“
So, 21.9., 17 Uhr: BLAURENZ DUO (Rebecca Blau, Flöten, Rebecca Lawrence, Kontrabass)
Remise Bludenz
https://www.allerart-bludenz.at