Chris Haring/Liquid Loft: Virtuoses Spiel um Illusion und Wirklichkeit
Grandioser Auftakt der 30 Jahre tanz ist Festival-Edition am Dornbirner Spielboden
Empfangen wurde das tanz ist-Publikum mit einer kurzen Open-air-Performance der in Wien lebenden Japanerin AIKO Kazuko Kurosaki, die im minimalistischen „Why?“ weiß gewandet, mit verbundenen Augen und an Seilen hängenden Steinen beschwert unendlich langsam voranschritt und den Krieg thematisierte. Weiter ging es dann aber indoor. 12 seiner aufsehenerregenden Produktionen hat der geniale Choreograph Chris Haring mit seiner mit den höchsten internationalen Tanz-Awards preisgekrönten Tanz-Performance-Compagnie Liquid Loft schon beim tanz ist-Festival präsentiert, erzählt tanz ist-Gründer und -Mastermind Günter Marinelli nicht ohne Stolz im Rahmen seiner Eröffnungsrede am ausverkauften Spielboden. Kein einziges zu viel, ist man als tanz ist-Dauergast geneigt zu sagen, denn ob „Running Sushi“, „Talking Head“, „Perfect Garden“ oder „Candy’s Camouflage“, „Foreign Tongues – Babylon (Slang)“ oder „Stand-Alones (Polyphony)“ – jedes einzelne dieser Stücke entpuppte sich als faszinierendes und unvergessliches Erlebnis. Und das trifft natürlich auch auf das heuer gezeigte, letztes Jahr am Wiener Burgtheater uraufgeführte „Living in funny eternity_L.I.F.E.“ zu, das all die wirkungsvollen Ingredienzien des genialen Liquid Loft-Multimedia-Mixes in höchster Perfektion bündelt.
Fünf Tänzer:innen, zwei Live-Kameras, zwei Videowände ...
... mehr braucht diese Aufführung gar nicht, um nichts weniger als das gemeinhin als so sonnenklar und unverrückbar empfundene, tatsächlich aber höchst instabile Verhältnis zwischen Illusion und Wirklichkeit kunstvoll aus den Angeln zu heben. Ganz so einfach ist es aber auch wieder nicht, denn dafür braucht es Multitasking-Genies wie Hannah Timbrell, Anna Maria Nowak, Dong Uk Kim, Luke Baio und Dante Murillo, die zumindest drei Jobs gleichzeitig erledigen müssen: Erstens sind sie natürlich Tanz- und Performance-Künstler:innen, die mit ihren offenbar mit Gummigelenken ausgerüsteten, in alle Richtungen beweglichen und dehnbaren, den üblichen Gesetzen der Schwerkraft trotzenden Körpern jegliche Arten von Bewegungen ausführen. Und dabei noch täuschend echt und lippensynchron zu gar nicht so einfachen Texten vom Band den Mund bewegen. Zweitens fungieren sie aber auch als geschickte Kameraleute, die mit zwei Live-Kameras abfilmen, was dann in Echtzeit auf die zwei, den Bühnenraum nach hinten begrenzenden, großen Videowände projiziert wird. Und – last but not least – sind sie drittens auch noch ihre eigenen Requisiteure, die permanent mit irgendwelchen Kleiderbündeln unterwegs sind, denn während sie mit den Kameras hantieren, müssen sie sich auch gleich noch am Bühnenrand für ihren nächsten Auftritt umziehen. Dabei geht es oft weniger um Kostüme im gewohnten Sinn, als um effektvolle Stoffe für manchmal skurrile, manchmal poetische Maskeraden, oder um Stoffe aus extrem dehnbaren Materialien, in die man schlüpfen kann, um durch geschicktes Verdehnen und Formgeben mittels Kopf und Gliedmaßen die abenteuerlichsten Phanatasiewesen entstehen zu lassen. Also mindestens drei Jobs, bei hoffentlich dreifacher Gage ...
Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
Spätestens seit dem Erscheinen des gleichnamigen Bestsellers des österreichisch-US-amerikanischen Philosophen, Psychotherapeuten und Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick im Jahr 1976 könnten an dieser zentralen Frage des menschlichen Daseins Interessierte die Antwort wissen: gar nicht. Diesen Umstand verdeutlichen Liquid Loft mit ihrem virtuosen Spiel um Illusion und Wirklichkeit auf einprägsame Weise. Ein einfaches Beispiel: Irgendwo auf der nicht wie üblich als Black Box, sondern als White Box ausstaffierten Bühne tanzt Dong Uk Kim, wird dabei von einer Kamera gefilmt und groß auf Videowand 1 projiziert. Zu diesem Abbild gesellen sich real und tanzenderweise Dante Murillo und Luke Baio, was wiederum filmisch festgehalten und auf Videowand 2 projiziert wird. Sähe man nur diese, gewänne man ganz sicher den Eindruck, die drei würden direkt miteinander tanzen, weil der Unterschied zwischen abgefilmten und realen Personen nicht mehr zu erkennen ist. Vor den drei filmisch Tanzenden auf Videowandwand 2 beginnen nun Anna Maria Nowak und Hannah Timbrell sich zu verrenken, und es lässt sich leicht erahnen, was herauskäme, wenn sie mit einer dritten Kamera gefilmt und das Ergebnis auf eine dritte Videowand geworfen würde. Nun ist aber eine Liquid Loft-Aufführung natürlich nicht als kommunikationswissenschaftliches Proseminar angelegt, sondern ein Kunstprojekt, und alles, was eben dargelegt wurde, vollzieht sich in einer oftmals magischen, manchmal auch witzigen Atmosphäre. Da entstehen imposante Bilder und beeindruckende, ästhetisch wunderschöne Körperskulpturen – gleichzeitig voller Kraft und magischer Poesie. Mit Spiegelfolien, die zusätzlich Verzerrungseffekte einbringen, wurden manchmal fast schon psychedelische Wirkungen erzielt. Es gibt aber auch Tanzszenen, in denen sich alle Akteur:innen zum Publikum hin ausrichten und ihre Parade-Bewegungen vollführen. – Oder posen? Denn Wahrnehmung und Selbstdarstellung, Körperlichkeit und Täuschung, nicht zuletzt auch in den (a)sozialen Medien, sind ebenfalls Dauerthemen dieser Compagnie.
... und dazu noch Bulbul
Es hat keineswegs etwas Wertendes an sich, wenn hier nun erst an letzter Stelle ein Loblied auf Manfred Engelmayr (E-Gitarre, Vocals), Roland Rathmair (E-Bass, Vocals) und Dieter Kern (Schlagzeug, Vocals) gesungen wird, die unter dem Namen Bulbul schon seit bald einmal dreißig Jahren von Wien aus die Welt mit ihrem Noise-Rock ein ganzes Stück lauter und ein Stückchen interessanter machen. Es ist die erste Band, die in den bald 20 Jahren seit Gründung der Compagnie mit Liquid Loft live die Bühne teilt, und da hat Chris Haring eine wirklich gute Wahl getroffen. Denn diese Meister filigraner Handarbeit innerhalb des kraftvollen, mitunter tumultösen musikalischen Geschehens finden genau die richtigen, manchmal rückkoppelungsgepeitschten Töne, um das visuelle Geschehen akustisch zu erden. Also keineswegs nur als musikalische Behübschung gedacht, sondern ein dramaturgisch wirkungsvoller Bestandteil der Aufführung. Und selbstverständlich ist die Band-Performance perfekt integriert in das Soundkonzept von Andreas Berger, der wie Lichtdesigner Thomas Jelinek von Anfang an zu den unverzichtbaren Protagonisten von Liquid Loft zählt.
„Living in funny eternity“ ist der erste Teil des sogenannten „L.I.F.E.“-Zyklus, in dessen Rahmen letzten Dezember mit „Lost in Freaky Evolution“ auch bereits der zweite Teil uraufgeführt wurde, und mit „IN MEDEAS RES“ hat man brandaktuell auch ein performatives Kammerspiel zum Medea-Stoff am Start. Das wären doch perfekte Anlässe, um Chris Haring/Liquid Loft bald wieder einmal beim tanz ist Festival begrüßen zu können.
Dringende Empfehlung für Kurzentschlossene:
Fr, 14.6. (Noise-)Rock-Konzert mit Bulbul
Sa, 15.6. Liquid Loft & Bulbul
Für den Samstag sollte man sich dringend eine Karte sichern!
Weitere Termine des tanz ist Festivals 2024:
Mi, 19.6. James Wilton Dance
Fr, 21.6. Mélanie Demers/Angélique Willkie
Sa, 22.6. Demestri & Lefeuvre
www.tanzist.at
www.spielboden.at